Das ist uns doch allen schon passiert: 15 Minuten nach Beginn einer Therapieeinheit sind wir heiser, vor allem wenn es sich ohnehin um eine kommunikativ aufwendigere Maßnahme handelt, als Beispiel sei hier eine kognitive Gruppe in geriatrischem oder gerontopsychiatrischem Setting genannt. Das Problem heisst in diesem Fall oft Presbyakusis und ist schlicht und einfach altersbedingt. Ich versuche mir in solchen Situationen meist mit der Bewusstmachung der Wahrnehmungsschwierigkeiten in den höheren Frequenzbereichen zu helfen und werde in der verbalen Äußerung nicht unbedingt lauter sondern tiefer, das funktioniert in der Regel meist schon ganz gut. Im therapeutischen Einzelsetting lässt sich künftig möglicherweise aber für Besitzerinnen und Besitzer geeigneter Smartphones (oder Musikabspielgeräte) mit einer App auch anders (und hoffentlich stimmbandschonender) Abhilfe schaffen. (Artikelbild von U.S. Army via Flickr)

BioAid – Was leistet die Applikation?

BioAid wurde an der Universität von Essex von Dr. Nick Clark, Prof. Ray Meddis, Dr. Wendy Lecluyse und Tim Jürgens entwickelt – die Übersichtsseite des Projekts bietet umfangreiche Informationen über den Entwicklungsprozess, erläutert grundsätzliche Überlegungen zum zukünftigen Aussehen der technischen Landschaft im Bereich der Hörhilfen und geht auf die (teilweise sehr technischen) Details bei der Entwicklung und Implementierung des verwendeten Algorithmus ein.

BioAid leistet im wesentlichen zwei Dinge:

  1. Die Lautstärke des Gehörten wird vereinheitlicht, das heisst dass laute Geräusche leiser und leise Geräusche lauter werden—in der Audiotechnik spricht man diesbezüglich von Kompression.
  2. Verstärkung von leisen Eingangssignalen gegenüber dem Hintergrundgeräuschpegel um diese hörbarer zu machen

Weitere Informationen zum Team sowie die Kontakt- und Feedbackmöglichkeiten lassen sich ebenfalls auf der Website von BioAid finden, falls audiophile Menschen im Kommentarbereich in verständlichen Worten etwas zum technischen Hintergrund beitragen können, freue ich mich.

Die Bedienung von BioAid

BioAid sollte im Idealfall mit Ohr- oder Kopfhörern verwendet werden, die den Gehörgang relativ dicht abschließen beziehungsweise die Ohrmuschel völlig bedecken, um Umgebungsgeräusche zu minimieren. Und hier sind wirklich Kopfhörer gemeint, keine Freisprecheinrichtungen, das liegt daran, dass die App auf das Mikrofon des iOS-Geräts zugreift—und dieses sollte dann nicht auf Kragenhöhe baumeln.

BioAid bietet in der Benutzeroberfläche verschiedene Voreinstellungen, die für verschiedene Formen des Hörverlusts optimiert wurden:

  1. Flat: Verstärkung aller Frequenzen, für Menschen mit „Flat Hearing Loss“, also verminderter Hörfähigkeit auf allen Frequenzen
  2. Gradual HF: Verstärkung der hohen Frequenzen, für Menschen mit gering ausgeprägter Hörstörung in den oberen Frequenzbereichen
  3. Sharp HF: Ähnlich wie die Einstellung Gradual HF, aber für Menschen mit stärker ausgeprägter Hörstörung in den oberen Frequenzbereichen
  4. 1 kHz: Für Menschen mit einer Hörstörung im Frequenzbereich von einem Kilohertz
  5. 2 kHz: Für Menschen mit einer Hörstörung im Frequenzbereich von zwei Kilohertz
  6. 1+2 kHz: Für Menschen mit einer Hörstörung im Frequenzbereich von einem bis zwei Kilohertz

Alle Voreinstellungen sind in jeweils vier Stärkeabstufungen verfügbar, um angepasst an den Grad des Hörverlusts kompensieren zu können. Für Klientinnen und Klienten mit Presbyakusis scheinen vordergründig die Einstellungen Gradual HF und Sharp HF am geeignetsten, da diese die hohen Frequenzen, die im Rahmen einer Altersschwerhörigkeit schlechter gehört werden, verstärken. Zusätzlich verfügt BioAid noch über ein sogenanntes Noise Gate, das in leisen Hörumgebungen eingesetzt werden kann, um Zischgeräusche zu minimieren.

Die Benutzeroberfläche der App, die Website und die Beschreibungen in der App sind komplett in Englisch gehalten, Grundkenntnisse in dieser Sprache sind also bei der Anwendung prinzipiell von Vorteil.

Abschließend bliebe noch zu sagen, dass die App natürlich keinen Arztbesuch ersetzen kann und will, aber beim Vorhandensein eines entsprechenden Geräteparks spricht nichts gegen das Ausprobieren—eigene Erfahrungen damit könnt ihr gerne im Kommentarbereich hinterlassen…

Hygienische Aspekte

In der „individuellen Privatanwendung“—das heisst ein Benutzer, ein Endgerät, ein Paar Kopfhörer—lassen sich meiner Einschätzung nach die üblichen Pflegetipps für Hörgeräte anwenden, natürlich unter Anpassung an das jeweilige Produkt, sein iOS-Gerät sollte man dann doch nicht unter fließendem Wasser abspülen.

Bei einer Verwendung von Kopfhörern an mehreren Klientinnen und Klienten kann mann/frau zum Beispiel auf Einmalschutzbezüge zurückgreifen oder die Stöpsel beziehungsweise Muscheln einer regelmäßigen Desinfektion (mit eventuell damit einhergehender verringerter Lebensdauer) unterziehen.

Technische Voraussetzungen

BioAid ist noch immer als Betaversion klassifiziert, es handelt sich also um Software in Entwicklung – das Projektteam hofft durch Nutzerfeedback den Leistungsfähigkeit und Bedienbarkeit in Zukunft weiter zu steigern – und ist kostenlos für Geräte ab iOS Version 6 im iTunes-Store erhältlich. Übrigens: BioAid ist auch auf einem iPod-Touch mit den entsprechenden Softwarevoraussetzungen lauffähig.

AUD-1: Die umfangreichere Variante von BioAid

Im August letzten Jahres wurde im iTunes-Store für iOS-Geräte die, auf dem Algorithmus von BioAid aufbauende und weiterentwickelte, Nachfolgeapp AUD-1 zum Preis von aktuell 2,69 € veröffentlicht, die noch umfangreichere Funktionen mitbringt, zum Beispiel:

  • verbesserte Verwendungsmöglichkeiten externer Ausiogeräte
  • Beibehaltung von räumlichen Informationen bei Stereo-Audioinput
  • Sehr kurze Latenz
  • Speicherbare Einstellungsmöglichkeiten
  • …und vieles mehr

Ein Blick kann sich also lohnen!

Weblinks

Anlassbezogenes Update bezüglich Fortschritten im Hörgerätemarkt

Heute (25.02.2014) hat GE auf der CES 2014 ein Hörgerät vorgestellt, das mit Bluetooth 4.0 ausgestattet ist und in Zusammenarbeit mit einer Applikation für iOS das Telefonieren und das Hören von Musik per Stream direkt über das Hörgerät ermöglicht—dieser Zugang dürfte einige Probleme, die Nutzerinnen und Nutzer von Hörgeräten sonst haben könnten, deutlich entschärfen. Zusätzlich wird eine ortsbasierte Speicherung von Einstellungen des Hörgeräts selbst ermöglicht, dass heisst dass das Gerät weiss, dass man sich im Büro aufhält und stellt sich automatisch entsprechend der getroffenen Voreinstellung auf diese Umgebung ein. Das Einführungsvideo zum Gerät könnt ihr nachfolgend ansehen.

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