Der Rey-Osterrieth-Test, auch genannt ROCF (Rey-Osterrieth Complex-Figure-Test) ist einigen von euch vielleicht in Zusammenhang mit der Neuropsychologie schon einmal untergekommen. Es geht um das Nachzeichnen einer komplexen Figur. Aus dem Ergebnis kann man Schlüsse über räumlich-konstruktive Fähigkeiten und exekutive Funktionen ziehen. Hirnorganische Funktionsstörungen und Gedächtnisstörungen können ebenso aus der nachgezeichneten Figur herausgelesen werden. (Artikelbild von Associated Fabrication via Flickr)

Er wird also in der Diagnostik verwendet, möglich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im neurologischen und psychiatrischen Zusammenhang, entwickelt wurde der Test von André Rey und Paul Alexander Osterrieth in den 1940er Jahren.

Die Durchführung des Rey-Osterrieth Complex-Figure-Tests

Das Blatt mit der Vorlage bleibt aufgedeckt liegen und soll abgezeichnet werden (Vorlage und Testanleitung zum Download findet ihr in den Weblinks dieses Artikels). In einem zweiten, später auch in einem dritten, Durchgang muss die Figur erneut—diesmal ohne die Verwendung der Vorlage abgezeichnet werden—was Aufschluss über Gedächtnisleistungen geben kann. Der Vergleich des abgezeichneten Bildes und der aus dem Gedächtnis reproduzierten Figur zeigt uns, ob eine Gedächtnisstörung oder schon im Vorfeld ein räumliches Defizit vorliegt, beziehungsweise welche Hemisphäre aktiv ist oder vernachlässigt wird, je nachdem wieviele Details abgebildet werden.

Interpretation der Ergebnisse des Rey-Osterrieth Complex-Figure-Tests aus ergotherapeutischer Sicht

Kleine Details werden vermehrt in der linken Hemisphäre wahrgenommen, während die grobe Umrissstruktur und Zusammenhänge in der rechten Hemisphäre erkannt werden. So kann sich zum Beispiel bei Tumorpatienten oder auch bei anderen hirnorganischen Defiziten eine Abweichung in der Wahrnehmung im Rey-Osterrieth-Test zeigen. Wenn zum Beispiel nur die Leiter, der Smiley, die eine oder andere Fahne auf dem Blatt verteilt sind, aber der Zusammenhang der Einzelteile fehlt, lässt sich eine mangelnde Verarbeitung in der rechten Gehirnhälfte vermuten. Die Ausführung des Tests kann zudem auf unterschiedliche Krankheitsbilder hinweisen, beziehungsweise deren Diagnostik unterstützen.

Bei sehr einseitiger Positionierung am Blatt und Freilassen einer Seite, auch Nichtwahrnehmen eines Teils der Rey-Osterrieth-Figur, ist auf eine Halbseitensymptomatik und einen Neglect zu schließen. Es kommt zu strukturellen Einbußen kontralateral zur Hirnläsion. In diesem Bereich kann der Test eventuell auch als Kontrolle für die Veränderung nach einigen Therapieeinheiten herangezogen werden. Es ist in diesem Fall auf die Positionierung der Vorlage zu achten. Auch soll er nicht geübt oder zum Beispiel monatlich zur Kontrolle herangezogen werden, wie bei jedem anderen Kontrollinstrument oder Test auch.

Eine interessante Beobachtung ist die Megalographie, eine Vergrößerung des Zeichenobjekts, die häufig bei Kleinhirnläsionen beobachtet wird oder im Gegensatz dazu, bei Mitbetroffenheit des Hirnstammes eine Mikrographie. Man sagt, dass auch bei Manie das Zeichenblatt oft nicht ausreicht, während eine Verkleinerung des Objekts immer wieder bei Depression zu beobachten ist.

Bei Demenz, Amnesie und bei diversen psychischen Erkrankungen können grafische Konfabulationen vorkommen, wenn aus der Figur in der Reproduktion schließlich ein Schwall an Linien entsteht (siehe Bildergalerie).

Beobachtungsstrategien während der Durchführung des Rey-Osterrieth Complex-Figure-Tests

Alleine durch die Beobachtung beim Zeichenprozess kann man Aufschlüsse über motorische Geschicklichkeit, Stimmungslage, Selbständigkeit, Zielorientiertheit und vieles mehr ziehen. Wie wird die Herausforderung angegangen? Erst die Umrisse, von links nach rechts, eher wirr oder organisiert? Dieser Prozess kann im therapeutischen Setting auch reflektiert werden und vielleicht auf andere Problemlösungssituationen umgemünzt werden.

Das Drehen der Figur am Blatt, natürlich auch die Drehung der Vorlage oder der eigenen Person zum Blatt zeugt von möglichen Raumwahrnehmungsdefiziten. Bei Kindern kann man auch zusehen, ob die Überkreuzung bei der Form schon umsetzbar ist, was wiederum in Zusammenhang mit einer guten Überkreuz-Fähigkeit und Wahrnehmung am eigenen Körper steht.

Ist die Verwendung des Rey-Osterrieth Complex-Figure-Tests in der ergotherapeutischen Praxis sinnvoll?

In der Praxis gibt es für den Rey-Osterrieth-Test vielleicht nicht soviel Bedarf als Einsatz in der Befundung. Aber wenn es um räumliche Orientierung, um (Strategie-)Training zur Erarbeitung komplexer Formen oder auch um Evaluation geht, kann er durchwegs Anwendung finden. Ich habe übrigens nicht nachgefragt, ob er unter Psychologinnen und Psychologen schon veraltet ist oder noch eingesetzt wird…

Bildergalerie

Weblinks

Weiterführende Literatur


Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website

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