Wie sich Menschen fühlen, die gerade eine Psychose erleben, wird den allermeisten Menschen in der Regel Zeit ihres Lebens nicht wirklich nachvollziehbar erscheinen. Da einem dieser Zustand aber bei einer Vielzahl von Krankheitsbildern (unter anderem Demenz, Schädel-Hirn-Trauma, Intoxikationen, Bipolare Störung, Schizophrenie) begegnen kann, wäre es doch interessant zu wissen wie sich das anfühlt, oder? Natürlich betrifft dieser Themenkomplex nicht nur Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, aber da Psychosen, egal ob akut (zum Beispiel im Rahmen einer Intoxikation) oder chronisch (zum Beispiel beim Vorliegen einer Schizophrenie) gravierende Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit von Klientinnen und Klienten haben, ist das Wissen um das „Wie fühlt sich das eigentlich an?“ für unsere Berufsgruppe doch auch vor diesem Gesichtspunkt besonders interessant (Headerbild von Markus Kraxner).

Der „Paved with Fear“-Truck der Firma Janssen zum Nachfühlen

Man kann ja jetzt von Pharmafirmen halten was man will, allen die in den Bereichen Anästhesie, Schmerztherapie, Chirurgie, Innere Medizin oder Psychiatrie tätig sind, ist die Firma Janssen (die heute ein Teil des Konzerns Johnson & Johnson ist) in medikamentöser Form bereits begegnet, wahrscheinlich in Form der Präparate Fentanyl, Dipidolor, Imodium, Sporanox, Haldol oder Risperdal. Fünf der Präparate, die Janssen im Lauf der Zeit entwickelt hat, haben es auch auf die WHO-Liste der essentiellen Medikamente geschafft…

Seit einigen Jahren tourt immer wieder eine Multimediainstallation von Janssen mit dem Titel „Paved with Fear“ (PwF) durch größere Städte in Europa, deren Zweck das Ermöglichen oder Nachvollziehen einer schizophrenen (psychosebehafteten) Erlebniswelt ist. Im April 2014 hat PwF wieder in Klagenfurt Station gemacht und diesmal hatte ich auch Zeit mir die Installation selbst anzusehen, nachdem ich beim letzten Mal zu knapp gekommen war.

Die Installation versucht durch zweimaliges Vorführen von Varianten eines Kurzfilms die Unterschiede zwischen „normaler“ und „psychotischer“ Wahrnehmung zu verdeutlichen, die Grundkonzeption erfolgte laut Janssen zusammen mit betroffenen Klientinnen und Klienten. Bei der „psychotischen“ Variante kommen zusätzlich Rüttelplatten, Luftdüsen und der eigene Name zum Einsatz, um bestimmte Aspekte einer Psychose (Stimmen hören, Menschen reden über mich, …) besonders hervorzuheben. Insgesamt ist die Installation meiner Einschätzung nach gut gelungen, auch wenn lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen sind und die technische Umsetzung aus heutiger Sicht bereits etwas altbacken wirkt.

Das nachfolgende Video (ebenfalls von Janssen erstellt) versucht Ähnliches und enthält alle grundsätzlichen Elemente, die auch in PwF zum Einsatz kommen, wer also in der nächsten Zeit keine Gelegenheit haben wird die Installation selbst zu besuchen, kann sich nachfolgend einen Einblick verschaffen:

Ich hätte euch ja wirklich gerne ein „Hands-On-Video“ zur Verfügung gestellt, aber Filmen ist in PwF ausdrücklich verboten…

Labyrinth Psychotica—ein technisch modernerer Ansatz zur Simulation einer Psychose

In meinen Augen modernere (und technisch zeitgemäßere) Wege geht aktuell das Projekt „Labyrinth Psychotica“ der kanadisch-niederländischen Künstlerin Jennifer Kanary Nikolov (die übrigens auch zu PwF einiges zu sagen hat). Neben zahlreichen anderen Interessen und Projekten, die sich in ihrem CV nachlesen lassen, gilt ihr Interesse den Simulationsmöglichkeiten von psychotischen Zuständen—geweckt wurde dieses Interesse nicht zuletzt durch den Suizid ihrer, an Schizophrenie erkrankten, Schwägerin im Jahr 2005.

Jennifer hat, vor dem Hintergrund ihrer Ausbildung, zwei Augmented Reality-basierte Systeme namens THE WEARABLE und THE LABYRINTH entwickelt und umgesetzt, die als „Imaginationsprothesen“ fungieren sollen, mehr Hintergrundinformationen lassen sich in der Projektbeschreibung von Labyrinth Psychotica finden. Ausführliche Video zur Illustration des Projekts lassen sich auf der zugehörigen Website finden, mit detaillierten Ausführungen zur THE WEARABLE und THE LABYRINTH, die Projekte können bei der Künstlerin gebucht werden, der zugehörige Kalender findet sich bei google Agenda. Das nachfolgende Video gibt euch Einblicke in das Erleben von Projektteilnehmerinnen und -teilnehmern und weckt hoffentlich eure Neugier auf diese Erfahrung der „anderen“ Art.

tl;dr

Wahrnehmungsveränderungen können unter anderem im Rahmen von psychischen Erkrankungen auftreten, in der Regel ist man auf die Erzählungen von Klientinnen und Klienten angewiesen um diesen Zustand nachzuvollziehen. Technische Hilfsmittel können einen Beitrag leisten um diesen „Zustand“ für Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten erlebbar zu machen, zum Beispiel bei den Projekten „Paved with Fear“ oder dem „Labyrinth Psychotica“. Wenn sich in eurer Nähe die Möglichkeit bietet und ihr Interesse habt—ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

Weblinks