Der deutsche Verein GUMPO e.V. hat sich zur Aufgabe gemacht, Kinder mit Behinderung oder anderen schweren Erkrankungen in Weißrussland zu helfen. Die Vereinsmitglieder aus der Lausitz, einer Region in Ostdeutschland schicken schon seit Jahren keine Weihnachtspäckchen mehr, vielmehr wollten sie konkreter vor Ort helfen.

Seit 2009 sind zwei Ergotherapeutinnen in einem Kinderheim für schwerst mehrfachbehinderte Kinder über die Deutschen angestellt. Die Situation war zu jener Zeit als dramatisch zu beschreiben. Die Kinder verbrachten fast 24 Stunden liegend im Bett. Hospitalismus und Hautulzerationen sind nur einige offensichtliche Folgen.

Eine der damaligen Therapeuten war—und ist bis heute—Alexandra Ermakova. Im Rahmen einer Workshop-Programms, bei dem deutsche Therapeutinnen und Therapeuten eine Woche gemeinsam mit den weißrussischen Kolleginnen arbeiten, entstand Ende 2013 folgendes Gespräch zwischen Michael Schiewack und Alexandra Ermakova, Ergotherapeutin und Sonderpädagogin in Weißrussland. (Artikelbild von Bolshakov via Flickr)

Mitglieder des Vereins GUMPO in Weissrussland

Michael: Wie wird man eigentlich Ergotherapeutin in Weißrussland?

Alexandra: Die ersten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten wurden 2004 in Weißrussland ausgebildet. Für die ersten Teilnehmer dieses Kurses war das eine Weiterbildung, da es den Beruf bis dahin noch nicht gab. Alle Teilnehmer waren Sonderpädagogen oder Heilgymnasten. In diesem Ausbildungsgang wurden 25 Therapeuten und Therapeutinnen ausgebildet mit internationalen Zertifikaten.

Michael: Wie viele Ergotherapeuten gibt es derzeit in Weißrussland?

Alexandra: …(überlegt)…Jedes Jahr werden vier bis sechs Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten ausgebildet.

Michael: Und alle Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten haben vorher eine andere Berufsausbildung absolviert?

Alexandra: Nein, Jetzt ist die Ausbildung ein regulärer Studiengang an der Universität.

Michael: Wo sind die typischen Arbeitsfelder der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten bei euch im Land?

Alexandra: Wir arbeiten in Krankenhäusern, staatlichen Zentren (Anmerkung des Verfassers: staatl. Zentren sind den Frühfördereinrichtungen in Deutschland ähnlich). Allerdings ist unsere Berufsbezeichnung „Ergotherapeut“ nur in den Krankenhäusern. In den Zentren sind wir als Sonderpädagogen angestellt.

Michael: Wie bekommen Kinder in Weißrussland Ergotherapie? Bekommen Sie ein Rezept ausgestellt?

Alexandra: In unserem staatlichen Zentrum für Kinder haben wir eine Konsultationszeit, in der Kinder zwischen null und drei Jahren mit ihren Eltern zu uns kommen.Wir haben dann ein Team (Anmerkung des Verfassers: Das Team besteht aus Logopädinnen und Logopäden, Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen und Ärztinnen und Ärzten), die eine Diagnostik durchführen. Ich als Ergotherapeutin kann dann entscheiden ob das Kind von mir behandelt wird beziehungsweise ob eine ergotherapeutische Behandlung notwendig ist.

Michael: Das heißt, der Arzt ordnet dies nicht an?

Alexandra: Ja, so ist es. Wir entscheiden selbstständig.

Michael: Wie wird das finanziert?

Alexandra: Das sind Leistungen, für die der Staat bei uns aufkommt.

Michael: Beschreibe doch mal bitte deine Arbeit hier im Heim für schwerst mehrfachbehinderte Kinder in Novinki/Minsk.

Alexandra:Ich mache viele Dinge mit den Kindern hier. Auch sonderpädagogische Angebote, da die Kinder hier im Heim keine Angebote am Tag erhalten. Oft sind die Kinder hier nicht nur körperlich behindert sondern auch blind oder taub, viele haben zusätzlich Epilepsie oder Hydrozephalie.

Michael: Ihr seid zwei Ergotherapeutinnen und zuständig für ca. 80 Kinder. Gibt es noch andere Therapeutinnen und Therapeuten im Heim?

Alexandra: Nein es gibt keine weiteren Therapeutinnen und Therapeuten. Wir haben Pädagoginnen und Pädagogen, die die Kinder unterrichten sollen. Es gibt eine Schulpflicht für alle Kinder, auch die mit schweren Behinderungen. Dies ist der offizielle Bildungsauftrag. Im Alltag sieht das anders aus…(Sie schweigt)

Michael: Wie kam es dazu dass ihr für einen deutschen Verein hier im Heim tätig seid?

Alexandra: Mich hatte jemand angesprochen und der Kontakt kam über Bekannte zustande. Seit 2007 arbeite ich nun für Gumpo e.V. hier im Heim. Ich habe eine Halbtagsstelle, so dass ich ca. 20 Stunden die Woche hier arbeite. Meine ergotherapeutische Kollegin ist ebenfalls von Gumpo angestellt.

Michael: Heißt dass, dass sonst kein Therapeut hier vor Ort wäre?

Alexandra: Ja, es wären keine Therapeuten hier. Denn diese Kinder und deren Behinderungen sind nicht kurabel (Anmerkung des Verfassers: nicht zu heilen), somit gibt es keinen staatlichen Schwerpunkt Therapeutinnen und Therapeuten hier arbeiten zu lassen.

Michael: Was würdest du hier gern noch verändern im Heim Novinki?

Alexandra: Ich erkenne, dass die Veränderungen nur sehr langsam sich einstellen. Als Studentin vor einigen Jahren war ich hier und empfand das alles als ganz schrecklich. Es haben sich aber schon kleine Dinge verändert. Jeder Veränderung gleicht einer Revolution im Umgang mit Menschen mit Behinderungen.

Michael: Ihr habt in Weißrussland eine Diskussion über die Inklusion! Was denkst du darüber?

Alexandra: Die Idee ist sehr gut. Aber unser Niveau im Umgang mit Behinderungen ist noch sehr niedrig. Eltern und Fachleute tun sich noch sehr schwer damit. Es muss noch sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Zeitungen und Fernsehen müssen mehr berichten.

Michael: Wie ist den das Bild von Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit in Weißrussland?

Alexandra: Man sieht diese Menschen nicht auf der Straße. Sie sitzen zu Hause mit Ihren Rollatoren und Rollstühlen. Eltern mit behinderten Kindern gehen eher am Abend spazieren um nicht gesehen zu werden.

Michael: Warum ist das so?

Alexandra: Es gibt viele Vorurteile gegenüber Eltern von Kindern mit Behinderung. Man sagt ihnen seit den Zeiten der Sowjetunion nach, dass nur Alkoholiker und Drogenabhängige behinderte Kinder bekommen. Nur asoziale Elemente bekommen solche Kinder. Deshalb geben viele Eltern ihre Kinder nach der Geburt in Heime.

Michael: Gibt es da Veränderungen?

Alexandra: Seit 2004 wurde die Bildungspflicht für alle Kinder gesetzlich verankert und zum ersten Mal festgelegt dass alle Kinder gleich sind. Es gibt Inklusionsklassen und kleine Wohnformen für Kinder mit Behinderungen, welche nicht mehr zu Hause leben. Mittlerweile bleiben mehr Kinder zu Hause, weil die Eltern vom Staat mehr Hilfe, wie Therapie oder Hilfsmittel erhalten. Schon nach der Geburt, wenn absehbar ist, dass das Kind eine Behinderung aufweist kommen mittlerweile Psychologinnen und Psychologen zu den Eltern und beraten diese ihr Kind bei sich zu behalten.

Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana gearbeitet und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website