Der Trend der Vermessung des alltäglichen Handelns ist unverkennbar und die Beweggründe oberflächlich betrachtet zwingend logisch. Die Ergotherapie, in ihrem Bestreben sich von einer scheinbar sinn- und ziellosen Beschäftigungstherapie und lediglich gefühlt begründeten Therapieintervention zu emanzipieren, macht sich frei vom belächelten Nischenberuf für Weltverbesserer und kreativen „Ich-helfe-dir-Symptomträgern“. (Artikelbild von Andrew Smith via Flickr: CC BY-SA 2.0)

Diese Emanzipation ist eine wichtige Grundbedingung, auf dem Weg zu einer gemeinsamen ergotherapeutischen Identität, welche ihren zentralen Platz im Gesundheitssystem sucht und wahrscheinlich auch finden wird. Auch wenn derzeit der Weg eher das Ziel ist.

Was dazu notwendig ist, findet sich zum einen im akademischen Weg der Ausbildung, welcher vor allem aus dem Inneren der Therapeutinnen und Therapeuten selbst gestaltet und beschritten wird und weniger durch vermeintlich zukunftsweisenden Entscheidungen der Akteure aus der hiesigen Politik.

Der andere Weg ist vor allem die Suche nach der wissenschaftlichen Herangehens- und Ausdrucksweise, um die eigene Arbeit, oder vielmehr noch den Erfolg der eigenen Arbeit zu messen oder messbar darzustellen. Hier entstanden zum Beispiel mit den bekannten Modellen MOHO, CMOP & Co ein Quantensprung in der Orientierung der Arbeit in der Ergotherapie selbst. Endlich musste man nicht nach Begriffen in anderen Fachbereichen suchen, sie entlehnen und zur eigenen Rechtfertigung nutzen. Nun werden Begriffe wie Alltag, Zufriedenheit, Tätigkeit und Handlung wissenschaftlich definiert, untermauert und nutzbar gemacht für die Evidenz der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten. Jegliches Tun und Handeln kann quantifiziert, bildlich dargestellt und kategorisiert werden. Eine Entwicklung, welche auch dem Zeitgeist der westlichen Welt entspricht. Es kann nur sein, was auch messbar ist.

Doch Jubel ist nicht das Echo der Gesamtheit aller tätigen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten. Frei nach Martin Seel ist eben die messbare Seite des Handelns nicht Handeln in der Komplexität des Lebens, sondern nur die messbare Seite des Handelns. So wurde schon zu oft die Evidenzkeule herausgeholt, um gegen emotionale und intuitive Erklärungsversuche von Hypothesen einzudreschen oder die eigene Gelehrigkeit darzustellen.

Dabei ist die Intuition keine kopflose Handlungsalternative zur geplant akademisch evaluierten Vorgehensweise. Intuition bedeutet viel mehr das Analysieren, Bewerten und Vergleichen einer Situation, die bekannt vorkommt und deren Lösungsmöglichkeiten aus dem schon Internalisierten generiert werden kann. Eine Hochgeschwindigkeitsanalyse und Hochgeschwindigkeitsentscheidung, die natürlich sehr anfällig für Störparameter sein kann. Aber immerhin.

Spannend ist derzeit eben jener dialektische Vorgang zwischen der Intuitionsergotherapie und der Messbarkeitsergotherapie. Ein Vorgang der fast als Gesetz der Entwicklungen vorherbestimmt gewesen ist. Wichtig ist in dieser noch verdeckten Debatte, die gegenseitige Anerkennung beider Strömungen nicht zu verwischen.

Aber stellen wir uns vor, die Zufriedenheit und Zustimmung unserer Klientinnen und Klienten nicht nur in Zahlen ausdrücken zu wollen oder gar diese messen zu müssen. Ist das nicht nur ein weiterer Rahmen für die Rollenmanifestierung von Klientinnen und Klienten und Gesundheitsakteur? Hat in unserer beschleunigten Zeit, wie sie Hartmut Rosa beschreibt, die Dauer der therapeutischen Intervention nicht auch eine heilsame Entschleunigungskomponente? Eine Zeit die wirksam ist, durch die persönliche Aufmerksamkeit einer einzigen Person. Ist diese intime Zeit auch zu quantifizieren, so dass sie den Kostenträgern etwas wert wird? Wie messen wir die Freude der Klientinnen und Klienten, welche mit uns einfach eine gute Zeit haben und sich angenommen fühlen? Ist Lächeln ein Parameter für evidentes Handeln?

Fragestellungen, welche wichtig sind, um sich nicht in der Katalogisierungswelt zu verlieren und eine menschenorientierte und persönliche, beziehungsorientierte Ergotherapie ermöglicht, die ihren Platz nicht neben der Wissenschaft verliert.

Weiterführende Literatur

Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana gearbeitet und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website

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