Klassifikation von Strecksehnenverletzungen

Bei Verletzungen der Strecksehne in der Zone 1 nach Verdan kommt es zu einem Ausfall der Streckung im Endgelenk. Es wird zwischen knöchernen und subkutanen Strecksehnenverletzungen unterschieden (Artikelbild via Flickr)

Die Einteilung nach Suckert erfolgt in 4 Typen:

  1. subkutan distal der Landsmeer Fasern (I)
  2. subkutan proximal der Landsmeer Fasern (II)
  3. knöchern ohne Luxation (III)
  4. knöchern mit Luxation (IV)

In diesem Artikel möchte ich mich auf die distalen, subcutanen Strecksehnenrisse (Typ I nach Suckert) beziehen: Diese werden mit einer Stack’schen Schiene versorgt. Ziel der Behandlung ist es, die im Bereich des Endgelenks nur mehr etwa 0,65 mm dicke gerissene Sehne möglichst nah zu ihrem Ansatz zu bringen, um sie dort durch Vernarbung anheilen zu lassen. Ergibt sich durch fehlende oder insuffiziente Schienung ein Spalt der Sehne – und daraus resultierend eine Verlängerung derselben – von 0,5 mm führt das bereits zu einem Streckdefizit von 10° im DIP-Gelenk, bei 2 mm Verlängerung sind es bereits 40° Streckdefizit. Da diese Verletzung in der Praxis sehr häufig zu nicht zufriedenstellenden Ergebnissen auf Grund von fehlerhafter Schienung, mangelnder Information von Klientinnen und Klienten, vorzeitiger Schienenabnahme und falschem Schienenhandling führt, möchte ich die wichtigsten Hürden in der Behandlung nachfolgend zusammenfassen.

Auswahl und Anpassung der passenden Stack’schen Schiene

Auswahl der Schienengröße

Fotografie von Unpassendes Modell einer industriell gefertigten Stack-SchieneDas erste Problem ergibt sich meist bei der Auswahl der Größe, um die richtige Lagerung des DIP-Gelenks zu gewährleisten. Der Handel stellt dafür 6 verschiedene Größen zur Auswahl – das reicht schon bei gesunden Fingern selten. Bei der Abbildung links ist die Schiene zu lang (sie darf nur bis zum PIP reichen) und der Schaft zu breit um einen sicheren Halt zu gewährleisten. Bei geschwollenen und schmerzempfindlichen Fingern gibt es oft große Schwierigkeiten, die passende Fertigschiene zu finden.

Fixierung der Stack’schen Schiene

Fotografie einer fehlerhaften Fixierung einer Stack-Schiene - PIP ist mitfixiertDer nächste Stolperstein ist die richtige Fixierung: Unnötigerweise wird oft das PIP-Gelenk mitfixiert. Bei einer Tragedauer von bis zu 12 Wochen kann das zu erheblichen – und vor allem unnötigen – Bewegungseinschränkungen im PIP-Gelenk führen. Wichtig ist die Fixierung mit richtig positioniertem Klettverschlussband, damit die Flexion nicht behindert wird. Als Folge einer fehlerhaften Position des DIP-Gelenks in Flexion kann die Sehne nicht – oder nur in funktionell zu langem Zustand – zusammenheilen. Es ergibt sich ein Streckdefizit im DIP-Gelenk. Ist mit der vorgefertigten Schiene keine zufriedenstellende Lagerung möglich, sollte man einer individuell angepassten Schiene den Vorzug geben.

Instruktion von Klientinnen und Klienten beim Tragen einer Stack’schen Schiene

Wichtig ist, dass Klientinnen und Klienten gut instruiert werden. Dazu zählen Information über Hautpflege, richtiges Schienenhandling, durchzuführende Übungen und ähnliches. Die häufigste Ursache für ein schlechtes Ergebnis dieser Verletzung sehe ich bei der Aufklärung der Klientinnen und Klienten, diese muss von allen an der Therapie Beteiligten einheitlich und sicherlich mehrmals erfolgen. Klientinnen und Klienten müssen unter Aufsicht erlernen, wie er die Schiene zur Hautpflege abnehmen kann ohne dass das DIP-Gelenk in Beugung gerät. Dem Patienten soll klar sein, dass ein einziges Mal beugen des DIP-Gelenks bedeutet, dass die Behandlung wieder von vorne beginnt.

Schienenkontrollen

Diese sind unbedingt erforderlich – zwecks Adaptierung an den Schwellungsrückgang oder veränderte Verbandssituationen beziehungsweise Korrektur von Druckstellen, hier passiert auch automatisch die Kontrolle des Handlings durch Klientinnen und Klienten bei der täglichen Hautpflege.

Ende der Schienenbehandlung

Fotografie von Streckdefizit nach Verletzung am linken KleinfingerendgelenkSind mindestens acht Wochen Tragedauer vergangen und ist das funktionelle Niveau zufriedenstellend, kann die Schiene untertags weggelassen werden. Sie wird nur mehr für vier Wochen nachts getragen. Ist die Funktion nicht zufriedenstellend weise ich auf die häufig Erfolg versprechende Möglichkeit hin, die Schienentragedauer um mindestens 4 Wochen zu verlängern. Bei schlechtem Ergebnis nach acht Wochen (definiert durch eine schwache aktive Extension beziehungsweise ein deutliches Streckdefizit) lohnt sich eine Verlängerung der Tragezeit auf 12-16 Wochen mit dem Ziel der Narbe noch Zeit zum Schrumpfen zu geben. Das ist immer einen Versuch wert und verbessert zumeist das Ergebnis. Streckdefizite von 10-15° im DIP-Gelenk werden in der Literatur zwar immer noch als sehr gutes Ergebnis bezeichnet, für Klientinnen und Klienten ist aber meist der kosmetische Aspekt des Streckdefizits nicht zufriedenstellend. Sie entscheiden sich häufig, die „Schrumpfungsbehandlung“ zu probieren und die Schiene noch ein drittes Monat zu tragen. Um das gute Ergebnis zu halten, ist allerdings Folgendes zu beachten: Im Anschluss darf keine Mobilisierung des DIP-Gelenks erfolgen. Diese kann eine Verlängerung der mühsam entstandenen straffen Narbe bedingen und somit das Ergebnis wochenlangen Abwartens zerstören. Klientinnen und Klienten werden aufgeklärt, den Finger zu integrieren und die Hand im Alltag allmählich wieder normal einzusetzen und den Faustschluss keinesfalls passiv zu dehnen – sondern den bei der Therapie bereits unter Beweis gestellten Langmut noch mal zu aktivieren, eine Verbesserung der eingeschränkten Flexion kommt meist automatisch durch die Alltagstätigkeiten zustande. Nur in seltenen Fällen bedürfen Klientinnen und Klienten neben der unbedingt zu erfolgenden Instruktion einer weiterführenden Ergotherapie.

Irene Weisser über sich selbst: Seit meiner Diplomierung 1992 an der Akademie für Ergotherapie am AKH Wien bin ich mit Leib und Seele Ergotherapeutin. Meine ersten Berufsjahre verbrachte ich auf der Orthopädie Baumgartner Höhe (Schwerpunkt: konservative und postoperative Rheumatologie) und bin seit 1995 an der Klinik für physikalische Medizin und Rehabilitation am AKH Wien, Fachbereich Unfallchirurgie/Handchirurgie tätig. Unterrichtstätigkeit an der Fachhochschule für Ergotherapie in Wien, Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen diverser Fachartikel runden meinen Arbeitsbereich ab.

Literatur


Bildergalerie


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