Wir kennen es als Nähe-Distanz-Verhältnis oder therapeutische Beziehung, was sich zwischen TherapeutIn und KlientIn auf der Interaktions- und sozio-emotionalen Ebene abspielt. Und dieses Verhältnis spiegelt sehr oft auch Elemente des generellen Bindungsverhaltens eines Kindes wider. Ist ein Therapiekind uns gegenüber eher ängstlich oder distanzlos, erforscht es den Raum auch wenn die Mutter nicht hinter ihm herläuft oder zeigt es keine Interesse an dem Angebot? (Artikelbild von Krisztina Konczos via Flickr)

Bonding, Attachment und weitere Grundlagen der Bindungstheorie nach Bowlby

Im Englischen wird ja unterschieden zwischen der Bindung der Eltern an das Kind, dem sogenannten Bonding und der Bindung des Kindes an die Bindungsperson, dem sogenannten Attachment Auch wenn ich diese Unterscheidung jetzt nicht weiter berücksichtige, ist entscheidend, dass sich eine gute Bindung, ein Urvertrauen als Fundament und Basis für die weitere Entwicklung darstellt. Es geht dabei um die körperliche, psychische, emotionale aber auch kognitive Entwicklung, ja auch die der Persönlichkeit und des eigenen Bindungsverhaltens in Bezug auf unterschiedliche soziale Gefüge. Also ist es absolut entscheidend für uns in der Therapie, zumindest gezielt zu beobachten, wie ein Kind bei Trennung, Trost oder in Stresssituationen auf der Bindungsebene reagiert. Schon bei der Befundung sollte die Eltern-Kind-Beziehung reflektiert werden, wie verläuft die Verabschiedung an der Kindergartentür, wie das Zu-Bett-Bringen, usw. Auch im therapeutischen Vorgehen ist es bedeutsam, wie die Eltern das Kind motivieren, loben, beruhigen oder ihm helfen können. Welche Ressourcen in diesem Bereich auch vorhanden sind bzw. von uns Therapeuten in Zusammenarbeit mit den Betreuungspersonal erarbeitet werden können.

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Bindung ist ein unsichtbares, emotionales Band zwischen den Menschen, so beschreibt es zumindest John Bowlby, womit sich Menschen über Raum und Zeit miteinander verbunden fühlen, auch wenn sie mal gar nicht in der Nähe sind. Bei Trennung von der Bindungsperson wird dieses Band gespannt und es entsteht emotionaler Schmerz (Trennungsschmerz), der meist nur durch die Bindungsperson selbst und deren Wiederkehr beruhigt werden kann. Das Bindungsbedürfnis gehört wie physiologische Bedürfnisse zum Menschen, vor allem im Säuglingsalter, dazu, um Schutz und Sicherheit zu gewähren. Es dient zum Überleben. Kinder können zudem besonders gut Neues erkunden und Erfahrungen machen, wenn sie sich in ihrem Bindungsbedürfnis sicher fühlen. Erst dann ist das Kind nämlich bereit, willig und fähig, die Welt zu erkunden. So freut sich das Kind nicht etwa, wenn die Mama vom Spielplatz verschwindet und denkt sich:

„Super, jetzt kann ich überall rauf klettern, wo ich will.“

Gerade für die Entwicklung der Wahrnehmung ist dieses sichere Erforschen der Umwelt entscheidend. Ähnlich ist es beim Lernen. Ist das Bindungsbedürfnis aktiviert, sprich ein gespanntes Band liegt vor, so kann man sich kaum zusätzlich konzentrieren. Wenn wir daran denken, dass gerade dieses Erfahren und Verarbeiten von neuen Inputs ein wesentlicher Bestandteil unserer Therapie ist, können wir die Bindung nicht unberücksichtigt lassen. Alleine schon bei der Entscheidung, ist die Bezugsperson bei der Therapie anwesend oder nicht. Für alle Bildungsvorgänge, sei es im Kindergarten das Erforschen neuer Spielzeuge, oder in der Schule das Erarbeiten neuer Lerninhalte, ist es entscheidend, dass man sich bindungssicher bzw. emotional sicher fühlt.

Durch körperliche Nähe wird das Bindungsbedürfnis am allerbesten befriedigt. Gerade im Säuglingsalter vergrößert sich dadurch sogar die Überlebenschance. Es ist also durchaus als Gefahr einzustufen, wenn einem Kind schon früh die Erfüllung dieses grundlegenden Bedürfnisses verwehrt bleibt.

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Ein kurzer Exkurs zu den Bindungstypen

1. Sichere Bindung

Bei Trennung entsteht Angst, die aber schnell beruhigt werden kann, bzw. verschwindet, wenn die Bindungsperson wieder da ist. Es können dennoch Missverständnisse zum Beispiel zwischen Mutter und Kind entstehen, aber durch eine feinfühlige Herangehensweise kann dieses Missverständnis, ebenso wie andere Stresssituationen gut reguliert werden.

2. Unsicher vermeidende Bindung

Es zeigt sich wenig bis kaum Protest bei Trennung und beim Wiedersehen ist beinahe Ignoranz oder auch Coolness zu beobachten. Zum Teil tritt auch eine auffällige Abwendung bei Rückkehr der Bindungsperson auf. Wenn Pflegepersonen zu früh eine Selbstregulation des Kindes bei Stress verlangen, ist es oft überfordert. Wenn das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung nicht befriedigt wird, wird das Kind dieses eher unterdrücken. Das verhalten nach außen erscheint zwar autonom und trennungssicher, Forschungen zeigen aber erhöhtes Stressaufkommen bei Trennung und dass diese Kinder wenig in sich ruhen. Oft klagen diese Kinder über Schmerzen im Bauch oder Kopf.

3. Unsicher ambivalente Bindung (auch zwiespältig-ängstliche Bindung)

Diese Kinder zeigen deutlichen Stress bei Trennung durch lautes Schreien oder Weinen. Das machen auch bindungssichere Kinder, allerdings ist das Beruhigen viel schwieriger. Denn bei unsicher ambivalent gebundenen Kindern treffen bindungssuchendes und -vermeidendes Verhalten aufeinander (zum Beispiel klammern und treten gleichzeitig). Es werden sehr widersprüchliche Signale gesetzt, sowohl vom Kind, oft auch von den Eltern, einerseits liebevoll tröstend, andererseits „Hör jetzt endlich auf, es ist doch nichts Schlimmes“. Die Doppelbotschaften entstehen aus einem Missverständnis heraus.

Bindungsentwicklung und Berücksichtigung der Bindung in der Ergotherapie

Die Bindung wird meistens von den Eltern auf das Kind übertragen, sprich aus unsicher vermeidenden Kindern werden nicht selten unsicher vermeidende Eltern. Auch viel an Angst und Traumata, oder Ähnlichem wird von Eltern auf Säuglinge übertragen, was natürlich deren Verhalten prägt. Daraus oder auch bei frühen Gewalterfahrungen in unterschiedlichster Form können Bindungsstörungen entstehen, die uns in der Therapie mehr oder weniger offensichtlich auffallen können.

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Schwerpunkt in der Therapie ist in vieler Hinsicht, dass ein Kind selbstregulierend wird, beziehungsweise mehr über sich erfährt und dann auf diverse Stresssituationen reagieren kann. Nun gehört schon frühzeitig eine feinfühlige Herangehensweise mit Blickkontakt, Berührung und Sprache zu dieser Entwicklung dazu. Am Modell der Bindungsperson wird gelernt, wie mit Stress umgegangen werden kann. Ich glaube, dass nicht selten auch in der Therapiesituation ein neuer Aspekt im Umgang mit Stresssituationen erlernt werden kann, wenn die Eltern oder das Kind das Verhalten von geschulten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten beobachten und erfahren. Karl Heinz Brisch (ein deutscher Psychiater und Psychotherapeut mit Spezialgebiet Bindung) hat eine andere Variante des Modelllernens entwickelt: B.A.S.E („Baby-Beobachtung im Kindergarten gegen Aggression und Angst zur Förderung von Sensitivität und Empathie“ oder Babywatching. Dabei kommen Mütter mit ihren Babys ca. für ein Jahr in Kindergarten oder Schule und die Anwesenden beobachten und reflektieren gezielt das Verhalten und die Reaktionen.

Unsere Aufgabe als Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten im Bereich der Bindung sehe ich erstens darin, die Anwesenheit der Eltern und deren Begleitung in der Interaktion (Lob, Trost,…) als Teil des Therapiegestaltung zu berücksichtigen. Zweitens haben wir bestimmt auch Vorbildwirkung und Beratungsmöglichkeiten im Umgang mit Stresssituationen, bzw. können fragende, unsichere Eltern an Beratungsstellen und PsychotherapeutInnen weiterleiten.

Weiterführende Literatur

Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website

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