Die Spiegeltherapie ist eine 1996 von Vilayanur S. Ramachandran erfundene, zu den Imaginationstherapien zählende, Behandlungsform gegen Schmerzen und Phantomschmerzen bei der mithilfe von Spiegeln eine gesunde Gliedmaße von Patientinnen und Patienten gespiegelt wird und somit die amputierte Gliedmaße für ihn scheinbar wieder vorhanden ist. Dieses Phantomglied kann nun über das kontralaterale gesunde Glied gezielt bewegt und beeinflusst werden. Beispielsweise kann der Phantomkörperteil aus einer (imaginären) schmerzhaften Position in eine angenehmere Position bewegt werden und somit der Phantomschmerz gelindert werden. (Artikelbild via Wikimedia Commons)

Durch das Spiegeln entsteht die Illusion einer gesunden schmerzfreien Bewegung, dadurch werden exakt jene Hirnareale (präfrontaler motorischer Kortex) stimuliert, welche die Bewegung normalerweise anbahnen, das Remodeling—also die Anbahnung von neuen synaptischen Verbindungen im Gehirn durch Spiegelung von Bewegungen—wird angebahnt.

Erlernter Nichtgebrauch

Durch den Nichtgebrauch eines Körperteils, egal ob durch Schmerz, Ruhigstellung oder Lähmung, nimmt das Repräsentationsfeld im dazugehörigen motorischen Kortex ab. Benachbarte Areale beginnen das eigentliche Repräsentationsfeld zu überlappen. Die Remapping-Hypothese besagt, dass der gesunde Mittelfinger zum Beispiel die Funktion des verletzten Zeigefingers übernimmt, obwohl dieser schon ausreichend geheilt wäre. Der Einsatz der Hand während der Ruhigstellung mittels Gips kann diesem Umstand entgegenwirken:

„Bewegen sie alles was nicht vom Gips umschlossen ist!“

Es ist erwiesen, dass Krankenstände den erlernten Nichtgebrauch fördern. In Ländern ohne Entgeltfortzahlung im Krankenstand prägt sich der Nichtgebrauch kaum aus.

Variationen zur Aktivierung der Spiegelneuronen

  • Mentale Imagination: Beobachten von Bewegungen—Ausführen so gut wie möglich unter der Vorstellung es wie ein Gesunder zu machen
  • Videotherapie: Betrachten von Bewegungsvideos
  • Interne mentale Imagination: Bewegung mental beschreiben, Bewegung mental sprachlich markieren, wiederholen
  • Lateralisierungstraining: Betrachten von Fotokarte: Erkennen ob eine rechte oder eine linke Hand abgebildet ist

Therapieaufbau Arm oder Bein (10 Minuten)

  • Zu Beginn 2-3 Minuten Fokus auf das Spiegelbild
  • Danach mit Bewegungen der nicht betroffenen Extremität beginnen
  • Danach Bewegung bimanuell ausführen lassen, bei Parese unter therapeutischer Führung
  • Ausreichende Wiederholungen mehrmals täglich
  • Von statischen Positionen über kleine Bewegungen zu komplexen Handlungen
  • Variation der Geschwindigkeit und des Bewegungsausmaßes
  • Abschließen mit mentaler Imagination
  • Verwende regelmäßig andere Therapiemedien: Linsenbad, Bälle, Alltagsgegenstände, Tastmemory

Schmerztherapie mit dem Spiegel

Schmerz ist eine Wahrnehmung und kann keinem bestimmten Hirnareal zugeordnet werden. Die Schmerzspirale beginnt stets mit Angst, Angst ist ein Schmerzverstärker—Schmerz wird stets mit Vorerfahrungen und Erlernten abgeglichen und beurteilt, je länger der Akutschmerz andauert umso eher Entsteht ein chronischer Schmerz. Zur Schmerztherapie empfiehlt sich ein dreistufiges Vorgehen:

  1. Lateralisierungstraining
  2. Mentale Imagination
  3. (die eigentliche) Spiegeltherapie

Therapie des Phantomschmerzes

Zuerst wird abgeklärt um welche Phantomsensation es sich handelt (stechend, krampfartig, wie in Schraubstock, eisiges Gefühl, kribbeln…). Anschließend nimmt die gesunde Hand die jeweilige Position ein und führt das Gegenteil der Schmerzsensation durch, zum Beispiel:

  • Eisiges Gefühl—warmes Wasser
  • Kribbeln—Linsen, Pinseln, Igelball
  • Krampfartige Position—Entspannungsgriffe
  • Schraubstock—Gliedmaße fest bandagieren und danach lockern
  • Mentales Bewegungstraining mit der Phantomhand, die Bewegungen sollen keine oder nur minimale Schmerzen auslösen

Viel Spass beim Ausprobieren!

Weblinks

  • Ramachandran, V. S., Brang, D.: Phantom Touch. Scholarpedia, 4(10):8244. 2009 (en) – Website

Weiterführende Literatur zum Thema Spiegeltherapie



Andrea Moser ist Ergotherapeutin, mit langjähriger klinischer Erfahrung im Bereich Orthopädie. Sie ist sowohl in einer Klinik in Klagenfurt als auch freiberuflich als Ergotherapeutin tätig—Website

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