Einleitung

Luxationen der Finger sind eine häufige Verletzung. Sie werden als Bagatellverletzung abgetan, führen jedoch oft zu eingeschränkter Gelenksbeweglichkeit und schlechter Handfunktion. Die Behandlung von geschlossenen Luxationen der Langfinger – von Mobilisationstechniken über alltagsrelevante funktionelle Übungen bis bin zur passenden Schienen- und Quengelversorgung – soll in diesem Beitrag ausführlich vorgestellt werden.

Behandlungsschema bei geschlossenen Luxationen

Ruhigstellung

Die Ruhigstellungszeit hängt vom Ausmaß der verletzten Kapsel- und Bandstrukturen und der Gelenksstabilität nach der Reposition ab. Eine Ruhigstellung von ein bis drei Wochen erfolgt mittels einer Fingerschiene aus Thermoplast in maximal möglicher Streckstellung, je länger eine Ruhigstellung nötig ist, umso mehr leidet die Gelenksbeweglichkeit.

Herstellung einer passenden Fingerschiene

  1. Ein Quadrat dünnen Thermoplasts wird um das verletzte Gelenk gelegt.
  2. Das Mittelgelenk muss in Extension ruhig gestellt werden.
  3. Kann keine akzeptable Streckstellung aufgrund von Schmerzen erreicht werden ist es sinnvoll, am nächsten Tag eine neue Schiene anzufertigen.
  4. Das Endgelenk soll freigelassen werden um die freie Gelenksbeweglichkeit am DIP-Gelenk zu erhalten.

Frühe Mobilisation

Es besteht eine große Gefahr von Vernarbungen am  Kapsel-Bandapparat. Eine kurze Ruhigstellungsdauer beinhaltet eine geringere Gefahr von funktionellen Defiziten. Von Vorteil für die Therapie ist ein Austausch zwischen erstversorgendem Arzt und Therapeuten, um optimal über das Ausmaß der Bandverletzung informiert zu werden, zum Beispiel „Gib acht, dieses Gelenk ist sehr instabil gewesen.“ Als Kardinalsymptome gelten klassischerweise:

  • Bewegungseinschränkung
  • Schmerz
  • Ödem

Schutz mittels Achterschlaufe

Eine Achterschlaufe aus geeignetem Schienenmaterial soll bei Instabilität und danach noch für einige Wochen getragen werden, sie erfüllt folgende Aufgaben:

  • Schutz der Seitenbänder
  • Funktionsverbesserung durch Mitführen des verletzten Fingers
  • Erhalten des Repräsentationsfeldes des betroffenen Fingers im sensomotorischen Kortex

Bewegungseinschränkung

Das passive und aktive Bewegungsausmaß ist im Sinne von Beuge- und Streckdefiziten eingeschränkt, siehe hierzu auch die dazugehörigen Bilder in der abschließenden Bildergalerie.

Schmerz

Luxationsverletzungen sind schmerzhaft. Der Patient muss aber darüber aufgeklärt werden, dass es wichtig ist trotzdem zu üben. Der Patient bestimmt selbst, wie viel Schmerz beim Üben für ihn tolerierbar ist, seine individuelle Schmerzgrenze muss eingehalten werden. Es ist besser mehrmals täglich kurz zu üben, als durch langes schmerzhaftes Trainieren die Entzündungsreaktion wieder anzufachen.

Therapievorschlag für einen ganzheitlichen, alltagsorientierten Ansatz

Als angestrebtes Outcome können folgende Kriterien gelten:

  • schmerzarme beziehungsweise – lose, freie Fingerbeweglichkeit
  • Spontaneinsatz der betroffenen Hand im Alltag

Mobilisation des Bindegewebes

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Verschieben des umliegenden Bindegewebes quer und längs zur Faserstruktur und in kreisförmigen Bewegungen. Diverse Narbenhölzer sowie APM-Stäbchen können hier zum Einsatz kommen. Die Ziele der Bindegewebsmobilisation sind folgende:

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  • Durchblutungsförderung
  • Ödemreduktion
  • Verschieblichkeit der Gewebeschichten erlangen
  • Gleitfähigkeit der kontraktilen Strukturen fördern

Verbesserung der passiven Fingerbeweglichkeit

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Der Therapeut positioniert den Finger in maximal tolerierbarer Beugestellung. Bindegewebstechniken werden mehrmals wiederholt, im Idealfall kann der betroffene Finger danach wieder ein Stück mehr gebeugt werden.

Mobilisationstechniken der Manualtherapie

Bei zunehmender Stabilität des betroffenen Gelenks kann mit der Anwendung manualtherapeutischer Techniken begonnen werden, zum Beispiel:

  • Traktion
  • Transversales Gleiten
  • Unterstützung der Roll und Gleitbewegung des Gelenkes

Vor der Anwendung dieser Techniken sollte sich der Therapeut eine über rotatorische und translatorische Funktionsprüfung, sowie mittels der Kapselbeschaffenheit und den subjektiven Endgefühl von der Stabilität des Gelenks überzeugen.

Aktive Beweglichkeit der betroffenen Gelenke/Blocking-Übungen

Gute Aufklärung steigert grundsätzlich die Motivation. Der Patient führt die Bewegung im ganzen ihm möglichen Ausmaß mehrmals aus. Durch oftmaliges Wiederholen wird das Bindegewebe angeregt Vernarbungen zu lösen. Der Patient wird instruiert die Bewegung mit der nicht betroffenen Hand zu unterstützen, die Durchführung von Blocking-Übungen wird angeleitet, hierbei wird der proximale Gelenkspartner stabilisiert und das distal liegende Gelenk isoliert bewegt.

Erarbeitung eines Selbstübungsprogrammes

Ein guter Therapeut zeichnet sich dadurch aus, wie gut er den Patienten zur Mitarbeit motivieren kann. Die Selbstverantwortung des Patienten wird hervorgehoben und die Wichtigkeit der Heimübungen  unterstrichen. Diverse funktionelle Übungsgeräte werden vor und nach der Therapieeinheit selbstständig  benützt, so kann eine dreißigminütige ergotherapeutische Intervention nach Belieben verlängert werden.

Möglichkeiten sensomotorischer Stimulationstechniken

Unterstützende Übungen für den Alltagstransfer

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  • Übungsbretter mit Schrauben und Dübeln
  • Nadelkissen
  • Saugnäpfe
  • Verschlussbretter
  • Hanteln
  • Knetmasse
  • Widerstandsklammern
  • Wäscheklammern
  • Sensibilitätsblättchen
  • Schreibübungen

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Am Ende jeder Therapieeinheit steht ein Screening bezüglich der Alltagsbeeinträchtigung durch die Verletzung, die Heimübungen sollten entsprechend an diese Problematik angepasst werden. Zahlreiche Möglichkeiten für Übungen in der ergotherapeutischen Praxis und für zuhause findet ihr in der Bildergalerie am Schluss dieses Beitrages.

Besonderheiten in der Nachbehandlung von Luxationen

Streckdefizit des Mittelgelenks

Die Fingerstreckung wird im Alltag kaum geübt. Durch die Schonhaltung wird das Steckdefizit zusätzlich begünstigt. Nicht selten kommt es nach Luxationsverletzungen zu Streckdefiziten von mehr als 30 Grad.

Beugeeinschränkung des Endgelenks

Aufgrund der Anatomie des Streckapparates und der dazugehörigen Bänder kommt es zu einer massiven Verminderung der Endgelenksbeugung. Beim Faustschluss kann zwar das Mittelgelenk, obwohl es verletzt war, rasch wieder mehr gebeugt werden. Das Endgelenk kann beim Faustschluss nicht mit eingeschlagen werden.

Schwanenhalsdeformität

Aufgrund von Verletzungen der palmaren Platte wird das Mittelgelenk überstreckt und schnappt in dieser Stellung ein. Eine Schwanenhalsdeformität kann entstehen. Eine Schiene welche die Überstreckung verhindert die Mittelgelenksbeugung jedoch zulässt kann dies verhindern. Das Überstrecken des Mittelgelenkes muss für lange Zeit vermieden werden. Die palmare Platte soll ausreichend fest vernarbt sein und eine leichte Beugekontraktur des PIP-Gelenkes soll erreicht werden.

Knopflochdeformität

Nach zusätzlicher Verletzung des Tractus Intermedius der Strecksehne durch Luxation nach palmar kann sich eine Knopflochdeformität entwickeln. Eine Schiene für das Mittelgelenk in maximaler Streckstellung bis zur Sehnenheilung wird angepasst, das freigelassene Endgelenk muss beübt werden.

Schienenversorgung

Schienen zur Verbesserung der Fingerstreckung

Redressierende Fingerhülsen werden täglich an die neu erreichte Streckstellung angepasst. Durch die lang andauernde, gleichbleibende Dehnung kommt es im Regelfall zu einer Verlängerung verkürzter Strukturen, alternativ dazu – oder wenn diese Art der Schienenversorgung sich als nicht ausreichend erweist – kann eine sanfte Quengelung des betroffenen Gelenks mit einem Quengel aus Federstahl durchgeführt werden.

Schienen zur Verbesserung der Fingerbeugung

Bei dynamischen Beugeschienen sollt der Zug in die Beugung grundsätzlich moderat sein. Ein exakten Wissen über Anatomie, Gelenksachsen und Kräfteeinfluss auf die Gelenke ist Voraussetzung für den Schienenbau. Diese Schienen werden intermittierend getragen, die Tragedauer wird je nach Schmerzgrenze individuell bestimmt. Zusätzlich zur Anwendung dynamischer Schienenmodelle können noch diverse Faustschienen sowie Schlaufen aus Schienenmaterial zum Einsatz kommen. Bildmaterial zu allen genannten Schienenarten findet ihr ebenfalls in der Bildergalerie am Artikelende.

Andrea Moser ist Ergotherapeutin, mit langjähriger klinischer Erfahrung im Bereich Orthopädie. Sie ist sowohl in einer Klinik in Klagenfurt als auch freiberuflich als Ergotherapeutin tätig—Website

Bildergalerie