Passend zum Artikel „DTVP-2 und FEW-2: Überprüfung der visuellen Wahrnehmung in der Pädiatrie“ folgt an dieser Stelle nun eine kurze Einführung in die unterschiedlichen Bereiche der visuellen Wahrnehmung. Visuelle Wahrnehmung ist die Fähigkeit, visuelle Reize zu erkennen, zu unterscheiden und sie durch Vergleichen mit früheren Erfahrungen zu interpretieren. Die Interpretation des visuellen Reizes erfolgt im Gehirn, nicht durch die Augen. Die visuelle Wahrnehmung ist von großer Bedeutung für das Erlernen von Lesen, Schreiben, Rechnen und allen anderen Fertigkeiten, die für den Schulerfolg notwendig sind (Definition „visuelle Wahrnehmung“ nach Marianne Frostig). (Artikelbild von Wonderlane via Flickr)

Die visuelle Wahrnehmung wird in fünf Bereiche unterteilt:

  • Visuomotorische Koordination
  • Figur-Grund-Wahrnehmung
  • Wahrnehmungskonstanz
  • Wahrnehmung der Raumlage
  • Wahrnehmung der räumlichen Beziehungen

Bereiche der visuellen Wahrnehmung und deren Beurteilung in der Pädiatrie mit dem DTVP-2 bzw. FEW-2

Hier wird nun genau auf die Bereiche der visuellen Wahrnehmung eingegangen. Zuerst erfolgt jeweils eine kurze Beschreibung der speziellen Wahrnehmungsleistung. Auf diejenigen Subtests des DTVP-2 oder FEW-2, mit denen die Wahrnehmungsleistung überprüft werden kann, wird hingewiesen (weitere Informationen zu den jeweiligen Subtests sind dem Artikel zu den beiden Testverfahren zu entnehmen). Außerdem werden Auffälligkeiten aus dem jeweiligen Bereich beschrieben, die im Alltag des Kindes beobachtet werden können.

Visuomotorische Koordination

Die visuomotorische Koordination ist die Fähigkeit, Bewegungen des Körpers oder Teile des Körpers mit dem Sehen zu koordinieren; wenn man nach etwas greift oder einen Ball aus dem Lauf trifft, wird man durch die Augen geleitet. Unsere Augen lenken also nahezu jede Bewegung. Die visuomotorische Koordination ist die Voraussetzung für eine optimale Handlungsplanung und -ausführung. Die Auge-Hand-Koordination ist die Voraussetzung, um Bewegungen der Hände mit den Augen zu kontrollieren.

  • Überprüfung mit Subtest 1 des FEW-2 bzw. DTVP-2 (Eye-Hand-Coordination (Auge-Hand-Koordination)) und
  • Subtest 7 (Visual-Motor-Speed [visuomotorische Geschwindigkeit])

Auffälligkeiten im Alltag

  • Das Kind wirkt in der Graphomotorik ungeschickt
  • Die Hand ist häufig schneller als das Auge oder umgekehrt
  • Das Einhalten der Linien beim Ausschneiden, Ausmalen und Schreiben gelingt nicht

Figur-Grund-Wahrnehmung

Durch die Figur-Grund-Wahrnehmung können wir uns auf einen Reiz gezielt konzentrieren und andere, unwichtige Reize in den Hintergrund rücken lassen (z.B.: beim Lesen). Visuelle Reize werden also auf die wichtigsten Merkmale reduziert. Der Reiz, auf den wir uns gezielt konzentrieren, kann bewusst ausgewählt werden. Die Figur-Grund-Wahrnehmung ist auch die Fähigkeit, Gegenstände vor einem diffusen Hintergrund zu erkennen und wieder zu finden (z.B.: Spielsachen in einer Kiste). Weiters ist die Figur-Grund-Wahrnehmung die Voraussetzung, um Buchstaben oder Wörter im Gewirr eines Textes wieder zu finden (z.B.: auf der Tafel in der Schule).

  • Überprüfung mit Subtest 4 (Figure-Ground/Figur-Grund) und
  • Subtest 3 (Copying/Kopieren)

Auffälligkeiten im Alltag

  • Das Kind hat Schwierigkeiten beim Suchen von Formen, Buchstaben, Wörtern und Zahlen
  • Das Kind wirkt unkonzentriert und verlangsamt
  • Ein komplexes Muster kann nicht als Gesamtform erkannt und in einzelne Teile geteilt werden
  • Zahlen und Buchstaben werden falsch geschrieben

Wahrnehmungskonstanz

Aufgrund der Wahrnehmungskonstanz sind wir in der Lage einen Gegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln, durch Lagewechsel, Veränderung der Entfernung usw., immer als den gleichen Gegenstand zu identifizieren. So können wir geometrische Figuren unabhängig von Größe, Farbe oder Drehung erkennen. Auch ein Buchstabe, der in einer anderen Schrift geschrieben wird, wird durch die Wahrnehmungskonstanz wiedererkannt. Frostig unterscheidet Größen-, Form-, und Farbkonstanz.

  • Überprüfung mit Subtest 8 (Form Constancy/Formkonstanz) und
  • Subtest 6 (Visual Closure/Gestaltschließen)

Auffälligkeiten im Alltag

  • Das Kind hat Probleme beim Erkennen und Benennen von gestaltähnlichen Buchstaben (a/o, n/m, h/k)
  • Diese Probleme treten auch bei Buchstaben unterschiedlicher Schriftart auf (z.B.: Druck- und Schreibschrift)
  • Das Kind hat Probleme beim flüssigen Lesen, da es jeden Buchstaben einzeln erfassen muss (auch bei kurzen Wörtern)
  • Puzzle bauen ist kaum möglich
  • Unvollständig gedruckte Buchstaben oder Wörter können nicht erkannt und schlecht leserliche Schriften kaum gelesen werden

Raumlage

Der Mensch erwirbt sich die Kenntnis, dass er räumlich gesehen der Mittelpunkt seiner Welt ist und nimmt Gegenstände als hinter, vor, links, rechts, über, unter sich wahr. Die Raumlage ist also die Beziehung eines Gegenstandes zum Wahrnehmenden. Grundvoraussetzung dafür ist die eigene Körperwahrnehmung.

  • Überprüfung mit Subtest 2 (Position in Space/Lage im Raum)

Auffälligkeiten im Alltag

  • Zahlen, Wörter oder Buchstaben werden beim Schreiben gespiegelt
  • Raumbegriffe werden nicht richtig umgesetzt (rechts/links, oben/unten, vorne/hinten)
  • Das Schreiben und Lesen sowie das Schreiben von zweistelligen Zahlen ist erschwert

Räumliche Beziehungen

Die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen ist die Fähigkeit, die Lage von Gegenständen untereinander in Bezug zu stellen und diese auch im Bezug zur eigenen Person wahrzunehmen. Dieser Vorgang ist wesentlich komplexer als die Raumlage und zeigt sich beispielsweise wenn man etwas nach einem Plan oder Modell baut.

  • Überprüfung mit Subtest 5 (Spatial Relations/räumliche Beziehungen)

Auffälligkeiten im Alltag

  • Das Kind wirkt in seinem Verhalten unsicher, verkrampft und verlangsamt
  • Buchstaben und Ziffern können nicht zusammengesetzt werden
  • Baupläne/Bastelanleitungen umzusetzen ist nicht möglich
  • Verwechslung von Rechenzeichen
  • Buchstabenketten, längere Wörter und mehrstellige Zahlen werden fehlerhaft wiedergegeben

Quelle und weiterführende Literatur


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