Was haben Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten mit Setzmaschinen zu tun? Im Prinzip gar nichts, trotzdem lässt sich anhand des Aufstieg und Falls der Linotype sehr schön die Wandlung von Betätigungsrollen in Zeiten technischer Neuerungen nachvollziehen – und zwar in der äußerst komfortablen und berührenden Form einer schön gestalteten Dokumentation namens Linotype – The Film. (Bild von brandbook.de via flickr)

Die Produktion von gedrucktem Wort vor 1886

Zeitungen aus dieser Ära hatten in der Regel nicht mehr als acht (!) Seiten pro Ausgabe – und zwar weil in der Druckproduktion zu dieser Zeit ausschließlich im Handsatz gearbeitet wurde, das heisst jeder Buchstabe wurde einzeln von einem Setzer aus Setzkasten entnommen und in einen passendem Rahmen zu Wörtern, Sätzen und sinnvollem Text zusammengefügt, ein sehr arbeitsaufwendiger Prozess, der sich seit Gutenberg (also seit mehr als 400 Jahren) kaum weiterentwickelt hatte. Zeitungen beschäftigten ganze Armeen von Setzern um dem anfallenden (noch relativ geringen) Textaufkommen Herr zu werden. All das sollte sich mit der Idee eines deutschstämmigen, 1872 nach Baltimore in den USA emigrierten, Uhrmachers namens Ottmar Mergenthaler, die zur Entwicklung der Linotpye-Setzmaschine im Jahr 1886 (in dem übrigens auch die ersten Automobile und die Spülmaschine erfunden wurden) führte, grundlegend ändern.

Linotype – der Drucksatz wird beschleunigt

Die Hauptmerkmale der Linotype waren einerseits die Geschwindigkeit mit der Buchstaben gesetzt werden konnten – im Vergleich zu routinierten manuellen Setzern stieg die Buchstabenmenge pro Zeit ca. um das Sechsfache – und andererseits die unmittelbar mögliche Wiederverwendung von Buchstaben – die Linotype enthielt eine Gießeinheit, die in der Lage war jeweils eine gesetzte Zeile in Letternmetall zu gießen und die Matrizen sofort wieder verfügbar zu machen (im Gegensatz zum Handsatz, bei dem Buchstaben durchaus auch „ausgehen“ konnten). Die Bedeutung, die diese neuen Möglichkeiten für die Produktion von Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und das Druckwesen im Allgemeinen hatten, wird in der Dokumentation – inklusive vieler biografischer und technischer Details der beteiligten Personen – ausführlich herausgearbeitet.

Linotype: The Film – eine Dokumentation als erfolgreiches Kickstarter-Projekt

Die Akquisition der notwendigen finanziellen Mittel für die Dokumentation erfolgte mittels Crowdfunding auf der Plattform Kickstarter und wurde im Jahr 2010 durchgeführt, der Film selbst ist sowohl direkt auf der dazugehörigen Website als physisches Medium als auch bei iTunes als digitaler Download erhältlich.

Einblicke in Betätigungsverhalten und Betätigungsrollen

Warum ist die Dokumentation nun für Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten interessant? Wer sich weder für technische Entwicklungen, Typografie und die Geschichte der Printmedien interessiert könnte meinen, dass diese Filmempfehlung mit den Aufgaben und Betrachtungsweisen unserer Berufsgruppe nun wirklich gar nichts zu tun hat – eine Sichtweise der man vordergründig betrachtet durchaus zustimmen könnte.

Wenn man seinen Blickwinkel auf das Betätigungsverhalten von Menschen und den Wandel von Betätigungsrollen im Verlauf der Zeit richtet, wird die Dokumentation auch aus ergotherapeutischer Sicht zu einem faszinierenden Lehrstück. Die meisten Protagonisten sind durchwegs in bereits fortgeschrittenem Lebensalter und geben bereitwillig Auskunft über die wesentliche Rolle, die die Linotype in ihrem Leben gespielt hat (und zum Teil noch immer spielt – die Produktion der Linotype wurde 1976 eingestellt), über die Faszination die die man auf Betätigungsebene einem technischen Gerät entgegenbringen kann, über die Möglichkeiten Wissen, das verloren zu gehen droht, an nachfolgende Generationen weiterzugeben und über Betätigungsfelder, die die Linotype auch in heutiger Zeit noch bietet. Alleine aus diesen Gründen kann die Dokumentation bedenkenlos empfohlen werden, wer sich zusätzlich für im vorigen Absatz angesprochenen Themen interessiert, wird wahrscheinlich mehrmals mit feuchten Händen (und Augen) zu kämpfen haben…

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