Grundbegriffe zur Ataxie

Zur Ataxie ist mir wichtig, einleitend folgende Zusammenhänge als Kreisläufe zu zeigen:

Negativer Kreislauf

  • Ataktisches Muster führt zu
  • Tonuserhöhung in OE/Schulter/Nacken führt zu
  • Stress führt zu
  • Fixation und verspannten Muskeln führt zu
  • Arm wird nicht abgelegt und/oder keine Pausen und/oder zu kleine Hilfsmittel oder Objekte und/oder schlechte Atmung führt zu
  • zusätzlicher Tonuserhöhung und rasche Ermüdung des Muskels führt zu
  • Verstärkung der Ataxie führt zu
  • Verschlechterung der Qualität der Handlung (unkoordinierter, anstrengender, längere Dauer) führt zu
  • Stress und Erschöpfung

In letzter Konsequenz werden Handlungen eher vermieden.

Positiver Kreislauf

  • Ataxie tritt auf
  • Tonuserhöhung führt zu
  • Bewusstem Atmen und/oder psychische Entspannung und Entspannen der Muskeln und/oder langsames bewusstes Bewegen beim Ausatmen und/oder Arm am Tisch ablegen führt zu
  • Senkung der Ataxie führt zu
  • Pausen zwischen einzelnen Handlungsschritten führt zu
  • Mehr Energie und Ausdauer der Muskeln führt zu
  • Ataxie bleibt gleich oder wird gesenkt führt zu
  • Qualität der Handlung bleibt gleich oder wird verbessert

In letzter Konsequenz können Klientinnen und Klienten länger selbstständig handeln und haben das Gefühl von „Beeinflussbarkeit“ der Ataxie.

Tipps zur Alltagsgestaltung bei Multipler Sklerose

Zur Übersicht habe ich die Tipps in drei Kategorien aufgeteilt: Umwelt – Handlung – Person.

Umweltgestaltung

Hilfsmittel

Möchten Klientinnen und Klienten ihre Hand koordiniert einsetzen, spannen sie meist OEs, Schultern und Nacken an, um die Ataxie zu unterdrücken, um die erforderliche Kraft zu haben oder um ein Objekt festhalten zu können. Je nach Eigenschaft des gehaltenen Objektes kann es eine Tonuserhöhung fördern oder entlasten. Entlastend sind daher:

  • Hilfsmittel mit dickem Griff und ausreichender Größe. Sie können gut ergriffen, manipuliert und stabilisiert werden. Klientinnen und Klienten können das Hilfsmittel entspannter halten (zum Beispiel Stifte, Besteck, Knöpfe, etc…)
  • Hilfsmittel mit kürzerem Stiel (kurzer Hebel) sind leichter zu handhaben, als solche mit langem Stiel (zum Beispiel kurze Pinsel, Stifte, Griffe, Kochlöffel, Messer etc…)
  • Eine rutschfeste Unterlage hilft Gegenstände zu stabilisieren.
  • Adaptierungen und Hilfsmittel zur Stabilisierung des Objektes (zum Beispiel Saugnäpfe, Schraubhalterungen etc…)

Ausgangstellungen (ASTE) und Entfernungen zum Objekt

Wählen Klientinnen und Klienten eine ungünstige ASTE, zum Beispiel beim Essen, können Muskeln nicht energiesparend eingesetzt werden. Ermüdet der Muskel rasch, drückt sich die Ataxie stärker aus und das Essen wird umso schwieriger. Schlechte Platzierung bringt vor allem drei Nachteile mit sich:

  1. Platzierten sich Klientinnen und Klienten zu weit vom Tisch, muss der Arm einen längeren Weg vom Teller zum Mund zurücklegen, der Muskel muss mehr leisten und ermüdet schneller.
  2. Klientinnen und Klienten können das Gewicht des Armes nicht auf den Tisch übertragen, die Handlung findet in offener Kette statt (am Weg zum Mund kann keine Pause gemacht werden!)
  3. Klientinnen und Klienten können den Arm während des Kauens nicht am Tisch ablegen und ihm so Erholung gönnen.

Eine gut gewählte ASTE bringt unter anderem folgende Vorteile mit sich:

  • Bei passender Ausgangstellung können Klientinnen und Klienten den Arm auf kürzerem Weg und in geschlossener Kette bewegen.
  • Während des Kauens kann den Arm abgelegt werden und sich erholen. Wird der Arm abgelegt, hat der Muskel mehr Energie und Ausdauer und die Ataxie wird sich nicht so stark ausprägen. (Neben der wichtigen Tatsache, dass Klientinnen und Klienten mit MS oft ermüdbarer sind und sich ihre Energie gut einteilen müssen).

Eine Klientin mit ausgeprägter Ataxie und rascher Ermüdbarkeit konnte dadurch ihr Mittagessen wieder ganz selbstständig einnehmen. Man beachte also auch die Zusammenhänge mit der Autonomie des Klienten.

Unterstützungsfläche (USTE)

„Stabilität vor Mobilität…“

…sagte meine Lehrerin immer…Wichtig für die Ausführung der Handlung ist die gewählte USTE. Eine größere USTE hilft, die Handlung sicherer, stabiler und energiesparender auszuführen. Tremor kann reduziert werden, Treffsicherheit und Koordination gelingen unter Beachtung folgender Aspekte leichter:

  • Füße breitbasig platzieren, auf Bodenkontakt achten
  • Rumpf an Sessel oder Wand anlehnen oder einen Polster zwischen Rücken und Sessel anbieten
  • Ellbogen, Unterarm oder Hand an Sessellehne, Tisch oder Schoß ablegen
  • Kopf im Stehen am Küchenkästchen oder der Wand anlehnen

Man beachte aber auch den ganzkörperlichen Zusammenhang: Wenn untere Extremitäten und Rumpf gut stabilisiert sind, können Klientinnen und Klienten Arme und Hände koordinierter bewegen!

Anmerkung zur Beschaffenheit der USTE und des abgelegten Körperteils: Verwende ich die knöchernen Seiten meines Körpers statt der Weichteile und je härter die Unterstützungsfläche (USTE), desto besser kann das Gewicht abgegeben werden! Die Muskeln können sich noch besser entspannen.

Wähle also die harten Seiten des Körpers, um Gewicht abzugeben (Ulnarseite Unterarm, Ellbogen, Rücken, Beckenkamm, Knie, Vorderseite der Unterschenkel usw…)

Handlungsgestaltung

Pausen für längere Kraftausdauer

Werden in einer Handlung mehr Pausen eingelegt, kann sich der Muskel wieder erholen, die Kraftausdauer bleibt länger erhalten. Die Ataxie verschlimmert sich am Ende der Aktivität nicht so stark durch den Kraftverlust.

Pausenanker eintrainieren

Um Pausen einzutrainieren empfiehlt es sich, diese an fixen Stellen der Aktivität einzulegen, zum Beispiel: Jedes Mal wenn der Klient einen Bissen kaut, soll er währenddessen seine rechte Hand am Tisch ablegen und entspannen. Während der Pause soll der Klient darauf achten, dass er seine oberen Extremitäten gut ablegt, um die Muskeln entspannen zu können. Also den Ellbogen bis zur Hand ablegen lassen.

Langsame Bewegung

Ein langsameres Bewegungstempo kann Klientinnen und Klienten helfen, die Aktivität koordinierter und entspannter auszuführen. Die Muskeln können ihren Tonus besser anpassen, und bleiben lockerer. Achte auch auf entspanntes Bewegen.

Geschlossene Ketten vs. offene Ketten

Geschlossene Ketten helfen den meist hypotoneren Muskelgruppen. Lege ich meine Arme zum Beispiel am Tisch ab, wird das Gewicht an die Fläche abgegeben und die Muskeln müssen nicht das ganze Gewicht bewegen. Zusätzlich hilft die Tischfläche beim Führen und Bewegen eines Gegenstandes, die Bewegung wird stabiler und leichter durchgeführt. Ich kann zu jedem Zeitpunkt eine Pause einlegen.

Offene Ketten hingegen erfordern ein gewisses Maß an Stabilität in Rumpf und Schulter oder Ellbogen, um Arm oder Hand dynamisch zu bewegen. Die Muskeln müssen mehr Gewicht bewegen und koordinierter zusammenarbeiten. Pausen können hier weniger effizient eingelegt werden.

Man beginnt also damit, Aktivitäten in geschlossener Kette mit möglichst viel Unterstützungsfläche zu erlernen (eventuell auch bimanuell) und kann dann bei gesteigertem Geschick und erhöhter Ausdauer auf immer offenere Bewegungsketten umsteigen.

Personelle Ansätze

Entspannung,Stress und Atmung

Stress beeinflusst die Ataxie negativ. Achte daher auf ein entspanntes Therapiesetting. Möchte ich die Entspannung meiner Klientinnen und Klienten noch mehr unterstützen, passe ich auch meine Stimme und das Tempo meiner Bewegungen darauf an.

Ein regelmäßiges Entspannungstraining soll Klientinnen und Klienten helfen, ihre Ataxie im Alltag zu reduzieren und in stressigen Momenten auf das Entspannungsmuster zurückgreifen zu können. Dies kann in der Ergotherapie erlernt und zuhause weiter geübt werden. Effektiv hat sich bei mir die Konzentration auf den Atem bewährt (wenn die Klientinnen und Klienten kognitiv dazu in der Lage sind). Von vielen Klientinnen und Klienten kam die Rückmeldung, dass sie ihre Hand beim Ausatmen geschickter bewegen können.

Heimübungsprogramm trainieren

Repetitives Training hilft den Muskeln, sich wieder koordiniert zu bewegen und die Tonusverhältnisse wieder gut anzupassen. Die Mitgabe von Koordinationsübungen, Punktierübungen und Verbindungsübungen auf Papier für zu Hause kann hier helfen. Es kann auch foliertes DIN A3 Papier mitgegeben werden, mit dem Klientinnen und Klienten zuhause üben und es abwischen können, dies ermöglicht eine mehrmalige Verwendung.

Mentale Bewegungsbilder

Bei einer Klientin hat es sich bewährt mit mentalen Vorstellungsbildern zu arbeiten. Bewegungen wie „einen Bogen“ auszuführen haben dann viel runder stattgefunden.

Hallo, mein Name ist Marlene Zajicek und ich arbeite seit zwei Jahren in einem Tageszentrum für Klientinnen und Klienten mit Multiple Sklerose, davon wöchentlich mit 30 Klientinnen und Klienten bei mir in Therapie. Diese Tipps werden in der Beratung und beim Training der Alltagsgestaltung meiner Klienten eingesetzt und haben sich gut bewährt.