Die Fachhochschule Kärnten lud am 24.10.2014 unter den Titel „Gesundheit 2020“ zu einem Informations- und Netzwerktreffen für ehemalige AbsolventInnen, PraxisanleiterInnen und Interessierte aus den Berufsgruppen der MTD-Berufe in Kärnten, als Vortragende waren Mag. Regina Aistleithner von der Gesundheit Österreich GmbH sowie Dr. Ilse Elisabeth Oberleitner, in ihrer Funktion als Landessanitätsdirektorin und Unterabteilungsleiterin der Abteilung Sanitätswesen des Amtes der Kärntner Landesregierung, geladen. (Artikelbild von JD Hancock via Flickr)

Der Nachmittag war inhaltlich sehr dicht und informativ und schloss mit einer sehr spannenden Diskussion über die zukünftigen Chancen und Problemfelder, in denen sich die MTD-Berufe künftig wiederfinden werden. Dieser Artikel hat das Ziel die Inhalte der Veranstaltung grob zusammenfassen, für Interessierte weiterführende Informationen bereitzustellen und Fragen zu formulieren, über deren Beantwortung es sich wohl für alle Berufsangehörigen der MTD-Berufe in Österreich nachzudenken lohnt.

Die Gesundheitsreform 2013 in Österreich

Mein aktueller Wissensstand reicht nun wirklich keinesfalls aus um das Thema Gesundheitsreform auch nur annähernd kompetent zu beschreiben und verständlich darzulegen, weiterführende Informationen rund um das Thema finden sich aus diesem Grund in den Weblinks am Beitragsende.

Die Gesundheitsreform 2013 soll in Österreich unter anderem folgende Problemfelder adressieren:

  • Steigende Gesundheitsausgaben
  • Spitalslastigkeit der PatientInnenversorgung
  • Mangel/Fehlverteilung von Gesundheitspersonal
  • Krankheitsorientierung
  • Strenge Hierarchien
  • Beherrschung von übertragbaren (Ebola) und nicht-übertragbaren (Diabetes) Erkrankungen
  • Finanzierbarkeit
  • bürgernahe Gesundheitsversorgung
  • Schaffung widerstandsfähiger Gemeinschaften und stützender Umfelder
  • Arbeitskräftemangel (Pensionswelle der Hausärzte steht an)

2010 gab Österreich 11 % des BIP für Gesundheitsausgaben aus, davon ca. 8,4 % aus öffentlicher Hand. In anderen Ländern variieren diese Prozentsätze (Schweden: 9,6 %, Deutschland: 11,6 %, Dänemark: 11,1 %), der EU-Schnitt der EU15 liegt bei 10,2 %.

Die Zielsteuerung Gesundheit ist im Rahmen der Gesundheitsreform ein partnerschaftliches Zielsteuerungssystem an dem Bund, Länder und Sozialversicherungen beteiligt sind und das Planung, Organisation und Finanzierung der österreichischen Gesundheitsversorgung sicherstellen soll. Schwerpunkte sind zum Beispiel:

  • Verlagerung zum „Best Point of Service“ durch
    • Entlastung des akutstationären Bereichs
    • Vereinbarung und Schaffung von innovativen, extramuralen Versorgungsformen
    • Stärkung von Primary Care
  • Transparente Darstellung von Qualität im intra- und extramuralen Bereich
  • Dämpfung des Ausgabenwachstums, Sicherstellung einer nachhaltigen Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems

Allgemein gesprochen sollen sich die Ansatzpunkte der Gesundheitsversorgung deutlich verlagern, Versorgungsstufen sollen definiert werden, die Fähigkeit des Empowerments soll auch für Gesundheitsberufe vermittelt werden um dies an PatientInnen weiterzuvermitteln. Eine Aufteilung in Laienversorgung, Primärversorgung (Kernteam aus Arzt, Ordinationsgehilfin, DGKS/DGKP) und spezialisierte ambulante Versorgung sowie stationäre Versorgung soll vorgenommen werden.

Fest steht: die Gesundheitsreform wird umgesetzt und orientiert sich an den Rahmengesundheitszielen. Am 30.06.2014 wurde von der Bundeszielsteuerungskommission ein neues Konzept für die Primärversorgung von Patientinnen und Patienten in Österreich beschlossen, der Schwerpunkt dieses Konzepts liegt auf der Multiprofessionalität und Interdisziplinarität, das Volltext-PDF ist über die Weblinks am Artikelende herunterladbar.

Primärversorgung neu—Das Team um den Hausarzt

Einer der Kernpunkte dieses Konzepts beinhaltet die künftige (Erst-)Versorgung von Patientinnen und Patienten in sogenannten „Primärversorgungsteams“, deren Kernteam aus ÄrztInnen für Allgemeinmedizin, Diplomiertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal und OrdinationsassistentInnen besteht. Dieses Team soll in der Versorgung folgende Aufgaben wahrnehmen:

  • Wahrnehmung des Erstkontakts (Verfügbarkeit sicherstellen)
  • Planung des weiteren Betreuungsprozesses
  • Betreuung der Patientinnen und Patienten oder Übertragung der Betreuung an anderes Mitglied des Primärversorgungsteams
  • Drehscheibe für die Vernetzung mit den anderen Versorgungspartnern durch gemeinsame Dokumentation und Informationsbasis
  • Sicherstellen des Zugangs zu weiteren Versorgungseinrichtungen und Berufsgruppen für Patientinnen und Patienten über Kooperation

Angehörige medizinisch-technischer Berufsgruppen (zum Beispiel ErgotherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, Hebammen, LogopädInnen, DiätologInnen usw. sind in diesem Konzept nicht Teil des sogenannten Kernteams sondern werden als „primärversorgungsrelevante Berufsgruppen“ definiert, die durch verbindliche und strukturierte Zusammenarbeit in das Primärversorgungsteam eingebunden werden. Zusätzlich wurden sogenannte „Primärversorgungspartner“ definiert, die zum Beispiel Apotheken, Sanitätshäuser und Ähnliches umfassen.

Quelle: BMG

Quelle: BMG

Viele Aspekte dieser neuen Primärversorgung sind noch nicht endgültig fixiert, die rechtlichen Grundlagen sollen bis Ende 2016 geschaffen werden. Zu diesem Zeitpunkt soll mindestens 1 % der Bevölkerung pro Bundesland in multiprofessionellen, interdisziplinären Primärversorgungsmodellen versorgt werden. Aktuell werden Kompetenzprofile für das Kernteam erarbeitet, Versorgungsaufträge definiert und einzelne Projekte in den Bundesländern entwickelt. Offen sind zum Beispiel noch Dinge wie Organisation, rechtlicher Rahmen, Finanzierung, Auswirkungen auf die Kompetenzen der MTD, dies insbesondere mit Hinblick auf Primärversorgung versus spezielle ambulante und stationäre Versorgung.

Änderungen bei den zugelassenen Gesundheitsberufen in Österreich

Laut Mag. Aistleithner werden bei vielen Gesundheitsberufen aktuell Änderungen angedacht, diskutiert oder durchgeführt—nicht alle davon, wie zum Beispiel die Verringerung der Arbeitszeit und Änderungen in der Ausbildung von ÄrztInnen, stehen ursächlich mit der Gesundheitsreform in Zusammenhang. Die, meiner Einschätzung nach wichtigsten, seien anschließend kurz angeschnitten:

  • Kompetenzprofile für die Primärversorgung neu werden aktuell für Angehörige des Kernteams erarbeitet, bei den OrdinationsassistentInnen werden auch die Möglichkeiten der Berufsausübung überdacht.
  • Die Gesundheits- und Krankenpflege wird sich akademisieren, für die Ausbildung wird künftig eine Matura notwendig sein, die Qualitätskriterien der Ausbildung soll sich an jenen der Fachhochschulen orientieren.
  • Medizinische MasseurInnen und HeilmasseurInnen werden künftig wahrscheinlich im Rahmen eines 80–Stunden–Moduls die Möglichkeit haben die Spezialkompetenz „Basismobilisation“ zu erwerben. Dies wird MTD-Berufsangehörige im Rahmen der Aufsichts- und Anleitungsrechte über Assistenzberufe betreffen, die gerade bei der Überarbeitung der Berufsbilder im Vorfeld der bevorstehenden Novellierung des MTD-Gesetzes bei den jeweiligen Berufsverbänden durchgeführt wird.

Aktuelle Entwicklungen in den MTD-Berufen

Durch die bevorstehende Novellierung des MTD-Gesetzes sind alle Berufsverbände zurzeit mit der Überarbeitung der Berufsbilder beschäftigt. Im Zuge dieses Prozesses werden unter anderem auch Punkte wie

  • Fortbildungsverpflichtungen im Sinne des CPD
  • Tätigkeitsbereich
  • das oben angesprochene Aufsichts- und Anleitungsrecht gegenüber Assistenzberufen
  • die Berufsausübungsberechtigung
  • die Registrierung der MTD-Berufe

behandelt. Mag. Aistleithner vertrat die Meinung, dass Ausbildungen über Bakkalaureats-Niveau in Zukunft wegen der erarbeiteten Kompetenzprofile wichtiger werden, auch im Bezug auf Leitungspositionen wird dieser Aspekt eine Rolle spielen. Zusätzlich erläuterte sie, vor ihrem eigenen beruflichen Hintergrund als Physiotherapeutin, Herausforderungen denen sich die MTD-Berufsangehörigen in Österreich künftig stellen werden müssen:

  • Aufgabenverschiebung unter Berücksichtigung der Ausgabendämpfung—es ist damit zu rechnen, dass „kostengünstigere“ Berufsgruppen in Institutionen Teilbereiche (Stichwort: Basismobilisation) der Kernaufgaben von MTD-Berufen übernehmen werden, wie werden wir mit dieser Situation umgehen, die potenziell zu einer geringeren Anzahl von verfügbaren Arbeitsplätzen in „traditionellen“ Arbeitsverhältnissen führen kann oder wird?
  • Klärung des Bedarfs für MTD-Berufe? Welche Beiträge können MTD-Berufe zur Lösung gesundheitlich relevanter Fragen leisten?
  • Kompetenzorientierung—das hat Folgen für das „traditionelles“ Berufsverständnis, in Zukunft könnte ein modularer Aufbau (wer eine bestimmte Kompetenz erwirbt, führt bestimmte Tätigkeiten durch) das eigene Tätigkeitsfeld bestimmen
  • Verlagerung des Fokus vom Individuum hin zur Gesellschaft—welche Beiträge können MTD-Berufsangehörige zum Empowerment der Gesellschaft zum Beispiel im Bereich Gesundheitsmanagement leisten?
  • Wirksamkeit (EBP)—Wie können MTD-Berufsangehörige die Wirksamkeit des eigenen Tuns belegen?

Fazit

Manche der angesprochenen Aspekte betreffen verschiedene Angehörige der MTD-Berufsgruppen stärker oder schwächer, völlig unbeteiligt werden wir meiner Einschätzung nach allerdings alle zusammen nicht bleiben. In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden unter anderem auch Verschiebungen vom ärztlichen Tätigkeitsbereich in jenen anderer Gesundheitsberufe (was zum Beispiel in der Gesundheits- und Krankenpflege aktuell sehr ausgeprägt der Fall ist) beziehungsweise das Fehlen davon (RadiologietechnologInnen haben zum Beispiel seit kurzer Zeit Vorlesungen zum Thema Sonographie, die Durchführung solcher Maßnahmen ist ihnen aber nicht erlaubt) diskutiert. Ebenso wurden die Stärke und der Einfluss der jeweiligen Interessenvertretungen (Stichwort: Ärztekammer) und deren Auswirkungen thematisiert.

Vor allem in der Ergotherapie werden wir (als künftige Primärversorgungspartner) meiner Einschätzung nach weiterhin vor der konstanten Herausforderung stehen unseren Beruf, seine Arbeitsfelder, Kompetenzen und Wirksamkeitsnachweise bekannt(er) zu machen, vor allem gegenüber den praktischen ÄrztInnen, die im Kernteam der neuen Primärversorgung tätig sind und sicherlich die Funktion eines „Türöffners“ beim Zugang zu Patientinnen und Patienten innehaben werden.

Wie seht ihr das alles, liebe Leserinnen und Leser? Habt ihr Ideen, wie wir auf die angesprochenen Herausforderungen reagieren können? Verfügt ihr über Informationen die ich vergessen oder bei der Recherche übersehen habe? Wie seht ihr den Einsatz von Assistenzberufen und den möglichen Wegfall bisher als zentral erlebter Tätigkeitsbereiche? Und wie sieht das alles in der Schweiz und in Deutschland aus? Wir freuen uns über Rückmeldungen im Kommentarbereich und auf Diskussionsstoff…

Weblinks rund um die Gesundheitsreform 2013