Bequem für die PatientInnen, nicht so bequem für die TherapeutInnen und schon gar nicht bequem für die KostenträgerInnen. (Artikelbild von mendhak via Flickr: CC BY-SA 2.0)

Grundsätzliches zu Hausbesuchen in der Gesundheitsversorgung

Aber mal abgesehen von Bequemlichkeit birgt der Hausbesuch auf allen Ebenen positive Aspekte in sich, die ich hier hervorheben möchte. Es gibt ja auch Institutionen und Berufsgruppen (besonders in der Hauskrankenpflege, Geriatrie, …), die gerade in diesem häuslichen Umfeld arbeiten und vielleicht auch wieder darauf hingewiesen werden können, dass die Ergotherapie vor allem vor Ort wertvolles leisten kann. Zumindest im ländlichen Bereich wird bei den mobilen Diensten häufig nur die Grundversorgung angedacht, aber auf Therapie verzichtet. Dabei kann man sich gegenseitig unterstützen und auch Zeit sparen, denn die ist oft knapp. Eigentlich ist es eine ähnliche Zusammenarbeit wie im Krankenhaus, sie gehört nur genau organisiert.

Simulation vs. „echter“ Alltag

Wir sprechen immer von einer alltagsnahen Therapie und schaffen dafür Therapieküchen, Simulationsbäder, Hilfsmittel und Adaptierungen, die wir im klinischen oder Reha-Alltag ausprobieren bzw. anbieten obwohl die tatsächliche häusliche Situation noch gar nicht erfasst wurde. Wie viel Platz aber zwischen eben installiertem Krankenbett im Wohnzimmer und dem Esstisch ist, kann kaum abgeschätzt werden, und welche Teppiche am Boden oder Katzenfutterbehälter samt Katze den Weg von A nach B erschweren erkennt man erst vor Ort.

Es gibt durchaus Institutionen, die mobile Ergotherapie anbieten (zum Beispiel das Krankenhaus der Elisabethinen in Klagenfurt), und es gibt auch viele freiberufliche ErgotherapeutInnen, die zu den PatientInnen nach Hause kommen. Natürlich findet man dort vielleicht nicht so ideale Arbeitsbedingungen vor, ich möchte nochmal die Katze und das Katzenfutter von weiter oben erwähnen, das nicht jedem olfaktorisch oder taktil liegt. Dennoch ist es der Alltag unserer Patienten!

Grundausstattung für ergotherapeutische Hausbesuche

Was braucht es also, um im Hausbesuch tätig zu werden, ein großes Auto? Mobile Paraffinbäder? Eine transportable Liege oder Matte? Lieber doch die kleine Pertra-Satz-Variante?

Nein. Wir ErgotherapeutInnen sind geschult und flexibel genug, mit den vorliegenden Materialien zu arbeiten, behaupte ich nun ganz unverfroren, und wenn wir mal einen Ball, Sandsackerl, Nikitinmaterial oder ein Theraband mitnehmen, ist das kein großer Aufwand. Viele Dinge aus der Küche können verwendet werden, oftmals sind es Dekorationsmaterialien, die der Therapie dienen. Und hier besteht auch der große Vorteil, unsere PatientInnen greifen beim nächsten Mal vorbeigehen vielleicht nochmal hin und üben.

Das Fahren ist natürlich Thema. Ich kenne TherapeutInnen bei den Wiener Sozialdiensten, die sind mit dem Fahrrad unterwegs. Die Fahrzeit sollte nicht überhand nehmen.

Der Arzt muss den Hausbesuch verordnen, das ist klar. Viele Menschen nehmen einen beschwerlichen Weg auf sich, damit sie zur Therapie fahren können. Manche auch einen gefährlichen, zum Beispiel mit einer Hemianopsie im Straßenverkehr. Für viele PatientInnen ist die An- und Abreise aber auch einfach nur extra anstrengend und dann macht es oft keinen Sinn in der Therapie an Entspannung, Entlastung, Bewegungsruhe zu arbeiten, wenn es dann zum Auto und womöglich zur nächsten Treppe geht, die eine spastische Hand zum Beispiel schon mal wieder in die Höhe spannen lässt.

Vor- und Nachteile ergotherapeutischer Hausbesuche

Zusammenfassend würde ich folgende Vorteile nennen:

  • Alltagsnäher geht es nicht!
  • Materialien vor Ort bieten sich für tägliches Üben an
  • Angehörige und Pflegepersonal können mit eingebunden werden
  • Sicherheit der PatientInnen durch gewohntes Umfeld
  • Entspannter Start und Abschluss durch Wegfall der (An- und Ab-)Reise für PatientInnen
  • direkt angewendete Empfehlungen für den Alltag, auch bezüglich Adaptierungen
  • Sichtbefund Wohnsituation

Es gibt auch Nachteile, ein Hausbesuch ist nicht immer nur empfehlenswert. In die Praxis zu fahren hat für die PatientInnen den Vorteil:

  • mal raus zu kommen

  • Therapiegeräte zu nutzen

  • Kosten zu sparen

  • sich in Flexibilität und Fortbewegung zu üben

  • eventuell Ruhe und Abwechslung zum Alltag zu finden

Oft bewährt es sich auch, beides anzubieten und dann jeweils mit unterschiedlicher Herangehensweise, und vermutlich unterschiedlichen Schwerpunkten zu arbeiten. Ich empfehle aber auch da und dort Überzeugungsarbeit bei ÄrztInnen und KostenträgerInnen zu leisten, denn ein Hausbesuch kann sehr viel zu Verständnis, Alltagstraining, Motivation und dem Erreichen der Ziele beitragen, denn auch denen sind die PatientInnen zuhause oft näher.

Weiterführende Literatur

Therapiematerial


Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website

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