Immer wenn ich Matchatee trinke, denke ich wie froh ich bin Ergotherapeut zu sein. Das schönste daran ist es, Menschen zu helfen. Das wollte ich schon immer. Irgendwas mit Menschen und Helfen. Heutzutage ist das bei den jungen Menschen anders, was ich nicht verstehe. Alle wollen nur noch irgendwas mit Medien machen. Echt sozial ist das nun wirklich nicht. (Artikelbild von Marcus Paul via Flickr)

Was mich manchmal, aber nur manchmal an meiner Arbeit stört ist, dass manche Klientinnen und Klienten so undankbar sind, obwohl ich nur das Beste für sie will und auch wirklich immer alles gebe. Und schließlich bin ich fundiert ausgebildet, extrem fortgebildet, manche behaupten zwar auch beruflich eingebildet—aber die haben schließlich auch keine Ahnung. Ich trinke außerdem eine Menge grünen Tee, damit ich das alles schaffe. Wegen der gesunden Lebensweise und so…

Wie gut ich Probleme erfasse und Menschen helfen kann zeigt meine tägliche Arbeit mit der ich ziemlich zufrieden bin. Wie neulich:Eine Mutter kommt mehr als offensichtlich total abgehetzt mit ihrem Kind und einem grünen Rezept zu mir. Mein Therapeutenradar sagt mir:

„Pass auf, diese beiden brauchen deine Hilfe ganz ganz dringend.“

Ich mustere die Mutter von oben bis unten professionell: Die Haare stehen zu Berge, die Klamotten sind nicht gerade bügelfrei, sie riecht etwas nach Schweiß, das Kind, ein Mädchen von schätzungsweise fünf Jahren, an ihrer Seite nörgelt die gesamte Zeit und kann nicht still stehen. Ich sortiere meine Gedanken, vergleiche mein Fortbildungswissen, checke meine Emotionen, die mir sagen, dass ich gedanklich völlig und ohne Abstriche richtig liege. Und viel besser noch, ich kann helfen, da ich gerade freie Zeit habe.

Ich bitte selbstlos sofort zum Anamnesegespräch und lass das Mädchen draußen spielen. Ich sage der Mutter ganz beiläufig, dass ich meine Pause auch später machen kann. Die Mutter ist erstmal unendlich dankbar und nimmt Platz. Gerade möchte sie etwas sagen, da winke ich großherzig ab. Ich habe es schließlich gesehen und sofort fachmännisch analysiert.

„Ihrem Kind kann ich helfen. Das ist ja wirklich tragisch. Wieso sind sie nicht schon eher gekommen?“

Die Mutter macht große Augen. Ich lehne mich eine Zehntelsekunde innerlich zurück, denn ich habe sie beeindruckt. Das weiß ich so ziemlich genau. Ich erzähle gleich was ich den beiden anbieten kann:

„Ihrer Tochter kann ich helfen, nein es ist sogar meine Pflicht dies zu tun. Ich habe viel Erfahrung und überhaupt bin ich spezialisiert wie kaum ein anderer. Ich werde mit ihr Mandalas malen, denn so wird sie ihre Mitte finden und zur Ruhe kommen. Bei der Kopfstellung bin ich mir nicht ganz sicher, aber ich glaube ihr Atlas sitzt etwas schief, den ich gegebenenfalls achsengerecht beüben kann oder jemanden kenne, der das optimal wieder einrenkt. Dafür benötigen sie nicht mal ein Rezept. Das geht auch als Selbstzahler. Total super dort.“

Denn ich habe bemerkt, wie ihre Tochter die Augen nach oben drehte, als die Mutter zu ihr meinte sie solle sich kurz gedulden. Das macht ja schließlich kein Kind in diesem Alter in dieser extremen Art und Weise. Denn durch den schiefen Atlas sind die Reflexe nicht so recht integriert.

„Logisch, dass sie so unruhig ist und sie nicht mehr die Zeit haben ihren Haushalt zu machen.“

Ich nicke Richtung Bluse im Faltenlook. Die Mutter schaut sichtlich getroffen und möchte etwas sagen. Ich nehme Kontakt auf, lege meine Hand auf ihre Schulter und beuge mich nach vorn um eine professionell enge Beziehung aufzubauen.

„Da gibt es keinen Grund sich zu schämen. Wirklich nicht. Das bekommen wir schon hin. Wenn sie die Regeln konsequent umsetzen, die ich mit ihrer Tochter erarbeite wird das schon was.“

Die Mutter lehnt sich nach hinten. Ich merke schon, sie wird wohl noch schwieriger zu führen als andere. Aber das bestärkt mich nur. Ich liebe Herausforderungen. Genau für diese schwierigen Fälle wird man schließlich Ergotherapeut. Sie wird schon noch merken, dass es nur zu ihrem Besten ist. Vielleicht kann sie es jetzt noch nicht schätzen aber in ein paar Jahren wird die Beziehung ganz eng werden. Ihren Unwillen verbuche ich unter stressbedingter Zickigkeit, obwohl ich mir schon mehr Dankbarkeit erwartet hätte. Schließlich habe ich mir meine freie Zeit genommen.

Aber ich merke ja auch, dass diese Mutter vor mir alleinerziehend ist. Sie muss einfach, denn unter diesen Umständen geht ja wirklich jede Beziehung kaputt. Ich sage ihr das auch. Sie lächelt gequält und winkt ab. Ich frage neben der Anamnese ihrer Tochter zum Schluss noch nach ihrem persönlichen Ziel für die Therapie. Denn ich will schließlich klientenzentriert arbeiten, wie alle modernen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten das tun. Sie antwortet endlich in ganzen Sätzen: Sie wollte eigentlich ihre beiden gebrochenen und operativ versorgten Handgelenke ergotherapeutisch behandeln lassen. Ich verdrehe nur kurz die Augen aber lächle ganz ehrlich von Herzen zurück.

„Machen Sie sich keine Gedanken, die Termine bekommen Sie vorne. Und Gott sei Dank sind Sie hier. Ich helfe Ihnen.“

Ich vermerke nebenbei ganz groß in der Akte:

„Mutter verdrängt Probleme und projiziert diese in somatische Beschwerden. Akuter therapeutischer Behandlungsbedarf. Frequenz vom Arzt erhöhen lassen!“

Es gibt also viel zu tun und bin so froh dass ich in der Lage bin zu helfen. Toller Job eben…

Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana gearbeitet und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website