Das Wort Inklusion steht derzeit wie kein anderes für die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Gleichzeitig wird kein anderes Wort derzeit so oft missverstanden, fehlgedeutet oder in der eigenen Argumentation missbraucht. (Artikelbild von Ted Eytan via Flickr: CC BY-SA 2.0)

Die Ergotherapie als Berufsgruppe, die sich auf den ICF-Ebenen der Aktivitäten und Partizipation hauptsächlich, sowie der Körperebene zusätzlich, sehr sicher bewegt bietet die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Inklusion ein großes berufliches Handlungsfeld.

Eine kleine Historie der Inklusion

Deutschland hat 2007 als eines der ersten Länder die UN-Behindertenrechtskonvention (UN–BRK) unterzeichnet und diese Anfang 2009 ratifiziert. Bis heute gibt es eine gesellschaftliche Diskussion, wie die darin geforderten Rechte für Menschen mit Behinderungen umgesetzt werden können. Als umgangssprachliches Wort dafür hat sich das Wort Inklusion etabliert.

Die UN–BRK formuliert in 50 Artikeln die verschiedenen Bereiche, in denen inklusives Handeln erforderlich wird und wie dieses evaluiert werden kann. Der Artikel 24 beschäftigt sich mit der Umsetzung von inklusiver Bildung. Diesem Thema kommt eine große Bedeutung zu, da in Deutschland durch ein Förderales Bildungssystem verschiedene Ansätze der Umsetzung diskutiert werden. Das heißt jedes Bundesland kann seine eigene Bildungslandschaft gestalten oder auch nicht. Meist in Abhängigkeit der regierenden politischen Parteien.

Allerdings gibt es eine deutschlandweite Gemeinsamkeit, nämlich die Sonderbeschulung in speziellen Schulen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen. Artikel 24/2a der UN-BRK verbietet einen derartigen Ausschluss, so garantiert er ein gemeinsames und inklusives Lernen.

Diese Konvention steht im historischen Kontext der Bemühungen, die Menschenrechte weltweit von Seiten der Vereinten Nationen und ihren Mitgliedsstaaten zu deklarieren und ratifizieren. Die UN–Menschenrechtskonvention weißt eine unzureichende Anti-Diskriminierungsklausel auf, die es in den Folgejahren nötig machte, noch weitere Konventionen auf den Weg zu bringen (vgl. Flieger, 2011). Es entstanden unter anderem die Konvention über die Rechte der Frauen und die Kinderrechtskonvention. Allerdings schließt, bis auf die zu letzt genannte Konvention, keine die Gruppe der Menschen mit Behinderungen ausdrücklich ein.

Die explizit formulierten Rechte von Menschen mit Behinderungen waren vor allem von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Behindertenorganisationen gefordert. Im Jahr 2001 machte eine Gruppe von Staaten rund um das Schwellenland Mexiko einen Anlauf, eine eigene Konvention für diese Gruppe von Menschen zu verhandeln (vgl. Flieger, 2011). Bevor die Konvention in Kraft treten konnte waren neun Verhandlungsrunden notwendig. Auffällig war vor allem die Beteiligung von nationalen NGOs und nationalen Menschenrechtsorganisationen, was vor allem die Wichtigkeit des Themas deutlich macht. Gleichzeitig wurde in der Konvention selbst verankert, dass nationale Mechanismen geschaffen werden müssen, die die Umsetzung überwachen. Dieses nehmen mit zehn Artikeln in der Konvention, zu der Gesamtzahl der 50 Artikel, eine besonders große Stellung ein (vgl. UN–Behindertenrechtskonvention). Die Umsetzung der UN–BRK in Deutschland wird vor allem auf dem Gebiet der Bildung diskutiert, obwohl alle Lebensbereiche der Gesellschaft abgebildet werden.

Inklusion ≠ Integration: Wo liegen die Unterschiede?

Die Begriffe von Inklusion und Integration sind bei der Diskussion um die Umsetzung der UN–Behindertenrechtskonvention grundlegend voneinander zu trennen, andernfalls forciert dies eine Unsicherheit in der Diskussion um dieses Thema.

Inklusion wird aus dem lateinischen wörtlich mit Einschluss oder Zugehörigkeit übersetzt. Dieser Einschluss soll gesellschaftlich ohne vorherige Trennung nach Fähigkeiten oder anderen Merkmalen geschehen.

„Schule und Gesellschaft sollen von Beginn weg Minderheiten in ihren Überlegungen, Angeboten und Programme einschließen und einbeziehen…“ (Strasser 2006, S. 7)

Somit wird bei der Inklusion, nicht wie bei der Integration der Mensch mit Behinderung primär als einzelnes zu betreuendes Objekt wahrgenommen, sondern die Umwelt und deren Faktoren als zuerst beeinflussendes Medium.

Die Integration hingegen beschreibt die Bemühungen, den behinderten Menschen wieder in die Gesellschaft oder die Schule hineinzubringen, so dass wieder ein Ganzes entsteht. Dazu bedarf es aber vorher den Schritt der Separation. Menschen werden nach ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten getrennt und verschiedenen Leistungsgruppen (Arbeitsmarkt 1 oder 2 sowie die Förderschulen mit ihren Schwerpunkten) zugeordnet. Danach wird versucht die Menschen in eine anderer Gruppe einzugliedern. Dabei wird überlegt, welche integrativen Maßnahmen wie Hilfsmittel oder Integrationsstunden nötig sind, um die Eingliederung zum Erfolg zu führen. Dabei verbleibt allerdings ein nicht unerheblicher Teil von Menschen mit Förderbedarf an ihren Fördereinrichtungen. Integration kann als zeitlich beschränkter Weg betrachtet werden, der überwunden werden muss, damit Inklusion erfolgen kann. Aber:

„Integration ist wichtig, so lange Aussonderung von Menschen mit Behinderungen eher der Normalfall ist.“ (Heinze 2011, S.13)

Der inklusive Auftrag an die Ergotherapie

Die Ergotherapie hat sich auf die Fahnen geschrieben Menschen mit Behinderungen und/oder Erkrankungen so zu begleiten und therapeutisch zu intervenieren, dass gemessen an den klientenbezogenen Bedürfnissen ein selbstbestimmter Alltag möglich wird. Und dieser Alltag sollte in keinem künstlich kreierten Setting stattfinden sondern mitten in der Gesellschaft.

Schon daraus ergibt sich, dass die UN-Behindertenrechtskonvention auch als spezifisch ergotherapeutischer Auftrag angesehen werden kann.

Dies stellt unter anderem für alle pädiatrisch arbeitenden Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten eine Herausforderung dar. Zum einen, da die derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen keine echte inklusive Arbeit zulassen und zum anderen da es Modellprojekte und vorher noch Ideen benötigt die inklusives Leben und Arbeiten überhaupt möglich machen. Diese gibt es schon vereinzelt, sie sind aber in der Regel noch zu wenig bekannt.

Weblink

Vor einem Jahr habe ich mich mit den Implikationen inklusiver Ergotherapie detaillierter auseinandergesetzt und neben mehr Hintergrundinformationen auch ein inklusives Projekt mit der Grundschule „Am Forst“ in Kamenz umgesetzt, das ihr nachfolgend kostenlos herunterladen könnt.

Literaturverzeichnis

Bücher

Fachzeitschriften und sonstige Printmedien

Internet

  • Sozialverband Deutschland, Dorothee Winden, http://www.sovd.de/1565.0.html, Zugriff 12.12.2013
  • Bertelsmann Stiftung, http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-285E48EFD1886732/bst/xcms_bst_dms_32807_32808_2.pdf, Zugriff 10.11.2013 (Link mittlerweile funktionslos, das PDF lässt sich unter http://bit.ly/1Byb7SO abrufen)


Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana gearbeitet und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website

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