Tim Eikermann ist Ergotherapeut, Psychologe und Psychotherapeut. In der aktuellen Ausgabe (03/2013) der Fachzeitschrift „ergotherapie“ des österreichischen Berufsverbandes Ergotherapie Austria erschien ein von ihm verfasster Beitrag, der die Entwicklung eines neuen ergotherapeutischen Modells zum Thema hat. In einem Interview mit sich selbst, gibt Tim Einblicke in seine bisherige Arbeit. Für weiterführende Informationen beachtet bitte auch den Abschnitt „Weblinks“ dieses Beitrags. [Markus]


Worum geht es beim PPSM?

Das ist eine gute Frage. Das Problem ist nur: So einfach lässt sie sich nicht beantworten. Das liegt an der Natur ergotherapeutischer Modelle: Sie behandeln einen komplexen Beruf und beziehen sich auf mehrere Ebenen. Wir müssten erst einmal sortieren.

Wenn wir jedoch erst einmal pauschal bleiben dürfen, kann man sagen, dass das PPSM die wesentlichen Forderungen erfüllt, die an ergotherapeutische Modelle gestellt werden:

  • Es stärkt das ergotherapeutische Grundverständnis,
  • erleichtert die Darstellung der Ergotherapie nach außen,
  • trägt theoretische Erkenntnisse zusammen, um sie dann in einen logischen und nachvollziehbaren Zusammenhang zu praktischen und berufsbezogenen Fragen zu bringen,
  • gewährleistet einen klientenzentrierten Blick und bezieht Umweltaspekte mit ein und
  • bringt eine ergotherapeutische Leitlinie und Befunderhebungsverfahren hervor.

Gehen wir die Punkte mal der Reihe nach durch: Das ergotherapeutische Grundverständnis. Gibt es hier etwas Besonderes, was das PPSM zu bieten hat?

Das Hauptproblem am ergotherapeutischen Grundverständnis ist doch nach wie vor, dass die Ergotherapie Schwierigkeiten hat, sich selbst zu erklären. Das Besondere der Ergotherapie scheint schwer zu fassen zu sein! Es hört sich vielleicht etwas vermessen an: Aber das PPSM beinhaltet etwas, was es uns endlich deutlich leichter machen könnte, unseren Beruf zu definieren.

Aber sticht die Ergotherapie nicht schon durch ihre Alltagsorientierung oder den Handlungsansatz heraus?

Bezüglich der Alltagsorientierung spielt das ICF eine bedeutsame Rolle. Je stärker sich dieses durchsetzt, desto stärker werden sich auch andere Berufsgruppen im Gesundheitssystems auf den Alltag des Patienten beziehen. Und die Eigenaktivität, die der Handlungsansatz primär mit sich bringt, ist fester Bestandteil vieler pädagogischer Konzepte.

Und was hat das PPSM nun als Alternative zu bieten?

Um das zu erklären, müssen wir auf eine ergotherapeutische Selbstverständlichkeit zurückgreifen: Physiotherapeuten zeichnen sich doch dadurch aus, dass sie primär den Körper im Blickfeld haben, Logopäden therapieren das Sprachvermögen, Psychotherapeuten kümmern sich um das emotionale Befinden. Durch den Handlungsansatz definieren sich Ergotherapeuten auf einer anderen Ebene und was sie eben nicht tun: Sie konzentrieren sich nicht auf einen bestimmten Bereich menschlicher Handlungen. Sie betrachten den Menschen als Ganzes.

Das ist ja wirklich nichts Neues: Ganzheitlichkeit ist ein Grundpfeiler der Ergotherapie.

Richtig: Ganzheitlichkeit ist ein wohlbekanntes Schlagwort. Doch wie füllen wir es? Logisch: Wir sprechen mittlerweile viel über gesellschaftliche Rollen, Werte und Gewohnheiten. Auch das sind wichtige Aspekte von Ganzheitlichkeit. Allerdings ist dies eine andere, als die Ganzheitlichkeit, die ich hier meine. Und die Ganzheitlichkeit, die ich meine, wird kaum bis gar nicht gezielt beachtet, thematisiert oder aufgegriffen. Das hat mich auf meiner Suche selbst erstaunt.

Um welche Ganzheitlichkeit geht es denn?

Die Wissenschaft hat den Menschen unterteilt. Wir sprechen zum Beispiel von Wahrnehmung, von Aufmerksamkeit und von Gleichgewicht. Ich nenne diese „innere Strukturen“. Und all diese inneren Strukturen dröseln wir noch weiter auf. So sprechen wir nicht nur von Gedächtnis: Wir unterscheiden das Ultrakurzzeitgedächtnis, das Kurzzeit- sowie das Arbeitsgedächtnis und schließlich das Langzeitgedächtnis…Kurz: Wir haben den Menschen auseinandergenommen. Was dabei herausgekommen ist, ist mittlerweile allgemeines Gedankengut.

Auch wir Ergotherapeuten bedienen uns dieser Konzepte. Es gibt beispielsweise eine Liste von den Kollegen Lemmert, Hoffmann und Schunck, die 64 unterschiedliche Strukturen bzw. Leistungen auflistet. Sie sind uns alle mehr oder weniger vertraut. Wir gehen mit ihnen täglich um, als wären sie echte Realitäten. Wirkliche Realität ist aber doch, dass diese Strukturen alle zusammenarbeiten wenn wir handeln! Und wenn dem so ist und wir Ergotherapeuten den Menschen als Handelnden betrachten, dann müssten wir doch genau diese Zusammenarbeit der unterschiedlichen inneren Strukturen beachten. Wir müssten diese Dynamiken und Interaktionen kennen und verstehen. Das ist genau das, was ich meinte, wenn ich eben sagte, dass Ergotherapeuten den Menschen als Ganzes betrachten.

Interessant ist nur: Bisher gibt es so gut wie keinen Ansatz, der erklärt, wie diese Interaktionen funktionieren – in der Ergotherapie gar nicht und auch kaum in den Grundlagenwissenschaften.

Gibt es nicht?

Nein. Zumindest habe ich lange und umfangreich gesucht und bisher nichts entsprechend Umfassendes gefunden. Man stößt auf Hinweise, die sich auf das Zusammenwirken einzelner Strukturen beziehen. Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zum Beispiel oder Wahrnehmung und Motorik sind da relativ beliebt. Aber nach einer zusammenfassenden Ausarbeitung habe ich bisher vergeblich gesucht.

Und das PPSM liefert nun diese Ausarbeitung?

Ja. Zumindest bietet es anscheinend den ersten ernsthaften Versuch.

Und wie stärkt diese Theorie nun unser ergotherapeutisches Grundverständnis?

Dieses Wissen um die Interaktion und die Dynamiken der inneren Strukturen bei der Handlung in der jeweiligen Umwelt ist Basis für unsere Therapie. Entsprechend hat jeder Ergotherapeut diesbezüglich implizit seine eigene Theorie im Kopf. Diese jedoch bewusst zu machen und wissenschaftlich aufzuarbeiten, stärkt die praktische Arbeit – insbesondere gibt dies jedoch dem eigenen beruflichen Selbstverständnis ein viel festeres Fundament.

Diese Theorie ist keine Banalität. Sie bezieht sich auf etwas recht komplex Erscheinendes. Als Bestandteil des ergotherapeutischen Gedankenguts ist sie schon etwas Besonderes, nach ihr zu handeln, gibt Klarheit, Sicherheit, aber auch kreative Freiheit. Und wir landen beim zweiten oben genannten Aspekt: Sie zu haben, erleichtert die Darstellung der Ergotherapie nach außen…

…und würde helfen, Ergotherapie besser zu definieren?

Ich denke schon. Wir könnten es ja mal folgendermaßen versuchen:

Ziel der Ergotherapie ist, dass Patienten in ihrem Alltag als problematisch erlebte Tätigkeiten (wieder) zufriedenstellend ausführen können. Diese Tätigkeiten werden in der Therapie so modifiziert, dass beim Patienten in den relevanten Bereichen seiner Handlungsfähigkeit Anpassungsprozesse stattfinden. Dafür berücksichtigt die Ergotherapie alle dabei stattfindenden Dynamiken und Prozesse, um den optimalen Ansatzpunkt zu finden, so dass sich diese Anpassungen stabilisieren können und der Patient auch im Alltag die Tätigkeiten effektiv und effizient ausführen kann. Sollte es sich darüber hinaus als notwendig erweisen, wird zusätzlich die alltägliche Umwelt an die Möglichkeiten des Patienten angepasst.

Das sind aber nur Worte. Und ohne gelebte ergotherapeutische Praxis bleiben sie Schall und Rauch. Entscheidend ist doch, dass man aus dieser Theorie direkt konkrete praktische Schlüsse für jeden therapeutischen Arbeitsschritt ableiten kann. Und das kann man!

Was sind das für praktische Schlüsse?

Wir können an dieser Stelle nur Beispiele nennen.

Nehmen wir das Erstgespräch: Das ist eine sehr entscheidende Situation, in der die Grundlage für die Therapie gelegt wird. Der Patient formuliert sein Anliegen und seine Ziele, der Erstkontakt zu uns Therapeuten vermittelt einen ersten Eindruck unserer Kompetenz. Das PPSM leitet aus der Theorie drei wichtige Strategien ab, um dieses Gespräch möglichst effektiv zu gestalten: Diese beziehen sich auf die Vorbereitung des Patienten auf ein lösungs- bzw. zielorientiertes Gespräch, sie ermöglichen das Filtern und Sortieren der Informationen und die Überprüfung der Motivation, die den genannten Zielen zugrunde liegt.

Auch kann man aus der Theorie ableiten, wie man alltagsrelevante Gedächtnisleistungen unterstützt, wie man motorische Behandlungen aufbaut und was es bei kognitiven Trainings zu beachten gilt.

In diesem Sinne ist das PPSM ein ergotherapeutisches Modell, das näher an die Praxis heranrückt als die anderen. Es nimmt den dritten oben genannten Punkt sehr ernst: theoretische Kenntnisse sollten nicht ihrer selbst Willen zusammengetragen werden, sondern eindeutige praktische Bezüge aufzeigen. Das gilt umso mehr, wenn man beachtet, dass sich aus der Theorie des PPSM in der Tat ein ergotherapeutischer Leitfaden ableiten lässt. Soweit mein Kenntnisstand reicht, ist dies auch etwas, was bisher von keinem anderen ergotherapeutischen Modell geleistet wurde.

Dieser Leitfaden strukturiert den ergotherapeutischen Prozess und erlaubt einem, schlüssig begründet vorzugehen. Gerade er macht die Ergotherapie transparenter, verständlicher und nachvollziehbarer. Etwas, was sowohl Ärzte als auch Patienten lieben, was unserem Selbstverständnis deutlich zugute kommen kann und was somit unserem Beruf an sich gut tun würde.

Wie sieht dieser Leitfaden aus?

Die Theorie des PPSM legt recht eindeutig den Top-Down-Ansatz nahe: Das PPSM liefert wissenschaftlich sehr fundierte Gründe dafür, dass es erst einmal Sinn macht, in der Therapie mit der Handlung zu starten, die als problematisch erlebt wird. Dabei werden nach einer bestimmten Struktur die als entscheidend angesehenen Variablen nach und nach verändert. Der Erfolg wird direkt überprüft und man nähert sich prozessdiagnostisch den zugrundeliegenden Schwierigkeiten. Dieses Vorgehen kann entweder dazu führen, dass sehr schnell alltagsrelevante Verbesserungen eintreten oder aber, dass man sich zunehmend den klassischen ergotherapeutischen Verfahren nähert.

Wie das?

Um es etwas konkreter zu machen:

In der ersten Stufe wird das problematische Verhalten erst einmal nur beobachtet, evtl. auf Video aufgenommen und dann mit dem Patienten nach einem bestimmten Prinzip gemeinsam analysiert. Allein dadurch können Veränderungen eintreten. Auf jeden Fall lassen sich bestimmte Maßnahmen ableiten, die häufig zu Hause umgesetzt werden können. So kann man beim nächsten Termin bereits die Handlung auf Veränderungen überprüfen und hat konkrete, aussagekräftige und bedeutsame Informationen.

Die am häufigsten zu Beginn einsetzbaren Maßnahmen, sind jene, die die Motivation des Patienten verändern. Aber wie bereits weiter oben gesagt: Das lässt sich an dieser Stelle nicht pauschal festlegen. Nicht bei jedem Patienten setzt man an diesem Punkt an. Die Entscheidung unterliegt dem individuellen Sachverhalt. Somit wird deutlich: Auch bei diesem Leitfaden ist und bleibt die fachliche und intuitive Kompetenz des Therapeuten die entscheidende Komponente. Diese kann durch die Struktur des PPSM aber stärker zum tragen kommen, da der Therapeut selbst sich in einem sichereren Rahmen bewegt.

Es kann natürlich sein, dass das nicht gleich klappt beziehungsweise nicht in dem erwarteten Ausmaß. Dann wird allerdings der Bereich, um den es ursächlich geht, immer mehr eingegrenzt. Und dann nähern wir uns automatisch diesen ergotherapeutischen Verfahren, die sich ja per se auf bestimmte Bereiche der menschlichen Handlungsfähigkeit beziehen. Ich denke da beispielsweise an die SI-Therapie, an Bobath oder an bestimmte kognitive Verfahren.

Das ist das, was der Leitfaden des PPSM bietet. Und wenn man seine Leistungen zusammenfasst, dann kann man sagen, dass er sich durch mehrere Aspekte auszeichnet:

  • Er wird direkt aus wissenschaftlich fundierter Theorie abgeleitet.
  • Er ist alltagsnah und somit weitestgehend kompatibel mit den anderen ergotherapeutischen Modellen und ihren Instrumenten.
  • Er schafft gleichzeitig eine Verbindung zu den klassischen ergotherapeutischen Behandlungsverfahren.
  • Er strukturiert das therapeutische Vorgehen für jeden ergotherapeutischen Einsatzbereich.
  • Er verbindet dabei Befunderhebung und Therapie direkt miteinander.
  • Er schafft einen roten Faden aber lässt viel Freiraum für die individuelle Intuition und Kreativität.

Und welche Kompetenzen erwirbt der Therapeut in der Fortbildung?

Natürlich geht es zum einen um die Vermittlung der Theorie. Das Schöne daran: Wir müssen nicht alles durchkauen. Alle Ergotherapeuten haben relativ viel schon über die einzelnen Strukturen gehört und gelesen. In der Fortbildung können wir uns also auf das Wesentlichste konzentrieren. Parallel dazu werden natürlich die praktischen Ableitungen vollzogen, so dass der praktische Bezug immer deutlich werden sollte.

Die einzelnen Stufen des Leitfadens werden erarbeitet. Wie bereits erwähnt, wird der Patient von Anfang an mit einbezogen – auch dafür gibt es bestimmte Techniken, die trainiert werden. Das Gleiche gilt für Verfahren, die dabei helfen, die Handlungen des Patienten genau zu beobachten und zu analysieren. Und schließlich kommen wir immer wieder auf den Einfluss des Therapeuten als Person zu sprechen und die Art und Weise unserer Kommunikation. Sie ist zum Teil wichtiges therapeutisches Instrument und wird entsprechend gezielt eingesetzt. Auch das spielt bei dieser Fortbildung eine bedeutsame Rolle und wird direkt aus der Theorie abgeleitet.

Das ist viel für drei Tage!

Ja. Aber ich denke nicht zu viel. Zumal wir uns keinen Stress machen brauchen. Die Teilnehmer können die Fortbildung online nachbearbeiten, wo sie ergänzende Informationen erhalten und eben auch das, was vielleicht nicht mehr in die drei Tage reingepasst hat – wenn dem so sein sollte.

Und wer profitiert am meisten von dieser Fortbildung?

Ich denke, sie kann sowohl für BerufsanfängerInnen bzw. SchülerInnen und StudentInnen als auch für Kollegen mit langer Berufserfahrung interessant sein. Denn zum einen profitiert jemand, der neu in die Arbeitswelt startet von der klaren Struktur des Leitfadens. Dieser kann Sicherheit geben und vermittelt einem klar und professionell, was man konkret in den einzelnen Stufen machen kann. Gleichzeitig ist dieser Leitfaden aber so offen, dass jemand mit viel Erfahrung diese Struktur schnell in seine Arbeit einbauen kann.

Prinzipiell sollte man aber schon Lust auf Theorie haben. Das ist die Basis des Kurses und aus ihr leitet sich alles ab.

Weblinks

Tim Eikermann aus Hamburg. Seit 1999 Ergotherapeut und seitdem auf der Suche nach allem, was diesen Beruf weiterbringt. Fand einiges in seinem Psychologiestudium und setzte dies nach und nach in einem neuen ergotherapeutischen Modell um.