Christine Kramer – Zur Autorin

Porträtfoto von Mag. Christine Kramer (Ergotherapeutin)Ich habe 1989 meine Berufsfachschule für Beschäftigungs- und Arbeitstherapie in Bayern abgeschlossen. Seither bin ich in der Neurologie tätig – zuerst drei Jahre in der Rehabilitation – seit 1997 in der Ambulanz in Salzburg. Zwischendurch wollte ich wissenschaftliches Arbeiten und Evaluation lernen, habe mich für ein Psychologiestudium entschieden und dies 1999 abgeschlossen. Die Ergotherapie war immer (außer während zweier Kinder-Karenzzeiten) zumindest geringfügig dabei.

Seit damals bin ich also als Ergotherapeutin am Alltag der Menschen dran – und finde es jedes mal wieder spannend herauszufinden worum es bei diesem Menschen geht und welches Ziel wir gemeinsam erreichen wollen. Für mich eine Art Detektivarbeit in Verbindung mit Respekt vor dem Individuum und meinem  Anspruch kreativ zu sein.

Rahmenbedingungen der ergotherapeutischen Arbeit

Meine Arbeit mit Schlaganfallpatienten bei AVOS (Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsförderung) spielt sich entweder in unseren Therapieräumen ab, oder im Hausbesuch. In der Regel wissen unsere Klientinnen und Klienten sehr genau was ihnen nach Akutversorgung, Reha-Zentren oder Tagesklinik zu Hause noch fehlt: Eine Hand ist ungeschickt, die Kraft schlecht dosiert oder sie nehmen sich zu Hause einfach nicht die Zeit genau an der Verbesserung zu arbeiten. Ich kann sie dann bis zu drei Monate lang in 50-Minuteneinheiten behandeln, in der Regel zweimal pro Woche. In der Einzeltherapie wird an den vereinbarten Zielen gearbeitet.

Verlaufskontrolle mit Alltagstätigkeiten

Als Verlaufsbefund haben sich ganz alltagspraktische Tätigkeiten bewährt (Backen, Knüpfen, Möbel aufbauen, kleine Renovierungsarbeiten…). Dort sind zwar die isolierten Bewegungen nicht sofort unterscheidbar, es zeigt sich jedoch wie handlungstauglich die Hand inzwischen wirklich ist und ob es noch Therapiebedarf gibt.

In den vergangenen Wochen betreute ich fünf Klientinnen und Klienten mit denen ich Blätterteigstangen backen wollte. Einschränkungen gab es bei ihnen in der Tiefen- oder Oberflächensensibilität, bei der Druckanpassung, der Fingerkoordination, der Hand-Hand-Koordination, der Daumenopposition oder auch in den Bereichen der psychischen Belastbarkeit sowie der räumlichen Orientierung.

Aufgabenstellung, Ergebnisse und weitere Therapieplanung

Der als Fertigprodukt gekaufte Blätterteig sollte in Streifen geschnitten, mit Ei bestrichen, mit Salz und Kümmel bestreut und 10 Min. im Ofen gebacken werden.

Fr. A (54 Jahre)

Ohne übersichtliche Ausgangssituation geht gar nichts, d.h. sie kommt sehr schnell ins Handeln, ohne genau über den besten Ablauf nachzudenken. Dadurch wird der Arbeitsplatz unübersichtlich, das zu schnelle Arbeitstempo führt zu Ungenauigkeit – das folgende Gefühl es nicht zu schaffen setzt sie unter Stress.

Als neues Ziel wurde das Erlernen von Selbstinstruktionen vereinbart – im kognitiven Trainingsprogramm wurden vermehrt Planungsaufgaben bearbeitet.

Hr. B (82 Jahre)

Abbildung zweier Hände beim Schneiden ausgerollten BlätterteigesIst vor allem durch eine Störung der Tiefensensibilität beim gezielten Greifen und der Druckdosierung gehandicapt. Im Umgang mit dem Teig schaffte er es jedoch im Verlauf nicht mehr alles zu zerdrücken. Allerdings wurde deutlich, dass auch die weniger betroffene Hand noch von langsamerem Arbeitstempo und visueller Kontrolle profitiert.

Nach zwei weiteren Therapieeinheiten konnte die Behandlung mit diesem sehr disziplinierten und motivierten Klienten beendet werden.

Fr. C (46 Jahre)

Diese Klientin hatte sich in Bezug auf isolierte Fingerkoordination, Kraft, und Koordination stabilisiert, mit ihr wurden die Artikelbilder gemacht. Alles lief gut, allerdings zeigte sich beim Verdrehen der Streifen zu Spiralen, dass die betroffene Hand sich nur schwer gegen die Schwerkraft aus der Supination herausbewegen konnte.

Daraus wurde das nächste Ziel im Verlauf der Einzeltherapie formuliert.

Fr. D (78 Jahre)

Abbildung zweier Hände beim Bestreuen von geschnittenem Blätterteig mit SalzSie konnte sich die einzelnen Arbeitsschritte – wie man die Blätterteigstangen anfertigt – gut vorstellen. Alles lief glatt bis zur Spiralform: Hier hatte sie keine Idee, welche Bewegungen notwendig sind um die Streifen zu Locken zu drehen. Verbale Anleitung (links dreht vor, rechts zurück) half gar nicht. Erst durch die geführte Bewegung wurde es dann klar und sie wusste plötzlich wieder was sie zu tun hatte.

Die Zielvereinbarung sah folgendermaßen aus: Information des Ehemannes darüber, warum verbale Anweisungen nutzlos sein können, und auch jahrzehntelange Erfahrung nicht mehr abrufbar sein kann. Die Stresssituationen in der Küche konnten entschärft werden, und ein Aktivitätsbereich, welcher der Klientin wichtig war und an dem sie Freude hatte, wurde wieder positiv besetzt. Der Ehemann konnte angeleitet werden wie einzelne Handlungsschritte geführt werden können.

Fr. E (69 Jahre)

Abbildung zweier Hände beim Verdrehen von Blätterteigstreifen zu SpiralenSie war bisher in allen Finger-Hand-Funktionsbereichen weit gekommen – wollte aber doch wissen, ob sie für den Hausfasching ihrer Wohnanlage wieder im Stande war die vereinbarten Knabberstangen zu backen. In der Therapiesituation wurde ihr klar, dass die raschere Ermüdbarkeit der betroffenen Hand doch noch zu deutlichen Einschränkungen führt, und sie für die notwendigen Abläufe mehr Zeit einplanen muss.

Nach einem Reflexionsgespräch konnte die Ergotherapie abgeschlossen werden.

Anmerkungen zu den Abbildungen

Abbildung 1: Fingerspannung

  • Die Fingerspannung und Kraftdosierung der linken Hand ist gefordert, ebenso rechts die senkrechte Linienführung (Auge-Hand-Koordination).

Abbildung 2: Sensorik

  • Grobes Salz ist auch bei ungenügender Sensibilität der Fingerspitzen spürbar. Die Streubewegung zeigt die Fingerkoordination. Auch bei schlechter Druckdosierung in den Fingern ist diese Aufgabe gut zu lösen.

Abbildung 3: Koordination

  • Links dreht vorwärts – rechts rückwärts: Dabei ist neben der Hand-Handkoordination auch noch räumliches Verständnis gefragt. Die Druckanpassung an den Teig ist gefordert um das Material nicht zu zerdrücken.

Schlusswort

Diese praktischen Arbeiten erfordern zwar ausführlichere Vorbereitung, machen dafür aber Spaß und ermöglichen eine neue Art des Kontaktes und der Gestaltung der Therapeuten-Klienten-Beziehung. Sie begründen unseren Beruf als Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten verlorene oder beeinträchtige Handlungsfähigkeit wieder herzustellen. Von Seite der Klientinnen und Klienten kam in keinem Fall eine Form von Zweifel oder Kritik, was denn daran therapeutisch sei. Diese Befürchtung ist aus meiner Sicht unbegründet.