Normal ist keiner, das steht fest. Besonders, originell oder behindert durch Umstände…Viele Begriffe, viele Zustände. Alles gehört irgendwie dazu. Manches hat einen Krankheitswert, manches gehört zum Mensch sein dazu. Dachte ich zumindest… (Artikelbild von Joseph McKinley via Flickr)

Der Alltag des Ergotherapeuten bringt so einiges mit sich, worüber man staunen, den Kopf schütteln, sich freuen oder auch ne Träne vergießen kann…viele Emotionen, mal mehr oder auch mal weniger. Aber einige Geschichten sind herausragend weil eben auch Alltag. Verrückt…um es gleich vorweg zustellen.

Ein junger Mann im pubertären Alter, kommt mit seinen Eltern in die Praxis. Schulprobleme in Mathe und Naturwissenschaften. Der Schüler geht auf eine x-beliebige Schule. Er hat einen Notendurchschnitt von 2,xx. Die große Hürde für ihn ist, wie im Gespräch zu erfahren war, dass er womöglich auf einen schlechten Durchschnitt abrutschen könnte. Oje, „Gefahr in Verzug“ dachte ich schon. Er lernt fleißig und nimmt jede Zusatzarbeit an, um Noten zu verbessern. Hilft aber nicht viel, so das Gefühl der Eltern. Diese zerbrachen sich die Kopf, wie sie da wohl vorgehen können und haben sich mit der Lehrerin beraten. Eine kluge Idee in der Regel, so finde ich.

Und siehe da, es war ganz konstruktiv, denn so das Fazit: das kann doch nur ein Fall für die Kinder- und Jugendpsychiatrie sein. Logisch, liegt ja nah und sowieso. Da gibt es doch eine, die sich mit Problemkindern herumschlägt. Gezielte Diagnostik vor Ort und eine sicheres Auge für eine geeignete Maßnahme: Ergotherapie muss helfen.

Jawohl—und ich stand bereit!

Ich habe geübt die Anamnese gemacht, eine Zielvereinbarung treffen wollen, um dann das zu Problem identifizieren! Verdammt, aber ich hatte ein Problem: Welches Ziel denn nun? „Noten halten, vielleicht mal schauen wie man lernt oder so ähnlich…“

Ich fragte mich was so im Repertoire schlummert? Aufmerksamkeitsprogramme, Wahrnehmungsspiele, Achten kreisen, damit die Gehirnhälften sich verknüpfen und vor allem Reflexübungsprogramme, die die Entwicklung wieder aufholen können? Die Ergowelt bietet ein wahres Monsterspektrum an geeigneten und zielgerichteten Maßnahmen. Man muss nur die richtigen Fortbildungen auswählen.

Ganz so dick wollte ich dann erstmal nicht auftragen. Ein paar Kompetenzen kann man sich schon aufheben und man muss nicht immer sein gesamtes Können aufbieten.

Eine Analyse des Lernens zu Hause mittels Eigenreflexion war da doch ganz hilfreich. Offenbarte es doch eines: der Junge ist zielsicher, methodensicher, eine starke Persönlichkeit, der weiß das vermeintlich logische Naturwissenschaften nicht sein Ding sind. Aber ich wäre nicht Therapeut wenn ich ihm nicht doch noch etwas beibringen konnte, nämlich Lernkarten mit einem Minimum an Informationen zu nutzen. Mathe krieg ich selber nicht so gut hin.

In den Gesprächen wurde aber noch eines deutlich; der Druck, in jedem Lebensbereich Spitzenleistungen zu bringen ist hoch. Auch für pubertierende Schüler. Zum einen sind da die Lehrer, welche einen tollen Abschluss anregen, da sind Eltern, die nur das Beste wollen, auch wenn das das Gegenteil nach sich ziehen kann wie in diesem Fall. Vor allem wenn herumpubertierende Menschen sowie so schon genügend Selbstzweifel in sich tragen.

Nach sechs Einheiten war es dann doch soweit. Ich musste Klartext reden, denn irgendwie muss doch einer mal die Wahrheit in Worte kleiden. Sie fielen in etwas wie folgt aus:

„Du brauchst keine Ergotherapie oder sonst derartige Maßnahmen. Du bist völlig normal. Ehrlich!“

Verrückte Idee irgendwie. Der junge Mann konnte es selbst kaum glauben. Freude strahlte quer übers Gesicht. Der Herz-Hüpfer war zu fühlen und zu hören, ein gewaltiger Luftsprung bis zum Himmel zu sehen. Ich dachte schon man wird in den nächsten Tagen von einer Sternschnuppe am hellererleuchteten Tage über unserer Praxis zu berichten haben. Ich war selber ganz beschwingt und freudetrunken, obwohl die ersten Zweifel aufkamen ob meiner fachlichen Kompetenz und ob ich nicht ein Defizit übersehen hätte. Mit Yoga habe ich mich entspannt und ein Lächeln manifestierte sich auf meinem Gesicht.

Irgendwie verrückt das Ganze. Wobei, wer oder was da jetzt genau?

Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana gearbeitet und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website