Die Zeiten ändern sich nicht, die Menschen ändern sich…

…pflegt meine Mutter zu sagen – und so ganz einverstanden war ich mit dieser Aussage eigentlich nie: ich neige eher zu der Meinung, dass sich die Zeiten (momentan rasant) ändern, und vor allem die Menschen stehenbleiben. Gesellschaftspolitische Diskussionen will ich hier allerdings keine vom Zaun brechen, zudem zu dieser Thematik ja ohnehin jedes Individuum seine eigene Meinung haben kann. Fakt ist jedoch: Digitale Technologie umgibt uns auf Schritt und Tritt, ob am Arbeitsplatz oder privat, und sie wird täglich mehrmals von uns allen verwendet – beinahe ob wir wollen oder nicht.

Man kann natürlich geteilter Meinung sein: aus meiner Zeit als Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger kann ich mich noch mit Grausen an kompliziert mit Bleistift auszufüllende Laboranforderungen, Befunde auf Schmierzetteln und das Ausmalen von Kästchen auf Essenskarten erinnern (ist noch nicht so lange her) – all diese Dinge werden heute EDV-gestützt erledigt, sind längst nicht mehr so arbeitsaufwendig und bieten gleichzeitig eine – mehr oder weniger – lückenlose Dokumentation der durchgeführten Arbeit bei gegebener Lesbarkeit für jedermann und jederfrau. In der Ergotherapie dürfte das früher auch nicht so viel anders gewesen sein, ich kann mich noch an das dreimal pro Woche stattfindende „Zuweisungsabsammeln“ während meines Psychiatriepraktikums an der Uni-Klinik Graz erinnern (schauder…) – und das war erst vor 2 1/2 Jahren.

Natürlich beschwert man sich gerne, wenn „der Computer langsam geht“ und somit die Dokumentationsarbeit von der eigentlichen Arbeit mit Klientinnen und Klienten abhält, natürlich ist es nervig, sich durch zahlreiche Untermenüs der zu verwendenden Software zu klicken, um seine Leistungen abzurechnen. Und privat unternimmt man lieber andere Dinge…oder? Trotzdem: Technologie (und deren zielgerichtete Verwendung) bringt auch Möglichkeiten in die Gestaltung therapeutischer Abläufe ein, die vor ein paar Jahren noch undenkbar waren. Dieser Beitrag soll anhand von ein paar Beispielen illustrieren, welche Möglichkeiten Digitaltechnik in meiner Arbeit eröffnet, und soll im Idealfall zum Nachdenken anregen, zu Diskussionen führen und Lust darauf machen, sich mit aktuellen technologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen…

Geräte und Hardware

Ich beziehe mich nachfolgend auf Dinge, die ich persönlich im ergotherapeutischen Arbeitsalltag verwende und für meine Arbeitsweise als nützlich erachte und für gut befinde. Das muss nicht bedeuten, dass das für alle Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten so ist bzw. sein muss. Datenschutzrelevante Überlegungen sind immer zu beachten, Namen und Krankheitsbilder von Klientinnen und Klienten haben weder am eigenen Mobiltelefon noch auf den Servern von internetbasierten Serviceanbietern etwas verloren. Weiterführende Informationen zu den angeführten Punkten finden sich am Artikelende im Abschnitt mit den Weblinks.

Der iPod – dein musikalischer Freund

Musik verwende ich beinahe täglich, sei es zur Begleitung von Körperwahrnehmungsgruppen, sei es als „nonverbale Einladung“ ein paar Minuten vor Gruppenbeginn, sei es als musikalische Untermalung in Kochgruppen (zu klassischer Musik kocht es sich einfach anders). Was früher ein elendes Jonglieren von CDs gewesen sein dürfte, hat heute in einem kleinen Gerät Platz, dass nicht einmal so groß wie eine Streichholzschachtel ist. Ich verwende ein Gerät mit 16 Gigabyte (GB) Speicherkapazität, das zumindest Platz für 200 CDs bietet, ich verwende es allerdings auch zusätzlich privat, für ein rein „ergotherapeutisches“ Gerät sollten 2 GB definitiv ausreichend sein, und man kann auch jeden x-beliebigen MP3-Player verwenden. Der iPod hat den Vorteil, dass sich die Musik mit iTunes – einer apple-eigenen und auf das Gerät zugeschnittenen Software – komfortabel verwalten lässt, so können z.B. Listen mit Liedern erstellt werden die thematisch zueinander passen oder von Benutzerinnen und Benutzern vorab angelegt wurden. Zusätzlich wird noch ein Lautsprechersystem benötigt, ich verwende eine Micro-HiFi-Anlage von JVC mit eingebautem iPod-Dock, die auch zusätzlich auch Anschlussmöglichkeiten für USB-Sticks und 3,5 mm Klinkenstecker bietet, CDs abspielen kann und einen FM-Tuner besitzt – mit dieser Ausstattung ist man musikalisch eigentlich für alles gewappnet und findet schnell das passende Stück für die passende Situation.

Gesamtkosten: ca. 180-250 € (inkl. Lautsprechersystem)

Das Smartphone – Hochleistung auf Schokoladentafelgröße

Um Telefone handelt es sich ja bei iPhone, Samsung Galaxy und Konsorten ohnehin schon kaum mehr, Datenflatrates, leistungsstarke Prozessoren und eine Unzahl an Funktionen ermöglichen Dinge von Fotografie über Textverarbeitung bis hin zur mobilen Nutzung sozialer Netzwerke – der Komfort dabei scheint mir abhängig von der Größe des Bildschirms zu sein. Praktisch sind die Dinger allemal, sei es zur Terminorganisation in der Freiberuflichkeit, dem Verfassen von E-Mails und zur Online-Recherche – in meiner Arbeit ergibt sich der Mehrwert hauptsächlich über die Internet-Funktionalität in Verbindung mit mehreren Apps (siehe auch den nachfolgenden Abschnitt), sowie der Kamera. Durch die ständige Verbindung mit dem Netz lassen sich webbasierte Services jederzeit nutzen und es gibt wirklich pfiffige Software-Produkte, die großteils zum Nulltarif erhältlich ist – in Verbindung mit der Kamera und der E-Mail-Applikation lassen sich erstaunliche Dinge bewerkstelligen, die vor ein paar Jahren noch völlig undenkbar gewesen sein müssen.

Gesamtkosten: abhängig von gewünschtem Gerät, Mobilfunkanbieter und Vertragsmodalitäten, ca. 1-150 € (Vertrag mit Zweijahresbindung)

Webservices und Apps – kleine Helferlein die Freude machen

Kostenlos und nützlich sollen sie im Idealfall sein, die kleinen Helferlein aus der „Cloud“ – und das sind sie größtenteils auch, zumindest auf Android-basierten Betriebssystemen, die Kosten von Applikationen für das iPhone bewegen sich allerdings meines Wissens nach in durchaus vertretbaren – sprich kostengünstigen – Bereichen. Ähnlich verhält es sich mit webbasierten Services, auch hier ist sehr oft eine kostenlose Nutzung von Services innerhalb bestimmter Grenzen möglich, die ich persönlich in meiner ergotherapeutischen Tätigkeit noch nie überschritten habe. Eine kurze Übersicht gefällig?

  • Dropbox – 2 GB kostenloser Onlinespeicherplatz, volle Synchronisation über das Web, der Zugriff auf die gespeicherten Inhalte ist von jedem Gerät mit Internetzugang möglich, ideal zum Speichern von Dokumenten, Bildern und Videos die man häufig benötigt – auch als App erhältlich
  • Evernote – in der Basisversion kostenloses cloud-basiertes Notizsystem, neben Textnotizen können Audionotizen erstellt und hochgeladen werden, Notizen können sogenannten „Notizbüchern“ zugeordnet werden und mit Schlagworten versehen werden (in Bearbeitung, erledigt), das Hochladen von Bildern und Dokumenten ist ebenfalls möglich, volle Synchronisation über das Web, der Zugriff auf die gespeicherten Inhalte ist von jedem Gerät mit Internetzugang möglich – für mich seeehr praktisch (Projektabwicklung…) – auch als App erhältlich
  • Skitch – ermöglicht das (einfache) nachträgliche Zeichnen auf gemachten Bildern mit einer kleinen Auswahl an Pinseln und Farben, ist einfach zu bedienen und recht praktisch, wenn man in einem Bild etwas besonders hervorheben möchte, kostenlos, für iOS und Android
  • Retro Camera – kostenlose Foto-App mit der man auf eine Auswahl an virtuellen Kameramodellen zurückgreifen kann, um Vintage-Effekte zu erzielen, das Äquivalent am iPhone nennt sich „Instagram“, bietet ein paar schöne Effekte um z.B. Werkstücke von Klientinnen und Klienten abzulichten
  • Adobe Photoshop Express – kostenlose Bildbearbeitungs-App, für den Fall, dass ein Foto nicht so besonders gelungen ist, ermöglicht Anpassungen von Helligkeit, Belichtung, Kontrast und Sättigung, dreht Bilder und schneidet sie zu und verfügt über ein paar Effektfilter, unkompliziert zu bedienen und sehr nützlich
  • RealCalc – kostenloser Taschenrechner, der alle Stücke spielt die man für „Rechenaufgaben“ benötigt, übersichtlich, einfach zu bedienen und ohne überflüssigen Schnickschnack. Fürs iPhone sind PCalc oder MAcalc vergleichbar, die sind aber beide kostenpflichtig
  • HEROLD mobile – quasi das ganze Telefonbuch von Österreich im Westentaschenformat, für meinen Arbeitsbereich extrem praktisch, wenn Klientinnen im recht mitgenommenen Telefonbuch der Station notwendige Telefonnummern nicht finden, einfache Bedienung, gute Suchfunktion und kostenlos ist die App obendrein

Gesamtkosten: abhängig von der benötigten Funktionalität, unter 20 € zu bleiben ist leicht möglich

Workflow – Ein Beispiel zur Veranschaulichung

Das alles liest sich jetzt recht abstrakt, manche mögen sich jetzt denken: „Was kann ich mit all dem Kram denn eigentlich anfangen?“ Ich kann das auch nicht allgemeingültig sagen, möchte aber anhand eines praktischen Beispiels demonstrieren, was in sehr kurzer Zeit mit digitaler Technologie im therapeutischen Alltag zu bewerkstelligen ist…

Bild einer fertigestellten Tonpapiercollage mit dem Thema HerbstbaumZum Wechsel der Jahreszeiten biete ich als Gruppenaktivität die Gestaltung eines Plakats im Format 2A0 an, die Plakatgestaltung erfolgt – nach der Erstellung eines groben Entwurfs und der Festlegung der zu verwendenden Farben durch die Klientinnen – mit farbigen Tonpapierschnipseln, die von Hand ca. auf die Größe eines Fingerendgliedes gerissen werden. Diese Aktivität lässt sich auch sehr über ein Wochenende anbieten, die Abläufe sind einfach und können auch bei ganz unterschiedlichem Leistungsniveau von den meisten Klientinnen durchgeführt werden. Beim Wechsel von Sommer auf Herbst fiel die Entscheidung auf einen herbstlichen Laubbaum mit Sonne, Hügeln und Himmel als Hintergrund, geplant war meinerseits eine Zeitdauer von ca. 3-4 jeweils einstündigen Gruppeneinheiten für die Fertigstellung des Plakats, die Aktivität wurde über das Wochenende frei zugänglich angeboten.

Meine Überraschung nach dem Wochenende war groß, das Plakat wurde nämlich bereits am Samstag und am Sonntag von den Klientinnen komplett fertig gestellt, die Motivation war offensichtlich – und das wurde mir auch auf Rückfrage bestätigt – sehr groß, und die Klientinnen waren mit dem Ergebnis mehr als zufrieden, und zwar so zufrieden, dass alle gerne ein Bild des fertig gestellten Plakats als Erinnerungsstück haben wollten. Erschwerend kam hinzu, dass bei einigen Klientinnen bereits am Montag eine Entlassung bzw. eine Verlegung geplant war, die Zeit drängte also…

Unter Zuhilfenahme der oben angeführten Mittel, gelang es innerhalb kürzester Zeit laminierte Farbabzüge für alle beteiligten Klientinnen herzustellen, und zwar mittels folgender Arbeitsschritte:

  1. Fotografie des Plakats mithilfe der eingebauten Kamera des Smartphones (8 Megapixel Auflösung, also passable Qualität)
  2. Nachbearbeitung des Bildes am Telefon mit Photoshop Express (Zuschnitt, Anpassung von Helligkeit, Farbsättigung und Kontrastverhältnissen)
  3. Hochladen des Fotos auf die verschlüsselten Server von Dropbox mittels der Dropbox-App am Telefon, alternativ wäre auch ein Senden des fertig bearbeiteten Fotos per Telefon an meine klinikeigene E-Mail-Adresse möglich gewesen)
  4. Abrufen des hochgeladenen Fotos an einem Computerarbeitsplatz, Drucken des Fotos (vier Stück auf einer A4-Seite) auf Normalpapier mit dem klinikeigenen Farblaserdrucker in ausreichender Anzahl
  5. Laminieren der Fotobögen mit einem Papierlaminiergerät
  6. Zuschnitt der laminierten Bilder mittels einer Papierschlagschere
  7. Weitergabe der laminierten Bilder an die Klientinnen

Bilder von Fotografien einer herbstlichen TonpapiercollageDie Gesamtzeit für die Herstellung der fertigen Bilder belief sich auf weniger als eine Stunde, der „digitale Teil“ der Arbeit war in ca. zehn Minuten erledigt. Wenn der Zeitdruck nicht so groß gewesen wäre, wäre es auch ein Leichtes gewesen, Klientinnen in die manuellen Arbeitsabläufe einzubinden – meinerseits stand hier allerdings die möglichst rasche Fertigstellung im Vordergrund.

Fazit

Technik ist aus meiner Sicht zweifellos sehr nützlich, die Bedienung wird im Zuge des „Software-als-App-Trends“ immer einfacher, und ist auch für Personen möglich, die nicht besonders technikversiert sind – und wie sich das oben beschriebene Beispiel im prädigitalen Zeitalter ohne das Vorhandenseins eines Farbkopierers in vergleichbarer Zeit hätte lösen lassen können, hat sich mir auch nach längerem Nachdenken nicht erschlossen. In unserer Sektion Links & Mehr findet ihr übrigens auch Websites, die sich z.B. mit der Anwendung der Nintendo Wii in der Neurorehabilitation beschäftigen, schaut bei Interesse doch auch mal dort vorbei…

Wie setzt ihr Digitaltechnik in eurem Arbeitsalltag ein? Tut ihr das überhaupt? Wenn ja, welche Systeme verwendet ihr? Über Rückmeldungen im Kommentarbereich würde ich mich freuen, weil ich der Meinung bin, dass das Thema ein sehr zeitgemäßes ist…

Weblinks

Hardware

Smartphone

Webservices und Apps