Wie bereits in den Kommentaren zum Beitrag des ersten Tages angekündigt, finden sich nachfolgend Kurzzusammenfassungen der Vorträge, die ich am zweiten Tag besucht habe.

Perception of Occupational Balance in OT’s ★★

Das Konzept der Occupational Balance (Betätigungsbalance) wirkt auf mich noch nicht endgültig definiert, in der vorgestellten Arbeit wurden die Perspektiven von Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten und Klientinnen und Klienten auf das Konzept erforscht, der Betrachtung zugrundeliegend sind die Betätigungsdimensionen Doing, Being, Becoming und Belonging (siehe auch Hammell, 2004, 2009; Wilcock, 1999, 2007). Doing wird hier als Mediator im Zentrum für die anderen Dimensionen gesehen, Menschen sehen sich in der Balance, wenn Being, Becoming und Belonging sich in Balance befinden, die Wahrnehmung dieses Balancegefühls ist immer individuell. Zusätzlich wurde das Konzept der „Occupational Wholeness“ vorgestellt.

Ein bisschen verwirrend war der Vortrag aus meiner Sicht, vielleicht ist aber auch mein Grundlagenwissen unvollständig, es zahlt sich aus das Abstract zu lesen und bei Interesse am Thema noch ein bisschen Nachdenkarbeit zu leisten, zugehörige Literatur findet sich weiter unten.

Yazdani, F. (17.06.2016). Occupational therapists‘ perception of occupational balance and experience of its application in practice. Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

Human rights in Occupational Therapy Assessments ★★

Clare Hocking behandelte das Thema der größeren Perspektive ergotherapeutischer Interventionen aus dem Blickwinkel von Assessments. Die meisten Assessmenttools haben einen Fokus auf das Individuum, reduzierte Lebensqualität beziehungsweise eine zusätzliche Reduktion derselben können aber auch durch gesellschaftliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen stattfinden. Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sind aufgefordert Ressourcen und Möglichkeiten von Individuen mit zu erfassen, weil Menschen ihre Entscheidungen auf der Basis dessen treffen, was sie wissen, nicht notwendigerweise auf der Basis dessen, was ihr Recht ist. Aus ihrer Sicht kann es sich auszahlen Probleme „eine Ebene höher“ zu lösen, anstatt das selbe Problem auf individueller Ebene immer wieder zu adressieren. Als Beispiel kann die reduzierte Fitness von Kindern mit Behinderung dienen: dieser kann man auf der Ebene des individuellen Kindes, aber auch durch Lobbying für vollständige Inklusion in Sportvereinen begegnen.

Das war spannend, auch wenn sich Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten vielleicht noch nicht sehr oft in Situationen befinden, in denen „darüberliegende Ebenen“ beeinflusst werden können. Nichtsdestotrotz, ein Grund mehr, in diese Richtung weiterzuarbeiten.

Hocking, C. (17.06.2016). A Human Rights Perspective Of Occupational Therapy Assessments. Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

The effects of lack of occupation on the mental health of asylum seekers ★★

Eine Arbeit im irischen Kontext, die Situation von Menschen auf der Flucht und Asylsuchenden ist in Irland ähnlich jener in Österreich, durchschnittlich dauern Asylverfahren in Irland drei Jahre. Zahlreiche Aspekte die damit in Verbindung stehen, führen zu psychischen Problemen, in dieser Arbeit traten bei Frauen zusätzlich verstärkte Ausprägungen bei Depressionen und Angststörungen auf.

Generell ein wichtiges Thema, auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen im „deutschsprachigen Europa“. Erzwungenes Nichtstun oder Arbeitslosigkeit bleiben nicht ohne Folgen für das eigene Selbst, wie bereits eindrucksvoll von Jahoda et al. (1975) gezeigt wurde.

dé Mojeed, A., & Shiel, A. (17.06.2016). The effects of lack of occupation on the mental health of asylum seekers. Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

Young refugees in Austria ★★★

Darstellung eines vierwöchigen Praktikums im Projekt PROSA (Projekt Schule für Alle) in Wien von drei Bachelorstudierenden, Ziel war unter anderem die Planung von Aktivitäten außerhalb des Schulbesuchs, mit dem Fokus Anknüpfen an alten (zum Beispiel Kricket) und das Lernen von neuen Aktivitäten (zum Beispiel Kochen für die Gruppe). Unter anderem wurde „Walzer tanzen“ als geschlechterübergreifende Betätigung geplant und durchgeführt.

Ein erfrischend praxisbezogener Vortrag mit viel Bildmaterial—aber ich habe hier sicher einen „Österreich-Bias“. Ich fand (wieder einmal) sehr spannend, dass bei der Arbeit mit fremdsprachiger Klientel keine „modernen“ Kommunikationsmittel, und sei es nur google Translate, eingesetzt wurden, das geht noch besser, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Draxler, A., Samwald, M., & Grosinger, C. (17.06.2016). Experiences with Young Refugees in Austria. Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

Art making and psychosocial recovery ★★★

Vorstellung eines Kunstprojekts (hier habe ich den Anfang verpasst) aus dem Bereich der psychosozialen Rehabilitation, hauptsächlich mit Klientinnen und Klienten mit Depressionen und anderen affektiven Störungen, n=218, Begleitforschung mit Mixed-Method-Zugang. Wichtige Effekte für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren „Aus dem Haus kommen“, „Aufbau von (Selbst-)Vertrauen“ und eine „Sichere Umgebung“. Auf quantitativer Ebene ergaben sich keine besseren Werte auf drei relevanten klinischen Skalen (es wurde allerdings diskutiert, ob nicht bereits eine Stabilisierung ein positiver Outcome wäre). Im COPM ergaben sich Verbesserungen in den Bereichen Performanz und Zufriedenheit von 1,5 respektive 1,6 Punkten, nach Eyssen et al. (2011) ist dies bereits klinisch signifikant.

Ja spannend, vor allem dass der Minimal Important Change (MIC)/Clinically Important Difference (CID) eventuell beim COPM auch kleiner als 2 sein könnte.

Backman, C., & Damiano, N. (17.06.2016). Art-Making And Psychosocial Recovery: „I Came Out Of My Shell“. Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

COPM and cultural fidelity ★★

Die Arbeit beschäftigte sich mit der kulturellen Validität der COPM-Skala im österreichischen Kontext, im Vergleich mit der Visuellen Analog-Schmerzskala und dem österreichischen Schulnotensystem. Gute Nachrichten: die COPM-Skala passt auch in den österreichischen Kontext. Als Praxistipp um mit der zehnstufigen Abstufung der Skala umzugehen, empfehlen die Autorinnen und Autoren das Mitnotieren eines zusätzlichen Deskriptors, was für die Klientinnen und Klienten zum Beispiel konkret eine „Vier“ bei einer bestimmten Betätigung ausmacht.

Für, mit den Details der Rasch-Analyse nicht vertrauten Personen, schätze ich den Vortrag als eher undurchsichtig ein, sehr viele Details, erfordert Spezialwissen im Vorfeld. Glücklicherweise hatte ich die Gelegenheit, mir am Abend alles nochmal ganz genau erklären zu lassen…

Kößl, K., & Ritschl, V. (17.06.2016). The Canadian Occupational Performance Measure scale – Testing its cultural fidelity in the Austrian population. Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

Ghent Participation Scale ★★★

Die Entwicklung der Ghent Participation Scale (GPS) wurde vorgestellt, Ausgangspunkt für die Entwicklung der Skala war der Umstand, dass Partizipation unzureichend konzeptualisiert und schwer zu operationalisieren ist. Die GPS nimmt Bezug auf die ICF und sollte ein valides und reliables Instrument zur Messung der Partizipation darstellen. Die Messung von (maximal fünf) ausgesuchten Aktivitäten erfolgt mittels dreier Subskalen mit mehreren Items auf einer fünfstufigen Ordinalskala. Die Konstruktvalidität wurde mit gut bewertet, ebenso wie die Test-Retest-Reliabilität, die Durchschnittszeit für die Anwendung beträgt 19 Minuten. Die Skala soll allgemein verfügbar gemacht werden, englische und türkische Versionen werden zuerst erscheinen.

Wird interessant, wenn sie in Deutsch verfügbar wird, könnte ein sehr sinnvolles Instrument werden, weiterführende Literatur zum Thema findet ihr weiter unten (Van de Velde et al., 2015, 2016).

Van de Velde, D., Coorevits, P., Sabbe, L., De Baets, S., Bracke, P., Van Hove, G., . . . Vanderstraeten, G. (17.06.2016). Measuring Participation Based On The Insiders And The Outsiders Perspective; Psychometric Properties Of The Ghent Participation Scale (GPS). Vortrag. COTEC/ENOTHE 2016. Irland: Galway

Weiterführende Literatur

Eyssen, I. C., Steultjens, M. P., Oud, T. A., Bolt, E. M., Maasdam, A., & Dekker, J. (2011). Responsiveness of the Canadian occupational performance measure. J Rehabil Res Dev, 48(5), 517-528.

Hammell, K. W. (2004). Dimensions of meaning in the occupations of daily life. Can J Occup Ther, 71(5), 296-305.

Hammell, K. W. (2009). Self-Care, Productivity, and Leisure, or Dimensions of Occupational Experience? Rethinking Occupational “Categories”. Canadian Journal of Occupational Therapy Canadian Journal of Occupational Therapy, 76(2), 107-114.

Jahoda, M., Lazarsfeld, P. F., & Zeisel, H. (1975). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. (25. Auflage). Frankfurt: Suhrkamp Verlag.

Van de Velde, D., Bracke, P., van Hove, G., Josephsson, S., Viaene, A., Deboever, E., . . . Vanderstraeten, G. (2015). Measuring participation when combining subjective and objective variables; The development of the Ghent Participation Scale (GPS). Eur J Phys Rehabil Med.

Van de Velde, D., Coorevits, P., Sabbe, L., De Baets, S., Bracke, P., Van Hove, G., . . . Vanderstraeten, G. (2016). Measuring participation as defined by the World Health Organization in the International Classification of Functioning, Disability and Health. Psychometric properties of the Ghent Participation Scale. Clin Rehabil. doi: 10.1177/0269215516644310

Wilcock, A. A. (1999). Reflections on doing, being and becoming. Australian Occupational Therapy Journal, 46(1), 1-11. doi: 10.1046/j.1440-1630.1999.00174.x

Wilcock, A. A. (2007). Occupation and Health: Are They One and the Same? Journal of Occupational Science, 14(1), 3-8. doi: 10.1080/14427591.2007.9686577

Weblinks