Eine Gipsmaske anzufertigen ist eine einfache und bekannte Methode, viele kennen es vielleicht von der Schule oder einem Seminar. In der Ergotherapieausbildung hatten wir es nicht, dennoch baue ich es immer öfter in der Therapie ein, weil es multiple Aspekte anspricht. Der Materialaufwand ist gering, benötigt werden Gipsbinden (aus dem Bastelgeschäft oder der Apotheke), eine Schere, Hautcreme und etwas Wasser – dann kann’s auch schon losgehen. (Artikelbild von Bettina Hutterer)

Kurz zum Vorgehen: Die Gipsbinden werden in ca. 2-3 cm breite Teile geschnitten, ganz kurz ins Wasser getaucht, leicht abgetropft und Lage für Lage auf die eingecremte Haut aufgelegt und verstrichen. Vorsicht auf Haare und Augen, letztere am besten mit einem Taschentuch zudecken, damit keine Flüssigkeit rein tropft. Ich würde vorher auch noch die Nasenatmung kontrollieren bzw. üben, sonst muss der Mund offen bleiben.

Taktile Wahrnehmung

Dass ein taktiler Reiz gesetzt wird ist offensichtlich, was es aber für manche Leute bedeutet, die nassen, glitschigen Gipsbinden nicht nur mit den Händen zu berühren, sondern sogar ins Gesicht zu bekommen, ist kaum vorstellbar. Es beginnt ja schon mit dem vorausgehenden Eincremen des Gesichts, das kann bereits eine erste Herausforderung darstellen, aber auch eine gute Vorbereitung sein, wenn mit den eigenen Händen das Gesicht durchgeknetet wird (propriozeptiver Reiz). Die visuelle Kontrolle bleibt weg, was das Erlebnis intensiviert, obwohl jede/jeder selber entscheiden soll, ob die Augen bei der Maske verschlossen und vergipst oder lieber ausgespart werden. Ebenso fragt man nach dem Mund (offen oder zu?).

Warmes Wasser ist empfehlenswert, weil es von vielen als angenehmer beschrieben wird. Nun wird das Gesicht Schritt für Schritt bedeckt, man erforscht es quasi Segment für Segment neu. Ein wesentlicher Aspekt des sensorischen Inputs mit der Maske ist aber wohl das Aushärten der Gipsbinden. Nach einigen Minuten Ausharren lässt sich plötzlich die Haut gegen die Gipsmaske verschieben. Was eben noch mehr oder weniger am Gesicht haftete, löst sich nun und einige Grimassen unter der Bedeckung ermöglichen, das Ergebnis einfach abzunehmen.

Praxie

Es übersteigt doch so manche Vorstellungskraft, wie sich Gips auf der Haut verhält, v.a. wie er sich wieder ablöst. Die Binden unterscheiden sich ja auch von eventuellen Gipserlebnissen bei Knochenbrüchen. Dennoch sollte ein Grundausmaß an Planungsfähigkeit vorliegen, damit z.B. Kinder mit der Situation nicht überfordert werden. Ein dyspraktisches Kind wollte zum Beispiel ständig mit mir reden, als der Gips schon über dem Mund lag, und er war geradezu verwundert, dass ich nichts verstand. Was den Ablauf Gips zuschneiden – Eincremen – Kopf positionieren – Augen abdecken – Abwarten – Gesicht waschen – Ränder säubern bzw. weitere Elemente anfügen betrifft, bieten sich einige Möglichkeiten für die Förderung der Handlungsplanung. Bei älteren Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen kann dabei auf Organisationsfähigkeit und Umgang mit sauberem Arbeitsplatz geachtet werden.

Entspannung

In einer liegenden Position kann man, vorausgesetzt man mag das Gefühl auf der Haut, mit der Gipsmaske sehr gut zur Ruhe kommen, dies ist durchaus mit einer kosmetischen Behandlung vergleichbar. Alle Patientinnen und Patienten sind bisher ruhig und auch entspannt die 10-20 Minuten liegen geblieben, und erschienen mir auch im Nachhinein ausgeglichener. Im Gesicht selbst wäre zu viel Bewegung kontraproduktiv, worauf ich auch hinweise. Bleiben nur die Nasenlöcher offen, ist eine besondere Atemtechnik erforderlich, die an Yoga erinnert und zusätzlich Entspannung bringt.

Sozio-emotionaler Bereich

Nicht selten waren Jugendliche um ihre Haare oder ihr Make-Up besorgt, das Gesicht bleibt ja stets ein intimer Bereich. Entscheidend ist daher, dass eine Entscheidungsfreiheit bleibt, v.a. bezüglich der Person, die das Gesicht eingipsen soll – das hat verständlicherweise viel mit Vertrauen zu tun. Thematisch kann man mit dem Ergebnis schön weiterarbeiten: „mit welcher Maske laufe ich durchs Leben?“, „wie will ich gesehen werden?“, „hinter welcher Maske möchte ich mich verstecken?“,… Bei kleinen Kindern arbeite ich im sozialen Kompetenztraining auch gerne mit einer Superhelden-Thematik weiter. Meiner Erfahrung nach können die Patientinnen und Patienten sehr gut mit ihrem Abbild umgehen, es ist sehr konkret, dann aber durch Farbe und Material auch abstraktere Züge erhalten.

Weitere therapeutische Aspekte, die mit dem spannenden Gipsmasken-Erlebnis verbunden werden können sind:

  • räumlich konstruktive Förderung, wenn es z.B. um die Ausgestaltung als Skulptur oder Ergänzung von Ohren, Hörnern oder Ähnlichem geht
  • Graphomotorik (Ausgestalten mit Farbe und Mustern,…)
  • Feinmotorik
  • Ausdauer

Alternativmöglichkeit

Häufig wollen Kinder oder Jugendliche lieber ein Abbild ihrer Hand machen, als das Gesicht einzugipsen. Dies sollte auf jeden Fall respektiert werden und bietet zudem ähnliche therapeutische Förderelemente. Das Vorgehen, wie der Gips gut von der Hand abgelöst werden kann, muss zumeist planerisch unterstützt werden. Die Handschuh-Methode funktioniert nicht, da sich der Gips zum Herausschlüpfen nicht dehnt, d.h. für eine ganze Hand müssen mindestens zwei Teilelemente angefertigt werden, was bereits eine große Herausforderung darstellen kann.

Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website