Einleitung

Frau M., eine junge adrette Dame,kommt zu mir in die Ergotherapie: Ihr Problem ist ein krummer kleiner Finger. Er stört sie vor allem kosmetisch. Ihre Hände sind feingliedrig, die Finger zart. Wenn sie die Hand am Tisch ablegt sticht ihr sofort der krumme kleine Finger ins Auge. Die Überweisung erfolgt durch einen Handchirurgen, zuvor war die Patientin in physiotherapeutischer Behandlung. Trotz aller Bemühungen (Mobilisation, Dehnübungen, Narbenbehandlung…) ist der kleine Finger immer noch krumm. Es ist für sie schwer gegen das Streckdefizit anzuarbeiten. Viele Alltagstätigkeiten beüben ja die Beugung, und auch im Schlaf werden die Finger in gebeugter Stellung gehalten. (Artikelbild von Andrea Moser)

Wie kam es zu dem krummen Finger?

Die Patientin erlitt vor zehn Wochen eine Schnittverletzung an der Beugeseite am Kleinfinger I auf Höhe des PIP-Gelenkes. Sie durchtrennte sich dabei eine Beugesehne. Die Nachbehandlung erfolgte dynamisch mit einer Hilei- Schiene für sechs Wochen, über den betreffenden Behandlungsaufbau habe ich bereits einen Beitrag auf dieser Website verfasst.

Sie erhielt eine Schiene mit Federzügelung für den verletzten Finger und wurde über die Übungen in der Schiene aufgeklärt. Sie wurde darauf hingewiesen, dass die Sehne auch wieder abreißen kann, wenn sie die genähte Sehne zu weit dehnt. Während der Tragezeit der Hilei-Schiene wurde sie nicht ergotherapeutisch begleitet.

„Die Sehne kann wieder reißen, passen sie gut auf“

Dieser Satz zeigt seine Wirkung, Frau M. übt in der Hilei-Schiene fleißig, streckt den Finger bei Spannungsgefühl jedoch nicht ganz bis zum Schienendach aus. Daraus resultiert nach Schienenabnahme das Streckdefizit von 20 Grad im PIP-Gelenkund von 40 Grad im DIP-Gelenk, sowie eine verkürzte, strangartig verdickte beugeseitige Narbe. Der Faustschluss ist frei, die geheilte Beugesehne funktioniert gut. Eine Physiotherapie mit funktioneller Beübung wird eingeleitet, nach zehn Einheiten wurde jedoch nicht der gewünschte Erfolg erzielt.

Anwendung einer redressierenden Schienenhülse

Frau M. kommt zehn Wochen nach der Verletzung zu mir und erhält gleich in ihrer ersten Ergotherapieeinheit eine redressierende Schienenhülse. Diese trägt sie den ganzen Tag, sie soll die Schiene jedoch zum Üben in die Faust stündlich abnehmen.

Es folgen drei weitere Termine, in denen immer wieder eine Schiene in der neu erreichten Streckstellung angepasst wird. Nach insgesamt vier Terminen ist der Finger frei streckbar, die Narbe durch die konsequente Dehnung weich und nicht mehr schmerzhaft.

Nachbehandlungsübersicht

 

Ergotherapie Material Materialaufwand Zeitaufwand
1. Termin 6cm²x 6cm² Thermoplast 1,6 mm 7 Euro 15 Minuten
2. Termin s.o. 7 Euro 15 Minuten
3. Termin s.o. 7 Euro 15 Minuten
4. Termin s.o. 7 Euro 15 Minuten

Fazit

Im Vergleich zu anderen therapeutischen Maßnahmen, hat sich bei der Behandlung von Streckdefiziten der Fingergelenke die Anfertigung von redressierenden Schienenhülsen bewährt.Mit geringem zeitlichen und materiellen Aufwand, kannein guter Erfolg erzielt werden. Je früher nach der Verletzung mit der Behandlung begonnen wird, desto rascher stellt sich ein Therapieerfolg ein. Zusätzlich können auch weiter zurückliegende Verletzungen gut nachbehandelt werden.

Eine detaillierte, bebilderte Anleitung zur Herstellung einer redressierenden Schienenhülse, stelle ich nächste Woche vor…


Andrea Moser ist Ergotherapeutin, mit langjähriger klinischer Erfahrung im Bereich Orthopädie. Sie ist sowohl in einer Klinik in Klagenfurt als auch freiberuflich als Ergotherapeutin tätig—Website

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