Laut einer Untersuchung der WHO im Jahre 2007 leiden rund 70 Prozent der Weltbevölkerung unter einem Beckenschiefstand [1]. Zu den Beschwerden gehören vor allem Schmerzen und Muskelverspannungen im Bereich des unteren Rückens. Weitere Symptome, die nicht so offensichtlich sind, können ebenfalls mit einer Schiefstellung des Beckens zusammenhängen. (Artikelbild von University of Liverpool Faculty of Health & Life Sciences via Flickr: CC BY-SA 2.0)

Viele PatientInnen wissen nicht, dass bei ihnen ein Beckenschiefstand vorliegt. Im Rahmen der Ergotherapie ist es deshalb wichtig, einen entsprechenden Befund zu erheben. Mithilfe einfacher therapeutischer Maßnahmen lassen sich in den meisten Fällen die Ursachen für den Schiefstand des Beckens dauerhaft beseitigen.

Was versteht die Orthopädie unter einem Beckenschiefstand?

Das Becken stellt ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den Beinextremitäten und dem Rumpf dar. Zusätzlich spielt es eine entscheidende Rolle bei der Stabilität des Bewegungs- und Haltungsapparates. Eine ausgeprägte Schiefstellung des Beckens führt zu einer Störung der Statik unserer Wirbelsäule und beeinflusst dadurch die Körperhaltung und den aufrechten Gang.

Die Schulmedizin unterscheidet zwischen zwei Arten eines Beckenschiefstands: die strukturelle Kippung sowie die funktionelle Kippung. Eine strukturelle Kippung entsteht unter anderem durch eine reelle (anatomische) Beinlängendifferenz aufgrund einer Oberschenkelfraktur sowie einer Zerstörung der Wachstumsfuge durch ein Trauma oder eine Infektion [2].

Bei rund 95 Prozent aller Betroffenen liegt eine funktionelle Kippung vor [3], die auch als funktioneller Beckenschiefstand bezeichnet wird. In den meisten Fällen tritt sie aufgrund einer scheinbaren Beinlängendifferenz auf. Die Beine weisen dabei keine anatomischen Unterschiede auf, sondern besitzen lediglich verschiedene Muskultoni. Dadurch erscheint das eine Bein länger als das andere.

Warum stellt der funktionelle Beckenschiefstand heutzutage eine Volkskrankheit dar?

Unsere moderne Lebensweise trägt viel zu einer unterschiedlichen Ausprägung der Muskulatur bei. Früher bewegten sich die Menschen wesentlich mehr als heute. Die Arbeit war häufig körperlich anstrengend und abwechslungsreich. Dadurch konnte sich eine gesunde Rücken- und Bauchmuskulatur entwickeln. In der heutigen Zeit ist ein Bewegungsmangel eher die Regel als die Ausnahme. Wir sitzen oft den ganzen Tag herum, sei es im Büro oder zu Hause vor dem Fernseher. Anstatt eine Treppe zu benutzen, nehmen wir lieber den Aufzug. Darüber hinaus sorgen schlechte Körperhaltungen für eine asymmetrische Beanspruchung der Gesäß-, Bein- und Rückenmuskulatur. Als Folge kann es schnell zu einer scheinbaren Beinlängendifferenz kommen.

Folgende Alltagsgewohnheiten begünstigen das Auftreten eines funktionellen Beckenschiefstands:

  • einseitige Belastungen des Körpers,
  • ungünstige Sitzpositionen,
  • seitliches Heben von Lasten,
  • falsches Tragen von Kindern,
  • Schonhaltung nach Unfällen oder Stürzen,
  • nicht korrekt ausgeführte gymnastische Übungen.

Die Folgen eines Beckenschiefstands

Unser Körper ist normalerweise in der Lage, einen leichten Beckenschiefstand folgenlos zu kompensieren. Tritt ein deutlicher Befund auf, muss die Wirbelsäule die Schrägstellung ausgleichen. Zunächst ist nur die Lendenwirbelsäule betroffen. Um die Statik aufrechtzuerhalten, verkrümmt sie sich in Richtung des Beckenkamms, der nach oben geneigt ist.

Die Folge ist häufig eine einseitige Druckbelastung auf die Bandscheiben sowie die austretenden Spinalnerven. Aufgrund der hohen Beanspruchung des Muskel-Band-Apparats können bei einer ruckartigen Bewegung leicht einzelne Lendenwirbel aus ihrer normalen Position heraus geschoben werden.

Die deutliche Fehlstellung eines Wirbels führt nicht selten zu einer Bandscheibenprotrusion (Vorwölbung) und im Extremfall zu einem Bandscheibenvorfall. Dadurch können benachbarte Nerven eingeengt oder die Nervenwurzeln irritiert werden. Ist der Ischiasnerv betroffen, bezeichnet die Medizin das Krankheitsbild als Ischialgie [4]. Mögliche Symptome sind starke Schmerzen, Missempfindungen und Lähmungen, die sich von der Lendenwirbelsäule bis zu den Füßen erstrecken können.

Der Beckenschiefstand begünstigt nicht nur das Auftreten einer Ischialgie. Aufgrund der seitlichen Verkrümmung der Lendenwirbelsäule kann es ebenfalls leicht zu einer Lumbalgie [5] (LWS-Syndrom) kommen. Die Intensität des auftretenden Schmerzes hängt davon ab, wie stark ein Nerv irritiert wurde und wie lange die Schmerzzustände anhalten. Der akute Hexenschuss [6] (Lumbago) zählt ebenfalls zu diesem Krankheitsbild.

Bleibt ein ausgeprägter Beckenschiefstand über längere Zeit bestehen, ist nicht nur die Lendenwirbelsäule davon betroffen. Die Stabilität der gesamten Wirbelsäule kann beeinträchtigt sein, da diese die falsche Haltung kompensieren muss. Als Folge kommt es häufig zu Blockaden einzelner Wirbel sowie einer Skoliose [7] in der Hals- oder Brustwirbelsäule.

Zu den Symptomen zählen lokale Schmerzen und Muskelverspannungen. Darüber hinaus können Probleme mit den Kiefergelenken, Zahnschmerzen oder eine craniomandibuläre Dysfunktion [8] (falscher Biss) auftreten. Auch Beschwerden wie Kopfschmerzen, Migräne, Ohrensausen (Tinnitus) oder Schwindelanfälle haben möglicherweise als Ursache einen unerkannten Beckenschiefstand [9].

Da jeder Wirbel über das Nervensystem mit bestimmten Organen im Körper verbunden ist, können Organfunktionen ebenfalls durch die Folgen eines Beckenschiefstands beeinträchtigt werden. Eine Erkrankung der Schilddrüse hängt unter Umständen mit einer Fehlstellung des 7. Halswirbels (C7) zusammen. Eine Blockade des 5. Brustwirbels (Th5) verursacht häufig eine Leberschwäche und kann für einen niedrigen Blutdruck verantwortlich sein [10].

Behandlungsmöglichkeiten des funktionellen Beckenschiefstands

Die Methode Dorn [11], die auch Dorn-Therapie genannt wird, bietet die einfachste Möglichkeit, einen funktionellen Beckenschiefstand dauerhaft zu beseitigen. Sie lässt sich so leicht erlernen, dass jede/r ErgotherapeutIn nach einer entsprechenden Fortbildung in der Lage ist, die Gelenke und die Wirbelsäule der betroffenen PatientInnen erfolgreich zu behandeln [12]. Dieter Dorn (1938 – 2011), einem Landwirt aus dem bayerischen Allgäu, ist es zu verdanken, dass sich seine Methode in Deutschland sehr stark verbreitet hat. Heute gibt es weltweit einige Tausend AnwenderInnen.

Die Methode Dorn arbeitet sehr sanft, nur mit Fingerdruck. Bei der Behandlung werden keine schnellen, ruckartigen Bewegungen ausgeführt wie in der Chiropraktik [13]. Ein verschobener Wirbel lässt sich einfach an seinem Dornfortsatz oder Querfortsatz wieder in die richtige Stellung zurückschieben.

Da die Bänder und die Muskulatur den Wirbel fixieren, würde diese Vorgehensweise in Ruhe niemals funktionieren. Während der Behandlung wird deshalb der Rücken der PatientInnen bewegt, wodurch TherapeutInnen die beteiligten Muskeln und Bänder „überlistet“. Liegt eine Beinlängendifferenz vor, werden Hüft-, Knie- und Sprunggelenke beider Beine mit sanftem Druck korrigiert.

Nach einer Dorn-Therapie ist in der Regel die scheinbare Beinlängendifferenz und damit der funktionelle Beckenschiefstand beseitigt. Um das Ergebnis dauerhaft zu stabilisieren, erhalten PatientInnen bestimmte Übungen, die sie zu Hause für mehrere Wochen konsequent anwenden soll.

In medizinischen Fachkreisen ist die Dorn-Methode umstritten, ihre Wirksamkeit gilt allgemein als unbelegt und ist bisher nicht durch Studien in adäquater Qualität abgesichert; PubMed listet zurzeit unter den Suchbegriffen „Dorn+Therapy“, „Dorn+Method“, „Dorn+Therapie“ oder „Dorn+Methode“ keinen einzigen Treffer (Anmerkung der Redaktion, 03.07.2017).

Fazit

In den vergangenen Jahren hat sich der funktionelle Beckenschiefstand zu einer Volkskrankheit entwickelt. Weltweit sind mehr als zwei Drittel aller Menschen davon betroffen. Der Grund liegt einerseits an einem zu schwachen Muskel-Band-Apparat und zum anderen an unserer modernen Lebensweise mit einer schlechten Körperhaltung und einer falschen beziehungsweise einseitigen Belastung.

Besteht der Beckenschiefstand für längere Zeit, tritt eine Dysbalance der gesamten Wirbelsäule auf. Neben Skoliosen sowie unterschiedlichen Schmerzsymptomatiken können als Folgen auch innere Organe erkranken. Im Rahmen der Ergotherapie lässt sich ein Beckenschiefstand frühzeitig erkennen und mithilfe der Methode Dorn erfolgreich behandeln. Gezielte Selbsthilfe-Übungen und eine bewusste Lebensweise unterstützen den Heilungsprozess.

Weiterführende Literatur

Quellenverzeichnis und Weblinks

  • [1] http://www.apotheken-umschau.de/Knochen/Was-hilft-bei-einem-Beckenschiefstand-139045.html
  • [2] https://gelenk-klinik.de/orthopaedische-erkrankung/wirbelsaeule/beckenschiefstand-beinlaengendifferenz.html
  • [3] http://www.osteovital.net/was-hilft-bei-beckenschiefstand/
  • [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Ischialgie
  • [5] https://www.rundumgesund.de/krankheiten/lumbalgie/
  • [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenschuss
  • [7] https://www.dr-gumpert.de/html/skoliose.html
  • [8] https://www.gzfa.de/diagnostik-therapie/cmd-craniomandibulaere-dysfunktion/cmd-ursachen/der-falsche-biss/
  • [9] http://www.beckenschiefstand-therapie.de/?n=seite3
  • [10] http://www.dorn-therapie-methode.de/german%20html/dornmethode_wirbel_organ_verbindungen.html
  • [11] Dieter Dorn (2007). Die ganzheitliche Methode Dorn. Integral Verlag.
  • [12] http://www.dorn-methode-therapie.de/de/ergotherapie-und-dorn-methode
  • [12] http://www.netdoktor.de/therapien/chiropraktiker/
  • Beckenschiefstand auf Vital und Gesund.de (de) – Website
Dr. Jochen G. Opitz ist seit 1999 als Heilpraktiker in eigener Praxis tätig und hat zusätzlich mehrere Fitnessstudios und Wellnesszentren medizinisch betreut. Behandlungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Akupunktur, Neuraltherapie und der Methode Dorn.

handlungs:plan nimmt am Amazon-Partner-Programm teil, wenn du Bücher bei Amazon über unsere Links bestellst, leistest du einen Beitrag zur Reduzierung unserer Serverkosten – ohne Nachteile für dich als Besteller. Natürlich liegt diese Entscheidung bei dir – auch lokale Buchhändler wollen schließlich leben. Beachte bitte auch den Abschnitt “Datenschutz” im Impressum!