Vier Tage Ergotherapie – drei davon berichtet Markus (fast) live von europäischen Ergotherapiekongress in Stockholm, Artikelupdates werden immer am Abend fertiggestellt wobei der aktuelle Tag immer an oberster Stelle zu finden ist, für die ganz Interessierten gibt es Live-Tweets via @MarkusKraxner in regelmäßigen Abständen direkt vom Veranstaltungsort, dort lassen sich auch detailliertere Informationen zu den Vortragsinhalten und mehr Bildmaterial finden.


Samstag, 26.05.2012

Die Sessions des Vormittages – benutzerfreundliches Technikdesign, Sturzprävention, Querschnittslähmung, Kunst in der Psychiatrie

COTEC 2012 - Eindrücke vom dritten KongresstagHilfsmittel, ihre Entwicklung, Benutzung und der Beitrag den Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten in diesem Zusammenhang leisten können, stellte das Auftaktthema am Samstag dar – vorgestellt wurde eine Vorlesungsreihe, die Studiengänge aus den Bereichen Ergotherapie und Industriedesign zusammenbrachte. Sehr spannend, vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es wahrscheinlich bald in Österreich möglich sein wird ein Masterstudium mit dem Thema „Health Assisting Engineering“ an der FH Campus Wien zu absolvieren. In der Zusammenarbeit entstanden zum Beispiel Produkte wie ergonomisch gestaltete Vorrichtungen zur Mülltrennung für ältere Menschen oder ein Hilfsmittel zur sicheren Benutzung von Treppen. Insgesamt wurde die Vorlesungsreihe seitens der Studierenden beider Fachdisziplinen als positiv und wertvoll bewertet, und das trotz der Probleme die in den Bereichen Terminkoordination und verschiedener Auffassungs- beziehungsweise Herangehensweisen an Probleme aufgetreten waren. Positiv aufgefallen: zwei Studentinnen kamen in der abschließenden Diskussionsrunde auch zu Wort, Ähnliches ist ansonsten selten passiert.

Die Problematik Sturz bei Multipler Sklerose wurde anschließend thematisiert, und zwar vor dem Hintergrund des Kohärenzempfindens (Sense of Coherence). Neben allgemeinen Grundlageninformationen zur den Variablen des Sturzes bei Klientinnen und Klienten mit diesem Krankheitsbild (48 % mit jährlichem Sturz, 63 % mit ausgeprägter Sturzangst – was wirklich ein hoher Wert ist). Im Rahmen dieser Studie stellte sich heraus, dass eine Erhebung des Kohärenzgefühls als Sturzprädiktor bei diesem Krankheitsbild sinnvoll sein kann – erstens weil Klientinnen und Klienten mit niedrigem Kohärenzgefühl seltener stürzen und zweitens weil das Kohärenzgefühl durch therapeutische Interventionen beeinflussbar ist. Da tun sich ja für Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten ganz neue Tätigkeitsfelder auf…

Ein etwas unergiebiger Vortrag, in dem Freizeitgewohnheiten von Tetra- und Paraplegikern beforscht wurde, schloss sich an, aber dass die Freizeitaktivitäten dieser Gruppe im Allgemeinen reduziert sind und von bestimmten Variablen wie Alter, Geschlecht, Schädigungshöhe, Zeitpunkt der Schädigung und Wohnsituation abhängen, stellte eigentlich keine große Überraschung dar, dass in diesem Zusammenhang klientenzentrierte Vorgehensweisen am zuverlässigsten funktionieren ist ebenso wenig überraschend.

Ein Kunstprojekt aus Woking/UK, während dem Klientinnen und Klienten mit psychiatrischen Krankheitsbildern in der zweijährigen Laufzeit nicht nur Ausstellungen koordinierten, sondern in zahlreichen Workshops auch selbst zu Kunstschaffenden wurden mit dem schönen Namen „Ways of Seeing“ wurde in der nächsten Session vorgestellt. Eine Ausstellung der entstandenen Werke zum Projektabschluss wurde von der Öffentlichkeit sehr gut angenommen, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich positive Effekte bezogen auf das Selbstwertgefühl und der Einschätzungen ihrer eigenen Fähigkeiten eingestellt. Ein sehr beeindruckendes Ding, wer Lust auf mehr Hintergrundinformationen hat, sollte sich folgendes Videomaterial rund um das Projekt Ways of Seeing auf vimeo ansehen.

Die Sessions des Nachmittages – Leben mit Behinderung im Iran, pädiatrische Assessments, psychiatrische Behandlung in Georgien, Therapeutischer Takt

Mit Interviews von Müttern beeinträchtigter Kinder aus dem Iran und den damit einhergehenden Herausforderungen des Alltagslebens wurde der Nachmittagsblock für mich eingeleitet. Abseits interessanter Informationen rund um die Rolle iranischer Frauen in der Gesellschaft (nicht so schlecht, wie man vielleicht meinen möchte), wurde im Rahmen der Studie vor allem die faktisch nicht vorhandene Adaption von öffentlichen Gebäuden und Ähnlichem zutage gefördert. Die familiären Probleme und Herausforderungen, die sich für iranische Frauen durch das Leben mit einem beeinträchtigen Kind ergeben wurden mittels eines berührenden Animationskurzfilmes illustriert. Buchtipp zum Thema Leben im Iran: To the Ends of the Earth (en).

Die Ergebnisse der Evaluation des PEGS (Perceived Efficacy and Goal Setting System) im kulturellen Kontext von Österreich wurden anschließend von Ursula Costa vorgestellt. Das PEGS ist ein betätigungsorientiertes, pädiatrischen Instrument, mit dem sich sowohl eine entsprechende Befundung, als auch mögliche Zielsetzungen für die ergotherapeutische Behandlung herausarbeiten lassen. Im Rahmen der präsentierten Studie wurden Verbesserungen am PEGS zur Verwendung in Österreich sowie eine Übersetzung ins Deutsche erarbeitet, die teilnehmenden Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten haben das PEGS durchwegs als sinnvoll erachtet, die Übersetzung wird aktuell gerade vom Herausgeber evaluiert – in absehbarer Zeit wird es also eine deutsche Version geben.

Gudrun Palmadottir von der Universiät Akureyri in Island hat sich mit dem Thema der Involvierung von Klientinnen und Klienten in Rehabilitationsprozessen auseinandergesetzt…die Ergebnisse ihrer Arbeit zeigten unter anderem, dass Klientinnen und Klienten oft mit den institutionellen Rahmenbedingungen und administrativen Abläufen bezogen auf Rehabilitationsmaßnahmen unzufrieden waren, und dass in Island Informationsdefizite bezüglich der Zugänge zu Reha-Maßnahmen bestehen, zusätzlich hatten die Befragten oft das Gefühl, dass der Outcome ihrer Rehabilitation eher von ihren individuellen Therapeutinnen und Therapeuten abhängig war, als vom rehabilitativen Gesamtpaket. Abschließend wurde auch hier die Wichtigkeit eines klientenzentrierten Behandlungsansatzes als Mittel der Wahl betont.

Ein Einblick in den aktuellen Stand der Behandlung psychiatrischer Krankheitsbilder in Georgien (eines der Länder, die auf gesundheitspolitischer Ebene keine Berücksichtigung von psychiatrischen Störungen vorgesehen haben) war in der nächsten Session zu gewinnen. Aufenthaltszeiten vom mehreren Jahren, ausschliesslich medikamentöse Behandlung und keinerlei Angebot aus anderen therapeutischen Disziplinen bestimmen zurzeit in georgischen Kliniken die Rahmenbedingungen der Behandlung – also eher verwahrend als unterstützend, ähnlich wie in Mitteleuropa vor der Psychiatriereform. Als sinnvolle Betätigungen wurden von den befragten Klientinnen und Klienten zum Beispiel das Kümmern um Mitklientinnen und -klienten, Arbeiten auf der Station und religiöse Aktivitäten benannt, am meisten beklagt wurde die völlige Abwesenheit einer Zukunftsperspektive…irgendwie grauslich…

De für mich beste Vortrag des gesamten Kongresses beschäftigte sich mit therapeutischem Takt und dessen Rolle bei der Genesung von psychiatrischen Erkrankungen. Therapeutischer Takt fußt auf den Prinzipien Präsenz, Verständnis und Engagement – eine diesbezüglich orientierte Vorgehensweise wurde von den befragten Klientinnen und Klienten als äußerst hilfreich und unterstützend wahrgenommen. Für meine persönliche Arbeit im psychiatrischen Bereich hat sich während der Session herausgestellt, dass ich diese Vorgehensweise bisher häufig unbewusst angewendet habe, zusätzlich haben sich ganz interessante Perspektiven auf die Führung künftiger Erstkontaktsgespräche mit Klientinnen und Klienten ergeben – sehr, sehr schön!

Abendessen im Kollegenkreis

Mit sehr schönem Blick auf Stockholm fand am Samstagabend ein gemeinsames Abendessen der Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer im Restaurant Solliden im ältesten Freilichtmuseum der Welt statt – über die Qualität des Essens selbst kann ich aufgrund meiner klimaanlagenbedingten Extremerkältung leider keine Auskunft geben (Brötchen mit Fischmayo, Lachs mit Kartoffelpü und ein Stückchen Schokoladenkuchen, begleitet von GENAU EINEM Glas Wein), aber die Gesellschaft der anwesenden Kollegenschaft der Berufsverbände aus Brasilien und Mexiko stellte sich, nach der Einigung völlig auf ergotherapeutische Gesprächsthemen während des Essens zu verzichten, als extrem unterhaltsam heraus – ich habe viel über Piranhas, Reisen, Essen in anderen Ländern und Musik gelernt…

Fazit – tl;dr

Sehr anstrengend, sehr dichtgepacktes Programm, zu viel Klimaanlagenluft – aber auch gute Organisation, interessante Themen und nette Leute haben den Kongress zu einem in Summe sehr runden Erlebnis gemacht – ich freue mich schon auf den nächsten, der hoffentlich etwas näher an Österreich stattfindet!

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Freitag, 25.05.2012

COTEC 2012 - Eindrücke vom zweiten KongresstagUm 9.50 war Vortragsbeginn, für mich aus mehreren Gründen praktisch – zuerst weil ich ein bisschen länger schlafen konnte, mein Schlafdefizit ist seit Kongressbeginn dann doch ganz rapide gestiegen, und die zusätzliche Zeit am Morgen war auch ganz gut dafür geeignet, mich ausführlich über die Ladenöffnungszeiten in Stockholm zu ärgern. Damit, dass die Bekelidungsgeschäfte hier erst ab 10.00 Uhr (!!!) öffnen, habe ich beim besten Willen nicht gerechnet…gut, dafür geht’s am Abend länger, aber es soll ja Menschen geben, die ihr Bedürfnis nach neuen Klamotten eher am frühen Morgen zu befriedigen trachten…

Die Sessions des Vormittages – Psychiatrie, Ausbildung, Geriatrie

Den Auftakt machte für mich heute ein Ausbildungs- und Internetthema, in Irland haben zwei Universitäten (namentlich Limerick und Trinity) das Experiment gewagt, Studentinnen und Studenten während der Ausbildung mittels eines Blogs die Möglichkeit zu geben, ihre Peer-Learning-Fähigkeiten zu verbessern und ihre Praktikumserlebnisse zu reflektieren, die Inhalte des Blogs wurde sowohl von Studierenden, als auch von Lehrpersonal generiert, zusätzlich waren die Kolleginnen in spe angehalten mindestens einen Kommentar pro Tag zu verfassen. Abschließend wurde herausgefunden, dass weit weniger als die Hälfte der Studierenden das Projekt als sinnvoll erachteten, beide Universitäten stellten ihre Blogging-Aktivitäten nach Projektende ein. Da dürfte bei der Konzeption einiges schiefgelaufen sein, aber es ist ja auch nicht ganz so einfach mit dem Web, wie ich aus eigener Erfahrung weiß…ich musste jedenfalls am Ende herzlich lachen, weil viele Studierende Bedenken hatten, dass das Blog ja bei google gefunden werden könnte, gleichzeitig aber sehr viel Inhalt in dieses komische Facebook kippen, da dürften sich einige Dinge noch nicht so herumgesprochen haben…hust

Anschließend waren „Ältere Menschen in Slowenien“ das Thema, und zwar vor dem Hintergrund bedeutungsvoller Aktivität bzw. Betätigung. Viele Ergebnisse gab es noch nicht zu berichten, da die Studie noch etwas länger laufen wird, aber der Gedanke bezüglich des Einflusses des kommunistischen Regimes vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens auf die Fähigkeit sich überhaupt zum Thema „Bedeutungsvolle Betätigung“ zu artikulieren war in jedem Fall sehr interessant. Nebenbei hat sich vielleicht die Gelegenheit zu einer Podcastaufnahme in Slowenien ergeben – und DAS wäre ja definitiv sehr schön.

Nach der Kaffeepause behandelten die nächsten drei Vorträge das Thema der tagesklinischen psychiatrischen Versorgung in Schweden, als Auftakt wurde das Feld eher allgemein beackert (wobei alle vorgestellten Studien in ein größeres Projekt mit längerer Laufzeit eingebunden sind, das noch ein bisschen weitergehen wird); Nach einer Erhebung des Ist-Zustandes auf den Seiten des Personals und der Klientinnen und Klienten wurde versucht, den Benefit des Aufenthalts für Klientinnen und Klienten durch Interventionen in den Bereichen Schulung und Angebotserweiterung unter ergotherapeutischer Kuratel zu erhöhen, nach der Intervention war allerdings klientenseitig kein signifikanter Unterschied feststellbat, als mögliche Gründe dafür wurden u.a. eine zu geringe Intensität der Intervention, schlechte Compliance der Tageszentren, die Tatsache, dass nicht in allen TZ Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten tätig waren und eine zu geringe Beteiligung von Personal und Klientinnen und Klienten genannt, aber im Endeffekt wusste noch niemand woran genau es gelegen hatte.

Die nächste Studie hatte den Vergleich sozialer Interaktiosniveaus zwischen Klientinnen und Klienten die ein Tageszentrum besuchten, und solchen die dies nicht taten zum Thema. Auch hier gab es keine bahnbrechenden Erkenntnisse, dass soziale Kontakte für Klientinnen und Klienten mit psychiatrischen Krankheitsbildern wichtig sein können, glaube ich auch vorher schon gewusst zu haben…es scheint so, als ob sich die Psychiatrie ein wenig unter den Forschungsinstrumenten windet.

Bezogen auf das Betätigungsengagement in Tageszentrum stellte sich heraus, dass TZ für Klientinnen und Klienten in jedem Fall einen Ort darstellen um Sozialkontakte zu pflegen und gemeinsam Aktivitäten nachzugehen – interessant war hier der Aspekt, dass die Qualität der sozialen Interaktion NACH einer gewissen Zeit gemeinsamer Betätigung von Klientinnen und Klienten wertvoller empfunden wurde, als ohne diese, frei nach dem Spruch „nach getaner Arbeit ist gut ruhen“. Ebenso wurden TZ als Treffpunkt von Klientinnen und Klienten, die sich bereits in weiterführenden, arbeitsrehabilitativen Maßnahmen befanden, weiterhin als wertvoll empfunden.

Die Sessions des Nachmittages – Psychiatrie, Theologie, Geriatrie, Sexuelle Belästigung

Nach der (wie immer) für mich zu kurzen Mittagspause wurde mit einem Vortrag zum Thema „Die Wahrnehmung der Depression in der Allgemeinbevölkerung von Island“ fortgesetzt. Zum Teil ließen sich während der Studie recht kuriose Ergebnisse zutage fördern, so glaubten über 40 % der Befragten, dass Vitamin- und/oder Mineralstofftabletten bei Depressionen hilfreich sein können, aber nur knappe 30 % waren von der Wirksamkeit von antidepressiven Medikamenten überzeugt (!!!). Ca. 40 % der Befragten gaben auch an, dass eine „Charakterschwäche“ eine Ursache für eine Depression sein könnte. Jaaaa hust, auch hier besteht noch Aufholbedarf, kann aber gut sein, dass das in A, D und CH ganz ähnlich gelagert ist. Sehr schön in den isländischen Kulturkontext eingebunden war allerdings die Rekrutierungsmethode, die Fragebögen wurden nämlich in einem Schwimmbad ausgegeben, und das war wirklich ein überragender Erfolg, eine Rücklaufquote von 85 % muss erstmal erreicht werden…

Der folgende Vortrag zum Thema „Occupational Injustice“ einer Theologin aus Moldawien hat es dann allerdings noch nachhaltiger als der isländische Swimmingpool geschafft, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit offenen Mündern zurückzulassen, aber mit ziemlicher Sicherheit aus anderen Gründen. Ich persönlich bin mir ja nicht so sicher, was die Dame uns eigentlich erzählt hat, auch wenn ich meinen Twitterfeed nachträglich betrachte, werde ich nicht schlauer…Ausflüge in Kant’sche Philosophie in Englisch haben mich und zahlreiche Anwesende so sprachlos zurückgelassen, dass am Ende nicht eine Frage gestellt wurde…und ich bin mir noch immer nicht sicher, was da eigentlich erzählt wurde…

Nach einer weiteren Kaffeepause, die durch die Absage eines Vortrages zum Thema „Praktikumserfahrungen von Studierenden in der Psychiatrie“ verlängert wurde (schade, der Vortrag hätte mich wirklich interessiert) waren noch zwei Themen für den heutigen Tag offen: Gemeinsame Aktivitäten im Alter und sexuelle Belästigung von (nicht durch) Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten.

Gemeinsame Altersaktivitäten wurden anhand des Beispiels eines älteren Paares, das gerne zusammen spazieren geht, beleuchtet, Foto-Story mit Fotografierverbot inklusive. Nach Auswertung der gesammelten Daten ergaben sich in Zusammenhang mit dem Erleben der beiden die Themen „Gemeinsam, aber individuell“, „Das ist schon immer so gewesen“, „Erfahrung von Freiheit“ und „Neue Dinge erleben“ – ganz spannend, weil in allen Themen durchaus individuelle Wahrnehmungsunterschiede bestanden, ohne das Erleben von „Gemeinsamkeit“ zu beeinträchtigen.

Zum Abschluss des Tages wurde eine Bachelorarbeit aus Laibach/Slowenien präsentiert, die sich mit dem Thema der sexuellen Belästigung von Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten durch Klientinnen und Klienten befasste. Prinzipiell haben in Slowenien ca. 30 % aller im Gesundheitsbereich Beschäftigten schon sexuelle Übergriffe in einer der möglichen Formen (körperlich, verbal, nonverbal, durch geschlechtsspezifische Diskriminierung) erlebt, hier sind allerdings Übergriffe durck Kolleginnen und Kollegen miteinbezogen. 50 % der befragten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten (n=38, alle aus Laibach) haben an, schon einmal von Klientinnen und Klienten sexuell belästigt worden zu sein, bei jenen, die mit SHT-Klientel arbeiteten, war die Rate zehnmal so hoch – dsbzgl. entspann sich dann allerdings noch eine interessante Diskussion über die Intentionalität der Handlung bei diesen Krankheitsbildern – die meisten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten haben mit jemandem darüber gesprochen, als Sofortmaßnahme wurde von dem meisten das unmittelbare Gespräch mit den betreffenden Klientinnen und Klienten gesucht. 8 % der Befragten haben mit überhaupt niemandem über die Vorfälle gesprochen, schön, dass es nicht mehr waren.

Das war’s für heute, morgen ist extrem dichtes Programm, kann sein, dass es mit der Tageszusammenfassung dann bis Sonntagabend dauert, es ist nämlich Abendessen im Solliden angesagt, und ich fliege Sonntag früh nachhause…

Weblinks

Donnerstag, 24.05.2012

COTEC 2012 - Eindrücke vom ersten KongresstagDas (doch ziemlich dichte) Programm des ersten Tages am COTEC-Kongress 2012 ist absolviert, ich bin froh, dass es in der Herberge aktuell recht ruhig ist, und die Ohren ein bisschen zur Ruhe kommen können und im Gegensatz zu vielen anderen teilnehmenden Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten die noch im Rathaus schwitzen, habe ich den Vorteil schon frisch geduscht zu sein und voller Tatendrang neben einer dampfenden Tasse frischen, schwarzen Kaffees zu sitzen…Zeit eine erste Zusammenfassung zu schreiben.

Kongressort & Organisation der Abläufe

Ich werde versuchen, hier das Klischee der ordentlichen und disziplinierten Schweden nicht allzusehr zu strapazieren, ganz versprechen kann ich das allerdings nicht…der Kongress findet am Stockholmer Messegelände statt, welches mit einer Lokalbahn ca. zehn Minuten Fahrt von der Innenstadt entfernt ist, nach weiteren fünf Minuten Fußmarsch steht man auch schon vor dem Haupteingang – ein wenig näher am Zentrum hätte es aus meiner Sicht ruhig sein können, die Örtlichkeiten wären definitiv vorhanden, aber es handelt sich auch so um keine besondere Strapaze.

Organisieren können sie jedenfalls, die Schweden – Registrierung, Lunchpakete & Kaffee (alles Bio und/oder FairTrade), Beginn- und Endzeiten der Vorträge: Alles wird penibel genau eingehalten und effizient abgewickelt, für mich persönlich ein zweischneidiges Schwert, da ich gerne fünf Minuten zu spät komme – aber in Summe recht beeindruckend. Mit der Genauigkeit kann man es allerdings auch übertreiben, dazu aber später.

Die WLAN-Anbindung ist von einem echten Breitband zwar weit entfernt, für meine Aktivitäten hat es allerdings locker ausgereicht – nur für die Fotostream-Funktion zwischen zwei iOS-Geräten hat es nicht ganz gereicht, aber man kann auch mit einem Tablet fotografieren, auch wenn’s vielleicht nicht so spannend aussieht.

Keynote

Die Keynote wurde von Dr. Rokho Kim vom Europabüro der WHO gehalten und stand unter dem Motto „Gesundheit und Wohlbefinden durch die Vielfalt von Betätigung“ (frei übersetzt), unter anderem wurden recht tiefe Einblicke in die aktuelle und zukünftige Lebenserwartung der Bevölkerung der Länder für die das WHO-Europabüro zuständig ist, und die übrigens den gesamten ehemaligen Ostblock umfassen und somit bis zu Pazifischen Ozean reichen, gegeben. Mir ist vor allem die Folie in Erinnerung geblieben, die den starken Abfall der Lebenserwartung in den ehemaligen Ländern der UdSSR nach deren Zusammenbruch darstellt, aktuell bestehen ungefähr acht bis zehn Jahre Unterschied nach unten im Vergleich zum „entwickelten Kerneuropa“.

Ansonsten war die Agenda „Health 2020“ Hauptthema, die sich mit der Ausrichtung der WHO-Gesundheitspolitik bis zum Jahr 2019 2020 befasst, auch vor dem Hintergrund steigender Vielfalt in der Zusammensetzung der Bevölkerungsgruppen der einzelnen europäischen Staaten. Alles recht interessant, aber sehr viel (geradezu massiv viel) Text auf den Slides und etwas trocken vorgetragen – bei einer Dauer von über einer Stunde konnten manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Gähnen nicht mehr unterdrücken.

Erster Nachmittagsblock – Der ältere Mensch

Hier standen bei den von mir besuchten Sessions die Präsentation der Ergebnisse der Well-Elderly-Study-2 aus Kalifornien, sowie die Konzeption und Umsetzung eines Sturzpräventionsprogramms aus Schweden auf dem Programm. Der erste Vortrag war sehr mühsam, obwohl die Ergebnisse interessant waren, aber viel zu schnell präsentiert und sprachlich wissenschaftlicher als dem Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer guttat, das war zumindest mein Eindruck. Was aber hängenblieb: Nachhaltige Veränderungen im Lebensstil älterer Menschen lassen sich erreichen, aber zusätzlich zu einer Gruppenintervention funktioniert das richtig gut, wenn mindestens fünf Einzeltherapiesitzungen abgehalten werden…das kann man ja bei zukünftigen Verordnungen ja schon berücksichtigen lassen.

In der Sturzprävention gab es für mich nichts Neues, der Goldstandard aus Interdisziplinarität, Balancetraining, Hausbesuchen und Risikoschulung wurde hier in einem Programm an mehreren Kliniken in Stockholm implementiert, Ergebnisse bezüglich der Sturzraten nach der Intervention stehen allerdings noch aus, trotzdem, beeindruckend, was man so alles erreichen kann…schön zu hören, dass das außerhalb von Österreich funktioniert…

Zweiter Nachmittagsblock – Rund um das Arbeitsleben

In der ersten Session gab Sabine Plaehn aus Deutschland einen sehr interessanten Einblick in die Welt der Arbeitslosigkeit in Bremerhaven, hier ist die Arbeitslosigkeit nach dem Zusammenbruch der Schiffsbauindustrie fast doppelt so hoch, wie im Rest von Deutschland. Es gab einiges über die emotionalen Phasen der Arbeitslosigkeit zu erfahren, ebenso über die Veränderung und gegenseitige Beeinflussung von Lebensrollen nach einem Jobverlust. Conclusio: Sinnvolle Betätigung ist wichtig und (ungewollte) Arbeitslosigkeit ist in der Regel immer eine massive Krise – und somit auch eine Chance…

Mit dem Übergang vom Arbeitsleben zur Pension anhand der Population isländischer Fischer hat sich Kristjana Fenger beschäftigt – das hört sich vielleicht absurd an, war aber hochinteressant, v.a. die Tatsache, dass sich sowohl das Planungsverhalten bezüglich des Ruhestandes vor dessen Antritt, als auch eher späteres Antreten der Pension schlussendlich positiv auf das Erleben in der Pension ausgewirkt haben – ist ja dann vielleicht doch nicht so schlecht, dass wir alle länger arbeiten werden müssen.

Letzter Nachmittagsblock – Studiumserleben und Psychiatrie

Mit der Verarbeitung von Praktikumserlebnissen von Studentinnen und Studenten hat sich Teresa Job von der Universität Southhampton auseinandergesetzt – sowohl auf die Erlebnisse mit Klientinnen und Klienten, als auch auf jene mit Praxisanleitern bezogen. Nachdem die initialen Berichte aus den Praktika oft sehr negativ waren, haben sich die Studierenden in einer Reflexionsphase mit denselben Erlebnissen im Rahmen eines Stop-Motion-Filmprojekts auseinandergesetzt und siehe da: danach wurden die betreffenden Erlebnisse deutlich positiver bewertet. Zwei der Kurzfilme wurde gezeigt, die Resonanz im Publikum war enorm.

Last but not least war noch die Psychiatrie im Vereinigten Königreich Thema – genauer gesagt die Versorgung mit Hilfsmitteln von psychisch kranken Klientinnen und Klienten bei körperlichen Gebrechen, einem möglicherweise auch in Österreich etwas vernachlässigtem Thema. In UK wurden Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten als „disability champions“ auf psychiatrischen Stationen eingeführt, und haben sich erfolgreich um die Hilfsmittelversorgung der stationären Klientinnen und Klienten bemüht – deutlich kürzere Versorgungszeiten und eine erhöhte Aktivität auf Seite der Klientel war die Folge.

Abendempfang im Rathaus von Stockholm

Die Stadt Stockholm hat zum Ausklang des Abends alle KongressteilnehmerInnen ins Rathaus (ja, dort findet auch das jährliche Abendessen anlässlich der Verleihung des Nobelpreises statt) zu Wein und Kanapees geladen, hier hat man es meiner Meinung nach allerdings mit der Präzision und Genauigkeit etwas übertrieben. Hunderte von Menschen in der akustisch äußerst unvorteilhaften Vorhalle fünfzehn Minuten warten zu lassen, bis das Buffet eröffnet wurde ist schon sehr lästig für die Wartenden. Ich hatte glücklicherweise Taschentücher dabei, um mir danach die blutenden Ohren zu säubern, aber… Der Wein war passabel, aber für mich war die Geräuschkulisse ingsgesamt zu laut, ich habe mich nach ein bisschen Smalltalk mit Kolleginnen aus Schweden, den USA und Kanada und einem Glas Rotwein (der gut war) schnell verabschiedet und die Ruhe des stockholm’schen Abendverkehrs genossen…

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