Jeder weiß, wir leben in einer schnellen Zeit und Welt und die meisten Erwachsenen haben sich wohl damit abgefunden bzw. sich arrangiert. Sprich es wird schneller, mal Jobwechsel, mal Partnerschaften, die Filme werden schneller geschnitten, die Autos oder Transportmittel generell sind fähig uns immer schneller von A nach B zu bringen. Durchs Internet kommen wir sehr schnell an Information und auch an Waren, die wir bestellen und äußerst schnell mit Karte bezahlen. Weitere Ausführungen sind nicht notwendig, jede/r weiß wovon ich rede und hat womöglich nicht die Zeit, sich all die Auflistung nochmal zu lesen (Artikelbild von Bettina Hutterer).

Letztens fragte mich aber ein Kind bei der Befundung ob es die Zeichenaufgabe lieber schnell oder genau lösen sollte.

„Werde ich gestoppt?“

Äußerst flexibel, würd’ ich sagen, wenn beide Varianten in der Ausführung möglich sind. Das fehlende Tempo ist oftmals aber ausschlaggebend für eine Überweisung zur Ergotherapie, gerade im schulischen Bereich, oder besser gesagt in einer größeren Kindergruppe, weil hier auch viel eher ein Geschwindigkeitsvergleich möglich ist.

Oftmals wird aber das verlangte Tempo zu einem großen Problem, das uns auch in der ergotherapeutischen Praxis begleitet. Nicht weil wir eigentlich kaum an der Geschwindigkeit ansetzen können, sondern weil Tempo wohl ein großer Teil der Frustration ist, die sich über längere Zeit aufbaut. Es kann Tempo ja auch nicht geübt werden, wenn Basisfähigkeiten noch nicht gesichert abrufbar sind. Das Tempo ergibt sich erst in der Perfektion einer Fähigkeit. Man kann das schnell laufen nicht üben, wenn sich schon beim Gehen Schwierigkeiten zeigen.

Ein Beispiel:

„Löse die 100 Malrechnungen in einer Minute, dann hast du die Malreihen genug gelernt.“

JumpEin Kind hat den Zettel zerrissen, ein anderes in ähnlicher Situation die Schere durch das Klassenzimmer geworfen. Klar arbeiten einige Kinder in einer Klasse an Perfektion der erlernten Fähigkeiten, und klar gibt es in der Wissensvermittlung Zeitvorgaben. Angesichts der Tatsache, dass Kinder so oder so schon großem Druck ausgeliefert sind, in einer Gruppe zu bestehen, sich Inhalte, die sie eventuell nicht interessieren anzueignen und viel Zeit in Klassenräumen sitzend zu verbringen, erachte ich es aber als großes Problem, den Faktor Geschwindigkeit, erstens in den Schulalltag und zweitens in ein Bewertungssystem mit einfließen zu lassen. Möglicherweise muss sich die nächste Generation erst umstellen, dass auch die Verarbeitung von den schneller einströmenden Informationen rascher vonstatten gehen soll. Wie lange dauert aber dieser phylogenetische Prozess, dass sich die Verarbeitungsgeschwindigkeit der schnelllebigen Welt heute anpasst. Womöglich solange, wie sich der Wurmfortsatz evolutionär zurückgebildet hat, also grob geschätzt 30.000 Jahre?! Diese Tatsache führt das Thema etwas ad absurdum.

Warum suchen sich Kinder so gerne Spiele mit Wettbewerbscharakter aus? Dieses ständige sich beweisen müssen, wer schneller ist, stellt Teil des sich selber Erkennens, ja Spürens dar. Das wird zum Teil von Erwachsenen forciert aber auch selber weiter betrieben.

Also gehen wir weiter in die Therapie mit Erwachsenen. Wir prüfen die Geschwindigkeit in einigen Befundungssystemen, dies dient dem Vergleichen, schon klar. Aber was bedeutet es für unsere Patienten und für uns, im Halbstundentakt Behandlungen anzubieten. Zeit ist kostbar, auch das wird uns jede/r bestätigen, vor allem wenn es um die eigene Freizeit geht. Aber es sollte auch im Therapiealltag kostbar sein und Möglichkeiten für Gestaltungsspielraum geben.

MalreihenTempo wird bei mir in der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen nicht geübt, das geht auch nicht, unter anderem wenn grundlegende Fertigkeiten noch nicht gesichert sind. Ein Problem, womit Eltern in die Praxis kommen, ist das schnelle Anziehen der Kinder am Morgen, schon komisch, dass es manche Kinder dann plötzlich nicht mehr selbständig können. In der Therapie gerade beim Aufbau von Selbstwert und Selbstwahrnehmung wird es immer wichtiger, Zeit und somit Möglichkeiten der individuellen Entfaltung zu haben. Das ist ein Teil der Umgebungsgestaltung nicht nur im therapeutischen Setting, sondern auch im Alltag, der gar nicht so einfach zu gewährleisten ist.

Nur am Rande… ich hab’ den Malrechnungszettel in einer stillen Minute ohne Patienten versucht und hab’ leider versagt.

Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website