Zum 59. Mal veranstaltete der Deutsche Verband der Ergotherapeuten (DVE) den Ergotherapiekongress. Dieses Mal feierte der Verband mit der Ausrichtung des Kongresses in Erfurt auch seinen 60. Geburtstag. So erklärt sich vielleicht das diesjährige Motto „ergotherapie 6.0“.

ergotherapie 6.0 – was kann das bedeuten?

Diese Frage trieb mich zugegebenermaßen ein bisschen um. Im Vorfeld des Kongresses war zur Mottowahl nicht viel zu erfahren. Gut, 60. Geburtstag, das liegt nahe. Aber so ein Punkt-Null ist ja auch sehr mit der Digitalisierung verknüpft. Ich fragte mich also, was mich auf diesem Kongress wohl erwarten würde. Der Aufbruch der Ergotherapie ins digitale Zeitalter? Lauter Gadgets und cloudbasierte Software? Oder wie? Im Programmheft führte Arnd Longrée die Idee hinter dem Motto etwas genauer aus. Da heißt es:

„(…) befinden wir uns aktuell sozusagen in der Version 6.0 der betätigungs- und klientenzentrierten Ergotherapie internationaler Prägung.“

Das Motto, wenn ich es richtig verstehe, bezieht sich also eher auf den fachlichen Wissenstand der Ergotherapie. Denn, so der Vorsitzende des DVE weiter:

„Mit Fug und Recht kann man aber behaupten, dass an der Version 7.0 der Ergotherapie in Deutschland schon mit viel Energie gearbeitet wird.“

Der Begriff „Version Punkt-Null“ ist also als Ausdruck der stetigen Weiterentwicklung unseres Berufsstands zu verstehen. Ich persönlich stehe ja der Digitalisierung durchaus positiv gegenüber und verbinde mit ihr große Hoffnungen. Ohne sie hätte ich zum Beispiel nie Markus Kraxner kennengelernt. Ich habe dazu also ein bisschen was zu sagen, habe ich mir gedacht und mirnichtsdirnichts ein Paper zu einem dazu passenden Thema eingereicht: „Praxismarketing im Internet – online gut gefunden werden“ hieß dann auch mein bescheidener Beitrag zum Kongress. Was ich da genau gemacht habe, kann man drüben auf meinem Blog in Kürze nachlesen.

Das Programm – wie immer vielfältig

Drei Tage vollgepackt mit Wissen: Vorträge, Workshops, Poster, Messe – für jeden Geschmack war etwas dabei. Auch inhaltlich. Unmöglich, das Ganze zu kategorisieren. Wer uns ErgotherapeutInnen kennt, erwartet auch nichts anderes. Die Eröffnungsrede hielt Rainer Schmidt. Er ist mit einer Anomalie der oberen Extremität geboren worden und erzählte Mitreißendes zum Thema „Was Menschen stark macht“. Ich habe den Vortrag leider verpasst, konnte aber erfahren, dass es vor allem die Anekdoten aus seinem persönlichen Leben waren, die dazu beitrugen, dass diese Rede ein Highlight des Kongresses war. Bei den Vorträgen und Workshops war jeder Fachbereich vertreten, es ging sogar um Geschichtliches und Zukunftsweisendes: Prävention, Gemeinwesenorientierung, Environmental Design und Interdisziplinarität seien hier als Stichworte genannt.

Ausgezeichnet – Ergotherapie- und Posterpreis

Besonders die interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde gewürdigt. Das kam auch in der Verleihung des Posterpreises zum Ausdruck. In diesem Jahr wurden gleich drei Poster ausgezeichnet, die sich mit Interdisziplinarität auseinandersetzten. Der Jurypreis ging an die Darstellung von Michael Hubert, Anika Cordes und Otto Inhester über die Kennzeichen einer bedarfsgerechten und wirkungsvollen Hilfsmittelversorgung und stellte die Ergebnisse einer Onlinebefragung der Nationalen Forschungsarbeitsgemeinschaft (NaFAG) vor. Den Publikumspreis teilten sich zwei Poster, die die gleiche Stimmenzahl bekamen. Esther Scholz-Mikwitz, Maria Barthel und Dorothea Hart beschäftigten sich mit einem interdisziplinären primärpräventiven Ansatz für Betätigung und Stimme von ErzieherInnen in der Krippe; Jasmin Dürr und Birte Meier stellten die Netzwerke im Bereich Früher Hilfen und die Beteiligung der Ergotherapie dar. Auch der Ergotherapiepreis, der alle zwei Jahre verliehen wird, wurde geteilt. Eine der ausgezeichneten Arbeiten beschäftigte sich mit der Therapie von ADHS bei Erwachsenen und wurde von Lisa Guerecke eingereicht, die zweite ausgezeichnete Arbeit kam von Claudia Merklein de Freitas und beschäftigte sich mit der Frage, ob und wie die Forschungsergebnisse im Bereich der Ergotherapie in den Praxisalltag gelangen.

Interdisziplinäres Arbeiten – DER Weg in die Zukunft der Therapieberufe

Immer wieder wurde auf dem Kongress deutlich, dass Ergotherapie auch eine Schnittstellenfunktion hat. Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten arbeiten in vielen Settings mit anderen Berufsgruppen zusammen. Man ergänzt sich und bereichert einander, kann zusammen mehr erreichen als jeder für sich alleine. Das Motto ergotherapie 6.0 ist für mich deshalb auch Ausdruck davon: Moderne Ergotherapie ist da besonders gut und effektiv, wo sie mit anderen an einem Strang zieht, wo sie Klienten und Angehörige, Ärzte und Pflege, Therapeuten anderer Fachrichtungen und die Öffentlichkeit mit einbezieht. Ergotherapie ist immer dann besonders hilfreich, wenn sie im Alltag des Klienten anknüpft und damit bereit ist, sich als Mittler zu betätigen.

Persönliches Fazit

Da ich leider krank nach Erfurt gereist bin, konnte ich nicht so viele Vorträge besuchen, wie ich geplant hatte. Neben meinem eigenen Vortrag habe ich deshalb nur noch am Workshop der Musiktherapeutin Simone Willig teilgenommen, die auch schon beim handlungs:plan über ihre Arbeit berichtet hat und den Vortrag von Astrid Baumgarten und Andrea Hasselbusch über Geschichten als Instrument im ergotherapeutischen Coaching gehört, den ich in meinem Blog zusammengefasst habe. Auch diese beiden Veranstaltungen drücken aus, wie wertvoll der Blick über den Tellerrand ist und wie selbstverständlich ErgotherapeutInnen ihn wagen. Insofern habe ich Hoffnung, dass sich Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten auch an der Digitalisierung, die sich unter den Schlagworten „Digital Health“, „eHealth“ und „mHealth“ vollzieht, aktiv beteiligen. Denn das, was da auf die Gesellschaft zurollt, ist meiner Meinung nach nichts anderes als eine Revolution im Gesundheitssektor. Da wünsche ich mir, dass wir als Berufsstand öffentlicher und offensiver mitmischen. Zurzeit passiert das zu oft noch ohne unsere Beteiligung. Dabei profitieren zum Beispiel Apps und Online-Therapien ungemein, wenn der ergotherapeutische Blickwinkel beim Konzipieren berücksichtigt wird. Vielleicht sehen und hören wir beim nächsten Ergotherapiekongress mehr zu diesem wichtigen Thema und überlassen nicht alles den schicken Startups aus Berlin und dem Silicon Valley.

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