Was ist Citizen Science?

Mit Citizen Science (CS; auch: Bürgerwissenschaften) bezeichnet das Oxford English Dictionary

„the collection and analysis of data relating to the natural world by members of the general public, typically as part of a collaborative project with professional scientists“

also den, meist kollaborativen, Prozess der Sammlung und Analyse von oft naturbezogenen Daten durch die (interessierte) Allgemeinbevölkerung in Zusammenarbeit mit WissenschaftlerInnen. (Artikelbild von C0NPAQ via Wikimedia Commons: CC 1.0)

Lewenstein (2004) beschreibt detaillierter drei Varianten von Citizen Science:

  1. Die Integration von Nicht-ExpertInnen in wissenschaftliche Arbeit
  2. Die Teilhabe von ExpertInnen in öffentlichen Angelegenheiten
  3. Teilhabe von NichtexpertInnen in die Steuerung und Lenkung von Gesellschaften bei Themen, die mit technischen Aspekten befasst sind

Partizipationsebenen in der Citizen Science

Haklay definiert CS im Zusammenhang mit der Erhebung von geografischem Daten, als die freiwillige Teilnahme an Datensammlung, Analyse und Verbreitung von wissenschaftlichen Projekten. (Haklay, 2013, S. 106). In Anlehnung an die Stufenleiter der Partizipation wird das Ausmaß der Beteiligung von Nicht-ExpertInnen an Projekten in verschiedene Stufen eingeteilt (ebd., S. 116f):

  • Stufe 1: beschreibt Crowdsourcing, im Sinne der Zurverfügungstellung von Ressourcen (zum Beispiel die Rechenleistung des eigenen Computers) oder der Verwendung der Beteiligten als Sensoren (zum Beispiel bei der Generierung von Wetterdaten mittels Heim-Wetterstationen).
  • Stufe 2: beinhaltet die Anwendung von verteilter Intelligenz, das heißt die TeilnehmerInnen sind auf dieser Ebene, nach einer kurzen Schulung, in der Lage Daten zu sammeln und einfache Interpretationen von Daten durchzuführen.
  • Stufe 3: Hier ist eine Problemdefinition durch die TeilnehmerInnen Voraussetzung, die Vorgehensweise zur Datenerhebung erfolgt in Konsultation mit ExpertInnen, die Analyse und Interpretation der Daten in Zusammenarbeit mit diesen.
  • Stufe 4: Auf dieser Stufe findet CS als kollaborativer, völlig integrierter Prozess statt, in dem TeilnehmerInnen in allen Prozessschritten eingebunden und mitentscheidend sind.

Citizen Science in der Praxis

Auf der Ebene der Europäischen Union existieren sowohl ein Grünbuch (Europäische Kommission, 2013) als auch ein Weißbuch zum Thema Citizen Science (Sanz Serrano, F. et al., 2014). In letzterem werden aktuelle Herausforderungen genannt und Lösungsansätze für diese auf Mikro-, Meso- und Makrolevel beschrieben, gefordert wird unter anderem ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel zur Adressierung globaler Probleme mit Fokus auf wissenschaftliche und soziale, nicht nur auf ökonomische Werte. (ebd., S. 18)

Neben Socientize, einer EU-geförderten Vernetzungsplattform für Citizen Science-Projekte, gibt es mittlerweile Citizen Science-Gesellschaften in Österreich, Deutschland und der Schweiz. International gibt es zum Beispiel beim Scientific American die Möglichkeit an Projekten mitzuarbeiten.

Ein ausführliches Interview rund um Citizen Science wurde von Tim Pritlove in einem Gespräch mit Peter Finke im Rahmen des Forschergeist-Podcasts veröffentlicht, allen Interessierten sei das Nachhören hiermit wärmstens empfohlen.

Cochrane

Cochrane ist eine unabhängige Non-Government-Non-Profit-Organisation, die mit 37,000 Mitgliedern in 130 Ländern ausgestattet ist und vielleicht am bekanntesten für die Durchführung systematischer Übersichtsarbeiten von randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) zur Förderung von evidenzbasierten Behandlungsentscheidungen in der Medizin, die abschließend in der Cochrane Library veröffentlicht werden. Cochrane hat unter anderem lokale Websites für Österreich, Deutschland und die Schweiz.

Die Cochrane Crowd-Mitmachen lohnt sich für alle

Crowdsourcing ist aufgrund technischer Entwicklungen zunehmend gebräuchlich und Cochrane hat mit der Cochrane Crowd ein Citizen Science-Projekt eröffnet, das sich mit der Identifikation von RCTs befasst. Heyl & von Elm (2016) rufen zur Mitarbeit bei dieser Tätigkeit auf, konkret müssen Abstracts wissenschaftlicher Arbeiten im Hinblick darauf ob es sich um eine RCT handelt, gelesen und beurteilt werden.

Der Prozess erfordert die (unkomplizierte) Anlage eines Kontos bei Cochrane Crowd und beginnt nach der Registrierung mit 20 Klassifikationen zum Üben der Beurteilungskriterien. Anschließend lassen sich Abstracts nach eigenem Zeitbudget sichten. Dass jede Minute die investiert wird, wirklich nützlich ist wird besonders betont. Jedes Abstract muss prinzipiell vom mehreren TeilnehmerInnen klassifiziert werden, es trägt also niemand Alleinverantwortung für zukünftige medizinische Entscheidungen, zusätzlich werken im Hintergrund algorithmische Helfer. Die eigene Trefferquote lässt sich, ebenso wie andere Statistiken, grafisch darstellen.

Eine kurze Einführung in die Thematik gibt es übrigens auch für noch nicht registrierte Mitglieder, um ein bisschen zu schnuppern und die eigene Interessenlage abzugleichen. Diese lässt sich zusätzlich in den Einstellungen des eigenen Kontos durch das Hinterlegen von Keywords präzisieren, die Mitarbeit kann also gleichzeitig dazu dienen neue Literatur, die eigene Interessen betrifft, zu entdecken.

Die Mitarbeit könnte aus vielerlei Gründen interessant sein, sei es, um sein eigenes Wissen überprüfen oder einen Beitrag zu einem besseren Verständnis von evidenzbasierter Praxis leisten, als Grundvoraussetzungen werden ein „solides Leseverständnis in Englisch“ und „Lernbereitschaft“ gefordert, also zwei Dinge, die sich recht oft in Personalunion finden lassen dürften.

„Persönlich finde ich zehn Minuten Klassifikationsarbeit am Tag, oft beim Morgenkaffee, eigentlich ganz entspannend…“

Einmal vorbeizuschauen schadet nicht, wer ganz schnell ist, kann noch bei der Countdown to 1 Million Challenge mitmachen, die am 19. Dezember beginnt und in deren Verlauf eine Million Klassifikationen erreicht werden sollen, der Countdown läuft bald…

Weblinks

Quellen

  • Europäische Kommission (2013). Green Paper in Citizen Science. Abgerufen am 18.12.2016 von http://bit.ly/2hyb2wS
  • Haklay, M. (2013). Citizen Science and Volunteered Geographic Information: Overview and Typology of Participation. In D. Sui, S. Elwood, & M. Goodchild (Hrsg.), Volunteered Geographic Information (VGI) in Theory and Practice. Crowdsourcing Geographic Knowledge. S. 105-122
  • Heyl, S. & von Elm, E. (12.12.2016). Cochrane Crowd: Mitmachen erwünscht! Abgerufen am 18.12.2016 von http://www.wissenwaswirkt.org/cochrane-crowd-mitmachen-erwuenscht
  • Lewenstein, B. V. (2004). What does citizen science accomplish? Abgerufen am 18.12.2016 von http://bit.ly/2hy5WR7
  • Sanz Serrano, F., Holocher-Ertl, T., Kieslinger, B., Sanz García, F., & Silva, C. G. (2014). White Paper in Citizen Science. Abgerufen am von http://www.socientize.eu/sites/default/files/white-paper_0.pdf
  • Sui, D., Elwood, S., & Goodchild, M. (Hrsg.) (2013). Crowdsourcing Geographic Knowledge. Dordrecht: Springer.

Weiterführende Literatur

  • Du Prel, J.-B., Röhrig, B., & Blettner, M. (2009). Kritisches Lesen wissenschaftlicher Artikel: Teil 1 der Serie zur Bewertung wisserschaftlicher Publikationen. Dtsch Arztebl Int, 106(7), 100-105. doi: 10.3238/arztebl.2009.0100
  • Kabisch, M., Ruckes, C., Seibert-Grafe, M., & Blettner, M. (2011). Randomisierte kontrollierte Studien: Teil 17 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen. Dtsch Arztebl Int, 108(39), 663-668.
  • Müllner, M. (2002). Erfolgreich wissenschaftlich arbeiten in der Klinik. Wien: Springer.
  • Ressing, M., Blettner, M., & Klug, S. J. (2009). Systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen: Teil 6 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen. Dtsch Arztebl Int, 106(27), 456-463.
  • Ritschl, V., Weigl, R., & Stamm, T. (Hrsg.) (2016). Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben. Berlin: Springer.
  • Röhrig, B., du Prel, J.-B., & Blettner, M. (2009). Studiendesign in der medizinischen Forschung: Teil 2 der Serie zur Bewertung wisserschaftlicher Publikationen. Dtsch Arztebl Int, 106(11), 184-189.
  • Röhrig, B., du Prel, J.-B., Wachtlin, D., & Blettner, M. (2009). Studientypen in der medizinischen Forschung: Teil 3 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen. Dtsch Arztebl Int, 106(15), 262-268.
  • Weiß, C. (2013). Basiswissen Medizinische Statistik (6. Auflage).

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