Einleitung

Was ist das eigentlich…die Ergotherapie? Was machen diese mysteriösen Gestalten, die ihren Arbeitsalltag oft in Kellergeschossen von Klinikgebäuden oder in geräumigen Praxen verbringen? Eine Frage, deren Beantwortung sich auf zwei Ebenen lohnt: zum einen auf jener der offiziellen Definition, zum anderen aber auch auf der persönlichen Ebene, da jede Ergotherapeutin und jeder Ergotherapeut auch ihren eigenen Zugang mitbringen. Lassen wir also zuerst die Mitglieder des handlungs:plan-Autorenteams zu Wort kommen…

Individuelle Meinungen

Andrea: Eine Ergotherapeutin steht mitten im Leben, im doppelten Sinn. Denn genau darum geht es in der Ergotherapie: Um das Zurechtkommen mit alltäglichen Anforderungen. Dies fällt mir als berufstätige Mutter schon manchmal ziemlich schwer. Wie steht es dann um eine berufstätige Mutter, welche nach einer Handverletzung diese nur mehr eingeschränkt benützen kann? Welche immer Schmerzen hat und nach Monaten immer noch kein Gefühl am Daumen hat? Ich arbeite seit Jahren in der Handtherapie, ich behandle Patientinnen und Patienten nach traumatischen Verletzungen (Amputationen, Sehnen-, Nervenverletzungen…).

Einerseits wird in der Akutphase natürlich die freie aktive und passive Gelenksbeweglichkeit erarbeitet. Hand in Hand wird jedoch die Umsetzung in den Alltag angebahnt. Nicht nur der Faustschluss wird trainiert sondern eben das Halten von Besteck, das Schreiben und Manipulieren. Behandelt wird bestenfalls so lange, bis Patientinnen und Patienten im Alltag wieder zurechtkommen. Sie lassen keine Gegenstände mehr fallen, sie benützen die verletzte Hand, …also stehe ich mitten im Leben, denn wer das nicht tut, therapiert am Alltag vorbei.

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Bettina H: Wenn der Alltag schwer wird, durch körperliche, geistige oder psychosoziale Einschränkungen, kommen häufig wir Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten zum Einsatz. Mit sehr handlungsorientierten Aufgaben können Basisfähigkeiten und Funktionen trainiert werden, die zu mehr Selbständigkeit führen. Dies geschieht durch Umfeldgestaltung, sensomotorische Förderung, Hirnleistungstraining, handwerklich-kreative Aufgaben, Beratung, soziales Kompetenztraining und vieles mehr.

Ich persönlich spiele ganz viel in der Therapie, einige meinen ich spiele ja NUR. Dies ist aber gerade der Bereich, wo Kinder aktiv sind, wo Kinder lernen und mit Motivation dabei sind. Und darum geht es auch in der Ergotherapie, unsere Patientinnen und Patienten dort abzuholen wo sie gerade stehen, um eine optimale Förderung zu beginnen, natürlich mit einem umfassenden Wissen um Entwicklungszusammenhänge.

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Bettina T.: Mein Bestreben als Ergotherapeutin ist es, mit meinen Klientinnen & Klienten die größtmögliche Selbständigkeit im Alltag wieder zu erlangen. Das bedeutet selbständiges, eigenverantwortliches Handeln in den physischen, psychischen und neurophysiologischen (kognitiven) Bereichen des Lebens zu ermöglichen, und den Menschen mit ausgewählten Therapiemethoden und Maßnahmen und eventuell notwendigen Hilfsmitteln therapeutisch zu unterstützen. Denn alles was man selbständig „Tun und Machen“ kann, führt zu Eigenständigkeit und einem selbstbestimmteren Leben.

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Fotografie von Markus KraxnerMarkus: Kurz und verständlich ausgedrückt kommen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten zu dem Zeitpunkt ins Spiel (d.h. in Kontakt mit Klientinnen und Klienten), an dem jene nicht mehr so handeln können, wie sie eigentlich möchten oder an dem sie Gefahr laufen, die Fähigkeit zum selbstbestimmten handeln zu verlieren. Wir erarbeiten in Zusammenarbeit mit Klientinnen und Klienten – unter Einsatz einer Vielzahl von Mitteln und Therapiekonzepten – Möglichkeiten und Strategien um ein selbstbestimmtes Handeln (wieder) zu ermöglichen. Und…wir sind auch präventiv – d.h. vorbeugend – tätig, z.B. in den Bereichn der Sturzprävention, der Rückenschule und der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung.

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Max: Ziel der Ergotherapie ist es, Menschen mit Beeinträchtigung (wieder) eine selbstbestimmte Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen. Dies beinhaltet natürlich, dass der Mensch in der Lage ist, seinen Alltag so gut wie möglich selbstständig zu bewältigen. Hier können wir durch verschiedenste Konzepte, Hilfsmittel und interdisziplinäre Zusammenarbeit individuell ansetzen, um eine Verbesserung, Wiederherstellung oder Kompensation eingeschränkter Fähigkeiten zu erreichen. Je nach Krankheitsbild und Einschätzung von therapeutischer Seite ist es uns möglich, den Menschen wieder an seine Umwelt, oder Teile der Umwelt an den Patienten anzupassen. Ich denke es geht für den Menschen nicht darum zu existieren, sondern zu leben.

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Fotografie von Michael SchiewackMichael: Ergotherapie ist mit den Jahren kein Mysterium mehr, obwohl die Verortung in eine eigene Wissenschaft derzeit von kontroversen Themen lebt. Für mich ist natürlich das eigene Leben, Wertvorstellungen, die Würde jedes Einzelnen und das Bedürfnis nach Betätigung der Personen der Ausgangspunkt für jegliche ergotherapeutische Intervention. Der Umgang damit und die gemeinsam erarbeiteten Ziele sind der Motor für ein mögliches Gelingen. Die Kunst der Kolleginnen und Kollegen ist die Anerkennung der unterschiedlichen Alltagsbedingungen unserer Klienten. Ein komatöser Klient befindet sich in einem Alltag, in dem das sich drehen und sich spüren eine wesentlicher Bestandteil der Zielvereinbarung sein kann. Andernfalls ist der Großmutter das zubereiten der Suppe ein starkes Anliegen. Und genau dieses Spektrum können wir Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten bedienen, ohne eine eigene Identität zu verlieren.

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Larissa: In der Ergotherapie ist es wichtig, nach den individuellen Bedürfnissen und Wünschen des Klienten/der Klientin zu arbeiten, um sie so bei ihrem Weg (zurück) in die Selbstständigkeit zu begleiten. Jeder Klient und jede Klientin muss mit seiner speziellen Problematik, seinem Leistungsstand und seinem Umfeld als Individuum betrachtet werden – darauf aufbauend wird ein Therapieplan erstellt. Und wie heißt es so schön in der Ergotherapie: „Es gibt kein Rezept“ – d.h. auf jeden Patienten muss ganz spezifisch eingegangen werden, um ihn in seiner Entwicklung zu unterstützen. Das ist aber auch das Schöne an der Arbeit als Ergotherapeut/-in: man arbeitet nicht nach Schema „F“, sondern hat eine abwechslungsreiche und spannende Arbeit die immer wieder Spaß macht.

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Fotografie von Silke JägerSilke: Welches Bild hat die Öffentlichkeit von der Ergotherapie? Das ist eine für meine tägliche Arbeit wichtige Ausgangsfrage. Ich möchte mithelfen, dass die Öffentlichkeit ein konkrete Vorstellung davon hat, was Ergotherapeuten tun. Die Ergotherapie hat für mich zwei Gesichter: Ein funktionell orientiertes, am Alltag des Patienten ausgerichtetes und eins, das sehr philosophisch die Handlungsfähigkeit des Menschen betrachtet. Das philosophische Gesicht wird von den meisten Ergos sehr geliebt und gerne in der Öffentlichkeit gezeigt. Fragen wie „Was bedeutet die Wiedererlangung dieser Betätigung für den ganzen Menschen?“ und „Wie fühlt sich der Mensch, wenn er XY nicht mehr kann?“ lenken den Blick auf die Lebensqualität, einen wichtigen Baustein im salutogenetischen Konzept. Doch so bedeutsam diese Fragen im Kontakt mit den Klienten auch sein mögen, sie sind es weniger, wenn es um die Außendarstellung des Berufes geht. Außendarstellung fängt schon beim Gespräch mit Kollegen anderer Fachbereiche an und endet beim Arzt noch lange nicht. Auch manche Klienten interessieren sich mehr für die Frage „Wann kann ich mich wieder alleine anziehen?“ als für die „Wie kann ich mich trotz meiner Einschränkungen wieder als ‚heil und ganz‘ wahrnehmen?“. Es geht weniger darum, welches Gesicht das „Wahre“ ist, sondern mehr darum, welches Gesicht man gerade zeigt. Ich wünsche mir, dass Ergos mehr Mut haben, den funktionellen Aspekt und die eigene Leistung sichtbar zu machen. Damit der Beruf mehr Anerkennung in der Öffentlichkeit findet. Dann muss ich hoffentlich bald nicht mehr so oft Sätze hören (und lesen), wie: „Minister sowieso besuchte die Ergotherapie-Abteilung und bastelte ein Fensterbild.“ Sondern öfter solche: „Minister sowieso besuchte die Ergotherapie-Abteilung, bastelte einen eigenen Strumpfanzieher und machte anschließend Strumpf-Anziehtraining.“

Offiziellere Definitionen

Einleitend sollte man nicht unerwähnt lassen, dass die Definition von Ergotherapie durch die jeweiligen Berufsverbände einem steten Wandel unterworfen ist. Generell kann – vereinfacht – festgehalten werden, dass Ergotherapie im deutschsprachigen Raum bis ca. zur Mitte der 1990er Jahre eher funktionell orientiert war, sich aber die Ausrichtung im Jahr 2000 klar der Handlungsfähigkeit zuwandte. (Vgl. Götsch, 2007, S. 5)

Auf globaler beziehungsweise europäischer Ebene fand dieser Prozess mehr oder minder parallel statt, dies spiegelt sich in den Definitionen der WFOT und des COTEC aus den Jahren 2005, respektive 2000 wieder. (Vgl. Götsch, 2007, S. 3f.)

Beim Vergleich der Definition des DVE im Zeitraum zwischen 2003 und 2007 lassen sich nur mehr marginale Änderungen der Formulierung feststellen – wichtig festzuhalten ist meiner Einschätzung nach allerdings der Passus der die „Erreichung gesellschaftlicher Teilhabe“ betrifft. (Vgl. Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V., 2004, S. 157 mit der aktuellen Definition)

Sehr spannend zu lesen sind meiner Meinung nach die nachfolgenden Definitionen der verschiedenen Berufsverbände im deutschsprachigen Raum – es ist recht leicht erkennbar, wo noch Nachbesserungsbedarf besteht, um die Definition der aktuellen Entwicklung anzupassen. Es bleibt spannend…

Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. – DVE

Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung für sie bedeutungsvoller Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken. Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung dazu, dem Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen. (Quelle)

Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland e.V. – BED

„Ergotherapie befähigt Menschen mit komplexen Erkrankungen, ihre eigene und/oder die Befindlichkeit ihres Umfeldes im praktischen Alltag zu verbessern“. (Quelle)

Ergotherapeutinnen-Verband Schweiz – EVS

Ergotherapie – abgeleitet vom griechischen ergon (Arbeit, Tätigkeit, Handlung) und therapie (Pflege, Behandlung) – ist eine ganzheitlich ausgerichtete medizinische Behandlung, die psychologische, pädagogische und soziale Aspekte einbezieht.

Ergotherapie geht davon aus, dass Tätigsein ein menschliches Grundbedürfnis ist, und dass gezielt eingesetzte Tätigkeit eine therapeutische Wirkung hat. Die sorgfältige Erfassung des Menschen in seiner gesamten Lebenssituation ist Voraussetzung für therapeutisches Planen und Behandeln mit ausgewählten Tätigkeiten. Das Auswerten des Behandlungsverlaufes garantiert ein individuelles, dem Genesungsprozess angepasstes Behandlungsprogramm. (Quelle)

Bundesverband der ErgotherapeutInnen Österreichs – Ergotherapie Austria

Ergotherapie geht davon aus, dass Aktiv-Sein heilende Wirkung hat, wenn Aktivitäten für PatientInnen gezielt ausgewählt werden.Sie ist wichtiger Teil einer ganzheitlichen Behandlung. Ergotherapie dient Menschen aller Altersgruppen. Behandelt werden physische, psychische und auch soziale Beeinträchtigungen, die infolge von Krankheiten, Unfällen oder Entwicklungsstörungen aufgetreten sind. Ergotherapie ist daher in allen medizinischen Fachbereichen vertreten.

Bei gesunden Menschen betreffen ergotherapeutische Leistungen vor allem den Bereich Gesundheitsförderung, der klassischen Prävention, der Arbeitsmedizin und dem ArbeitnehmerInnenschutz. Ergotherapeutische Gesundheitsförderung mit den Konzepten der Lifestyle-Balance und Partizipation wird seit Jahren erfolgreich in der Praxis umgesetzt. (Quelle)

DACHS-Projekt

Die Ergotherapie – abgeleitet vom Griechischen „ergein“ (handeln, tätig sein) – geht davon aus, dass „tätig sein“ ein menschliches Grundbedürfnis ist und dass gezielt eingesetzte Tätigkeit gesundheitsfördernde und therapeutische Wirkung hat. Deshalb unterstützt und begleitet Ergotherapie Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind und/oder ihre Handlungsfähigkeit erweitern möchten.

Ziel der Ergotherapie ist es, Menschen bei der Durchführung von für sie bedeutungsvollen Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit/Erholung in ihrer Umwelt zu stärken. In der Ergotherapie werden spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung gezielt und ressourcenorientiert eingesetzt. Dies erlaubt dem Klienten, seine Handlungsfähigkeit im Alltag, seine gesellschaftliche Teilhabe (Partizipation) und seine Lebensqualität und -zufriedenheit zu verbessern. (Quelle)

Ergotherapie in der deutschsprachigen Wikipedia

Die deutsche Wikipedia-Artikel zum Thema Ergotherapie orientiert sich vorwiegend an der Definition des DVE, man sollte allerdings erwähnen, dass der Artikel sich zurzeit in Überarbeitung befindet – wer möchte kann diesem Link zur Diskussion auf Wikipedia folgen. Der Beitrag über Ergotherapie in der englischsprachigen Wikipedia ist ebenfalls sehr umfangreich und lesenswert – und, angelehnt an der Definition der WFOT, klar auf Partizipation ausgerichtet.

Weblinks zu weiteren Informationen

Verwendete Literatur

  • Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. (2004). Berufsprofil Ergotherapie (1. Ausg.). Idstein: Schulz-Kirchner Verlag.
  • Götsch, K. (2007). Definition, Systematik und Wissenschaft der Ergotherapie. In C. Scheepers, U. Steding-Albrecht, & P. Jehn (Hrsg.), Ergotherapie: Vom Behandeln zum Handeln (3. Ausg., S. 2-10). Stuttgart: Thieme.

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