Der Anspruch, evidenzbasiert zu arbeiten, scheitert in der Praxis nicht selten daran, dass der Zugang zu relevanten Studien eingeschränkt ist. Viele Studien sind zwar online auffindbar, aber häufig beschränkt sich der Eintrag lediglich auf die Veröffentlichungsdaten, eine Kurzzusammenfassung und den Abstract. Wer mehr wissen will, und keine Uni-Bibliothek nutzen kann, weil er nicht an einer Hochschule eingeschrieben ist, muss meistens für die Volltextversionen bezahlen. Je nachdem, wie regelmäßig man sich auf den neuesten Stand bringen will, kann das ganz schön ins Geld gehen. Doch es gibt auch für Nicht-Studenten Wege, sich mithilfe von Bibliotheken Studientexte zu beschaffen. Welche das sind, habe ich hier einmal zusammengetragen. (Artikelbild von Rob124 via Flickr)

Von der Recherche zum gewünschten Artikel

Wie Markus bereits in seinem Artikel über MEDLINE und PubMed ausführt, lassen sich die meisten Studien mithilfe von Datenbanken online recherchieren. Manchmal hat man dabei Glück und erhält Zugriff auf den kompletten Studientext, oft jedoch haben die Journals, in denen sie erscheinen, die Nutzung der Texte auf ihren Abonnentenkreis eingeschränkt – ein nachvollziehbarer Schritt aus der Sicht der Verlage. Schließlich wollen sie ihre Kunden nicht verärgern: Wofür sie den Abonnenten eine ordentliche Stange Geld abknüpfen, können sie schlecht der Allgemeinheit uneingeschränkt kostenlos zur Verfügung stellen. Die Allgemeinheit – in diesem Fall die Allgemeinheit derer, die evidenzbasiert im Gesundheitswesen arbeiten möchten oder müssen – hat jedoch ein ganz anderes Interesse, nämlich die Voraussetzungen dafür vorzufinden, auch so arbeiten zu können.

Wer nicht das Glück hat, über den Arbeitgeber mit einem Abonnement der relevanten Journals versorgt zu sein, kann bei Hochschulbibliotheken recherchieren und sich häufig so die Volltextversionen beschaffen. Wie geht man dabei im Einzelnen vor? Das möchte ich mithilfe eines konkreten Beispiels vorstellen.

Artikelrecherche: auf dem Weg zur Bibliotheksverfügbarkeit

Die ersten Schritte

Ich starte einen kleinen Selbstversuch und suche mir eine Meldung in einer Fachzeitschrift über eine kürzlich veröffentlichte Studie heraus. Darin geht es um den Einfluss, den die elterliche Sorge auf den Bewegungsdrang ihrer Kinder auf Spielplätzen haben kann. Als Referenz ist angegeben: Am J Prev Med 2011 beziehungsweise doi: 10.1016/j.amepre.2011.04.013. Was sagt mir diese Angabe?

Am J Prev Med ist die Abkürzung des Journals, in dem der Artikel erschienen ist. Da ich nicht weiß, welches Journal sich hinter der Abkürzung verbirgt, suche ich eine Liste aller Abkürzungen. Dabei scheint mir diese von Thomson Reuters recht vollständig zu sein. Ich finde heraus, dass die Studie im American Journal of Preventive Medicine erschienen ist. Hinter der Abkürzung steht das Erscheinungsjahr, das ist einfach. Danach folgt: doi: 10.1016/j.amepre.2011.04.013. Die doi-Kennung (Digital Object Identifier)ist mit einer ISBN vergleichbar. Sie soll helfen, ein Objekt im Internet zu finden.

Anders als bei einer URL, die immer auf den Server verweist, auf dem eine Internetseite gespeichert ist, kann man mithilfe des doi ein digitales Objekt orten, ohne nur auf einen Speicherort verwiesen zu werden. Häufig gelangt man auf eine Internetpräsenz, die einen Download des Artikels anbietet (wenn auch oft kostenpflichtig). Um über diese Kennung etwas finden zu können, kann man via der Website des DOI-Systems suchen oder den doi mittels folgender Syntax direkt ins Adressfeld des Webbrowsers eingeben: http://dx.doi.org/10.1016/j.amepre.2011.04.013. In unserem Fall führen jedoch beide Vorgehensweisen zum Zeitpunkt der Artikelverfassung zu keinem Ergebnis.

Vom doi zu Titel und Autor des gewünschten Artikels

Deshalb gehe ich auf die Internetseite des Journals, um herauszufinden, wie Autoren und Titel der Publikation lauten. Die Site des American Journal of Preventive Medicine erreiche ich unter http://www.ajpmonline.org/. Weil als Quelle keine genaue Ausgabe angegeben war, suche ich einfach nach „playground“ AND „activity“ AND „parents“ und unter den sehr wenigen Treffern aus 2011 (Sortieren hilft) finde ich den zugehörigen Artikel:

Myron F. Floyd, Jason N. Bocarro, William R. Smith, Perver K. Baran, Robin C. Moore, Nilda G. Cosco, Michael B. Edwards, Luis J. Suau, Kunsheng Fang. Park-based Physical Activity Among Children and Adolescents. Volume 41, Issue 3, Pages 258-265, September 2011

Nun weiß ich also, unter welchem Titel auf den Seiten 258-265 der Ausgabe 41 aus 2011 das Journal die Studie veröffentlicht hat und erfahre, dass ich 31,50 Dollar für den Volltext bezahlen müsste. Damit habe ich alle wichtigen Angaben zusammen, um eine Bibliothekssuche starten zu können.

Recherche der Bibliotheksverfügbarkeit von Artikeln

Da ich keinen Account beim Journal besitze und eigentlich auch nur schnell mal diesen Artikel möchte, versuche ich es anders. Wo gibt es den denn sonst noch? Ich schaue in der Zeitschriftendatenbank (ZDB) nach und suche nach dem Titelstichwort ‚American Journal Prev‘. Darüber finde ich die gesuchte Zeitschrift. Ein Klick auf den Eintrag der Papierversion und die Besitznachweise (sortiert nach Bundesland) lassen sich einsehen. Dabei finde ich heraus, dass die Unibibliothek in Gießen die Zeitschrift im Bestand hat, allerdings nicht die gewünschte Ausgabe. Wohnte ich in Köln oder München, hätte ich mehr Glück…

Die elektronische Version gibt es sogar in Marburg, zugänglich für Marburger Universitätsangehörige über die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (ezb) der Uni Regensburg. Ich folge dem Link, der mich jedoch zu ScienceDirekt bringt, wo ich zwar schnell wieder die passenden Ausgabe suchen und finden kann, allerdings nur, um dann gegen vergleichbare Bezahlung wie beim Journal direkt, den Artikel bestellen zu können. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hatte nämlich gehofft, dass mir über eine Gastkarte, die mir als Einwohnerin der Stadt Marburg zur Verfügung stünde, Zugang zur elektronischen Version des Artikels verschaffen könnte. Mit dieser Gastkarte kann man nämlich die Uni-Bibliotheken seiner Stadt nutzen, ohne dass man als StudentIn eingeschrieben sein muss.
Als nächste Lösung bleibt mir noch die Fernleihe. Bei der ZDB merke ich mir also den Titel und die ISSN:

American Journal of Preventive Medicine / American College of Preventive Medicine ; Association of Teachers of Preventive Medicine. – New York, NY : Elsevier   1.1985 – ISSN: 0749-3797

Mit diesen Angaben hoffe ich jetzt, dass ich eine Kopie über die Fernleihe bekommen kann. Ich kann mit diesen Angaben zur Uni-Bibliothek meiner Stadt gehen und dort direkt nachfragen, ob eine Fernleihe möglich ist und was das kostet. Fazit für dieses Beispiel: Bei dieser Studie ist leider kein Online-Volltext über meine Uni-Bibliothek verfügbar.

Bei Misserfolg nicht entmutigen lassen

Bei einem zweiten Beispiel habe ich schließlich großes Glück: Ich finde den Volltext direkt auf der Homepage der Zeitschrift.

Mir war in einer Fachzeitschrift eine Studienzusammenfassung aufgefallen, die sich mit den neuronalen Veränderungen von Menschen beschäftigte, die in ihrer Kindheit misshandelt worden waren. Unter der Meldung gab es die Angabe PNAS 2012; 109: E563-E572. Das Akronym zu Beginn der Angabe steht für die Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.

Das finde ich diesmal ganz einfach heraus, indem ich die Abkürzung bei Google eingebe. Auf der Hompage des Journals finde ich eine Suchmaske, in die ich den Namen des Autors zusammen mit einem Schlagwort aus der Meldung eingebe, in diesem Fall„Teicher hippocampus“. Das Suchergebnis bringt mich zu einem Übersichtseintrag der Zeitschrift zu der Studie, der das Label „Open Access Article“ trägt. Dort kann ich dann den Link zum „Full Text“ anklicken und gelange zum Artikel.

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website