In den 90er Jahren hatten Ergotherapeuten den Ruf, „Basteltanten“ zu sein. Heute sind vor allem viele Kinderärzte der Meinung, sie spielten nur. Die Arbeit von Ergotherapeuten sieht natürlich ganz anders aus, doch das nehmen zu viele Menschen immer noch anders wahr. Das ist einerseits ein Imageproblem, aber andererseits hat das auch mit einer Berichts- und Organisationskultur zu tun, die in manchen Praxen nicht mit der aktuellen Entwicklung Schritt gehalten hat. (Artikelbild via Wikimedia Commons)

Problematisch wird es zum Beispiel, wenn die Ziele in den Berichten von Ergotherapeuten auf Funktionsebene formuliert sind, denn dann sind sie zu schwammig. Für die Ärzte sind schwammige Formulierungen oft nicht nachvollziehbar. Erfolge sollten messbar und belegbar sein. Bei Gesprächen mit den Ärzten wird daher immer wieder die Forderung nach sichtbaren und nachweisbaren Erfolgen gestellt.

Viele Ergotherapeuten sind der Meinung, dass die Einführung von Kennzahlen und konkret definierten Zielen die Grundlage sind, um den Ärzten zu beweisen, dass die Verordnung von Ergotherapie sichtbare und nachweisbare Erfolge bringt. Sie fordern daher ein Umdenken in der Ergotherapie.

Wie diese neuen Arbeitsweisen konkret aussehen, stellt Gabriele Voigt-Papke an einem Beispiel aus der Praxis dar.

Neue Arbeitsweisen in der Ergotherapie

Hinter den Verfahren ICF und SMART stecken bedeutende Arbeitsweisen, welche die Ziele und die Erfolge von ergotherapeutischen Behandlungen objektiver machen sollen. Diese Arbeitsweisen sollen im folgenden etwas detaillierter beschrieben werden. Dazu schauen wir uns das ergotherapeutische Vorgehen am Beispiel der Funktion Gleichgewicht näher an.

Wie kann man das Gleichgewicht messen und wie lassen sich Verbesserungen der Gleichgewichtsfähigkeiten infolge von ergotherapeutischen Behandlungen darstellen? Verbessert sich beispielsweise durchs Schaukeln das Gleichgewicht wirklich?

Fallbeispiel zur Verdeutlichung der neuen Arbeitsweisen in der Ergotherapie

Die 8-jährige Nele kommt mit der Diagnose Gleichgewichtsstörungen in die Ergotherapie-Praxis. Das Kind kann nur Fahrradfahren mit Stützrädern. Sie hat Angst, ausgelacht zu werden und an der demnächst anstehenden Fahrradprüfung nicht teilnehmen zu können.Wie gehen Ergotherapeuten nach alter und neuer Arbeitsweise in diesem Fall vor?

Alte Arbeitsweise

Es werden SI-Medien eingesetzt, wie zum Beispiel Schaukel und Hängematte, da der Basissinn Gleichgewicht offensichtlich nicht ausgereift ist

Neue Arbeitsweise

Mithilfe des Assessments (ein Assessment dient der Befunderhebung) COPM (Canadian Occupational Performance Measure), kann die Therapeutin erfragen, bei welchen Tätigkeiten das Kind kein Gleichgewicht halten kann. Danach formuliert die Therapeutin Betätigungsziele nach ICF (International Classification of Functioning) und nach den SMART-Regeln, wodurch die Behandlung für den Arzt nachvollziehbar wird und die Ergebnisse nachweisbar werden. Eine nach dem CO OP-Konzept (Cognitive Orientation to daily Occupational Performance) durchgeführte Therapie kann das Problem genau analysieren, indem der Handlungsablauf Fahrradfahren in seine Einzelteile zerlegt wird. So kann die Therapeutin herausbekommen bei welchen Teilschritten es nicht funktioniert und warum das so ist. Liegt das Problem wirklich darin, dass das Kind das Gleichgewicht nicht halten kann oder gibt es eine andere Ursache?

Was ist COPM?

Die Canadian Occupational Performance Measure ist ein für Ergotherapeuten entwickeltes Messinstrument, mit dem über einem bestimmten Zeitraum die Veränderung der Eigenwahrnehmung eines Patienten bezüglich seiner Betätigungsausführung festgestellt werden kann.

Das COPM ist als Ergebnismessinstrument konzipiert. Es wird benutzt, um

  • Problembereiche der Betätigungsausführung zu identifizieren.
  • die Prioritäten des Patienten bezüglich seiner Betätigungsausführung einzustufen.
  • Ausführung und Zufriedenheit des Patienten in Bezug auf diese Problembereiche zu bewerten.
  • zu messen, wie sich die Wahrnehmung des Patienten in Bezug auf seine Betätigungsausführung im Laufe der ergotherapeutischen Behandlung verändert.

Was ist ICF?

Bei der ICF geht es um eine (einheitliche) Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. In Kapitel D der ICF wird beispielsweise die Ebene der Aktivitäten und Teilhabe im Leben, also um einen Bereich, der für die Ergotherapie besonders wichtig ist. Für unser obiges Fallbeispiel wäre die ICF-Klassifikation d4750 relevant: ein von Menschenkraft betriebenes Fahrzeug fahren, wie Fahrrad, Dreirad etc.

Was sind SMART-Ziele auf Betätigungsebene?

SMART-Ziele beschreiben den Inhalt der Therapie oder bilden einen Maßstab für den Erfolg der Behandlung. Sie sind Arbeitshypothesen und können im Behandlungsprozess jederzeit entsprechend Befund und Behandlungsverlauf in Absprache mit dem Patienten umformuliert werden.

SMART-Zielvereinbarungen werden überall da durchgesetzt, wo es wichtig ist, jederzeit überprüfen zu können, wie, ob und wann Ziele erreicht werden.

SMART setzt sich zusammen aus:

  • Specific: eindeutig; d.h. auf den Patienten und die Betätigung abgestimmt
  • Measurable: überprüfbar; d.h. der Erfolg kann praktisch dargestellt werden
  • Achievable: erreichbar; d.h. das Ziel ist ist realistisch formuliert
  • Reliable: wesentlich; d.h. das Ziel ist für den Patienten und sein Leben wichtig
  • Timed: terminiert; d.h. es ist angegeben, bis wann das Ziel erreicht sein soll

Bezogen auf unser Fallbeispiel lautet daher die Zielvereinbarung auf Betätigungsebene

  • Nele kann bis zum Ende der Sommerferien sicher Fahrrad fahren.

Beim Fahrradfahren geht es nicht nur um das Gleichgewichthalten. Vielmehr ist Fahrradfahren eine sehr komplexe Handlung. Dazu gehört:

  • Gucken, wohin ich fahren möchte
  • Lenken
  • Treten
  • Das Gleichgewicht halten

Es ist wichtiger zu untersuchen, welcher der genannten Bereiche und Handlungsebenen zu Problemen führen und festzustellen, was genau das Kind nicht kann, als die Aussage zu treffen, es liegt ein Gleichgewichtsproblem vor.

Bei der Untersuchung stellen sich zum Beispiel Fragen, wie:

  • Ist es tatsächlich nur das mangelnde Gleichgewicht oder liegt es an der Koordination der einzelnen Handlungen?
  • Kann das Kind vielleicht nicht gleichzeitig das Fahrrad gerade halten und treten, weil es zum Beispiel einen bisher nicht festgestellten Sehfehler hat und dadurch unsicher ist?
  • Kann es nicht richtig aufsteigen?

Was ist das Co-oP-Konzept?

Das Co-oP-Konzept ist eine klientenzentrierte (auf den Patienten bezogen), ausführungsbasierte Problemlösungsmethode, die den Erwerb von Fertigkeiten mithilfe von Strategieanwendung und geleiteter Entdeckung ermöglicht: Ziel, Plan, Tu es, Check es. Auf das Fallbeispiel bezogen bedeutet das:

Ziel: Fahrradfahren lernen

Plan: Überlegen, wie es geht; welcher Schritt kommt zuerst

Tu es: Mit einem Bein über den Rahmen steigen, mit einem Fuß auf das Pedal, mit dem anderen Fuß vom Boden abstoßen, treten, lenken, auf den Sattel setzen, wieder treten, lenken …

Check es: Es funktioniert nicht, weil das Kind zum Beispiel nicht in der Lage ist, sich mit dem Fuß vom Boden abzustoßen

Fazit

Nutzen Ergotherapeuten die oben beschriebenen diagnostischen und therapeutischen Methoden, wie SMART und ICF, wird der Erfolg einer ergotherapeutischen Behandlung für die Ärzte sichtbar, nachvollziehbar und nachweisbar.

Gabriele Voigt-Papke ist seit 1998 Ergotherapeutin arbeitet seit 2003 in eigener Praxis in Lübbecke/Deutschland.