Freitag, Spätnachmittag, Villach…

Zugegeben, es ist ein komisches Gefühl eine Tür zu durchschreiten, von der man weiß, das man sie acht Wochen lang nicht wiedersehen wird. Ich spreche hier allerdings nicht von Wehmut oder Trauer, sondern von…was genau das eigentlich ist, fällt mir schwer zu erklären…dem Ende der Vorbereitungen vielleicht? Oder dem Nachlassen der Anspannung?

Rückblickend betrachtet, war die Organisation des Praktikumsaufenthalts eigentlich eine ziemlich anstrengende Angelegenheit (obwohl ich zumindest einen Leser kenne, der da ganz anderer Meinung sein dürfte) – und als besonderen Zusatzspaß gab es da noch die riesige Aschenwolke in meiner Flugroute, und einen Streik der schwedischen Piloten, die für Inlandsflüge zuständig sind. Nicht unbedingt das Beste für mein zartes Nervensystem. Und ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich heute ohne die Hilfe von anderen Menschen nicht im Zug sitzen würde:

  • Danke an Bertil, Agneta, Helena und Lena, die sich auf das Abenteuer “Praktikant aus rechtlich völlig absurden Verhältnissen” eingelassen haben
  • Danke an Sonja, Thomas, Christiane, Evelyn und Eva, die mir bei der Suche nach einer Wohnung mit Inspiration, Kontakten und Sprachtalent zur Seite gestanden sind
  • Und danke an alle Leute, die mich finanziell unterstützt haben (keine bestimmte Reihenfolge): Elisabeth, Jasmin, Nora, Bettina, Ute, Maria, [nochmal] Elisabeth & Gert, Ernst & Christiane, [und nochmal] Elisabeth…(jetzt hoffe ich aber inständig, dass ich niemanden vergessen habe)

Jedenfalls hatte ich nachmittags noch eine Menge Spaß beim Unterfangen Computertechnik, Bekleidung, Freizeitbeschäftigung, Fachbücher, Nikotin und drei Paar Schuhe in einen Koffer und einen Rucksack zu stopfen – und ich bin fast völlig sicher, dass ich beim ersten Öffnen des Koffers siedend heiß daran denken werde, was ich alles vergessen habe. Um mir den Reiseantritt möglichst angenehm zu gestalten, wurde eigens für mich am Bahnhof noch eine Gruppe aus zwei Schulklassen (mit vielen, vielen Koffern) bereitgestellt, damit ein gewisser Kuschelfaktor im Zug gegeben ist – aber auch die betrunkenen Grundwehrdiener Fast-Soldaten mit dem heiteren Gemüt tragen selbstverständlich ihren Teil zur passenden Atmosphäre bei. Erwähnte ich schon den Güterzugsunfall, der die Benutzung eines Schienenersatzverkehrs zwingend notwendig macht? Und die halbe Stunde Verspätung bei der Abfahrt? Na dann ist ja alles klar!

Postskriptum: Ein kleiner Mensch gab mir die grüne Katze mit dem klingelnden Bauch, die auf den Namen Stella hört – sie wird während der nächsten zwei Monate gewissermaßen als mein Avatar fungieren, da ich kein Freund der Veröffentlichung von Personenfotos bin – und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie einiges erleben wird…sucht sie auf (fast) jedem Foto.

Postskriptum 2: Schon gemerkt? Wenn ihr auf Bilder klickt, werden die richtig schön groß – und wenn’s mehrere sind, kann man blättern…


Samstag, ganz früh am Morgen, München…

Hach, München…ich habe dich nicht wirklich vermisst – Damenparfümschwaden in der S-Bahn, Geräuschwolken, zuckende Blitze und wirre – von Wassertropfen auf Glasscheiben gemalte – Streifenmuster beim Blick aus dem Fenster. Andererseits…in dieser Stadt werden zumindest drei Podcasts aufgenommen, die ich regelmäßig höre, und auch das eine oder andere Blog ist hier verwurzelt. Wenn man auf den „Durchbruch“ des Internets zurückblickt ist das sozusagen „heiliger Boden“ (ja, los, kreuzigt mich…)

Leider hatte mein Lieblingsveganer mit gratis WLAN – bei dessen Besuch man das Essen selbstverständlich in Tellern aus Palmenblättern, die auf natürlichem Wege die Palme verlassen haben, genießen kann, während man barfuß auf einem Hometrainer sitzend den Strom für seinen Laptop und den WLAN-Router erzeugt – schon zu, und schlussendlich ist es doch nur der schnöde McDonalds 24/7 (!!!) am Müncher Flughafen geworden – nicht zuletzt weil er sozusagen mit dem heiligen Gral für mitteilsame Menschlein lockt: einer Stunde gratis WLAN im T-Kom-Netz – ohne Haken, wirklich. Oder?

Was man dafür alles braucht erfährt man leider erst vor Ort: das Wichtigste ist (natürlich, was liegt näher?) ein in good ol‘ Germany angemeldetes Mobiltelefon. Ja, klar, ich meine…am Flughafen…wer hat denn da bitte NICHT ein in Deutschland angemeldetes Mobiltelefon? Ist ja schließlich ein deutscher Flughafen, da muss man sich schon ein bisschen integrieren…diese verdammten Kapitalistengeier! Ein leicht paranoider Mann mittleren Alters war so freundlich, mir mit seiner Nummer auszuhelfen (iPhone, btw)…nachdem er meinen Führerschein fotografiert hatte…“für alle Fälle“ und „weil er sich da ja nicht so auskenne“. Egal, die iPhone-Kamera ist ja ohnehin nicht in der Lage bei der Beleuchtung irgendwas Leserliches aufzunehmen – aber hier regiert die deutsche Gründlichkeit, und nicht die deutsche Kundenfreundlichkeit. Trotzdem Danke, du warst beim Abschied sehr jovial, paranioder Mann…

Ich glaube, dass ich vor Stunden die Theorie postuliert hatte, dass mir beim ersten Öffnen des Koffers blitzartig einfallen würde, was ich vergessen habe. Nun ja, so lange hat es gar nicht gedauert – mein, ob des fehlenden Zehennagels doch gelegentlich schmerzender, linker großer Zeh hat mich bereits daran erinnert, dass ich die leckeren Schmerztabletten in der Küche vergessen habe – sehr schön. Aua……Aua…..Aaaaarrrrgh!

Im Übrigen steppt hier der Bär, eine Präsentationsbühne für den neuen Audi A1, Public Viewing der Fußball-WM, und eine menschliche weibliche Stimme aus den Lautsprechern, die einen „unvergesslichen Abend, an den wir uns immer erinnern werden“ sowie die Tatsache dass „…alle Ihre Wünsche in Erfüllung gehen…“ verheißt – und das alles in einer Flughafenvorhalle. Ich bin sehr beeindruckt, und hoffe dass mein Flauschebettchen an Gate A schon bereitsteht, denn ich bin ein bisschen müde. Leider keimen bereits leichte Zweifel auf, ob das mit der Zustellung so rasch geklappt hat, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine „unvergessliche“ Nacht verbringen werde – schließlich sind die Bänke nicht gerade weich…

Postskriptum: Morgen um 6.35 geht’s weiter, nächste Stationen Berlin und Stockholm – mal sehen, ob die mit ihrem WLAN freigiebiger sind…


Samstag, früher Nachmittag, Stockholm…

Eines gleichmal vorneweg – nein, die Schweden sind nicht freigiebiger was den WLAN-Zugang angeht, es macht aber mehr Spaß dafür zu bezahlen. Zu München gibt’s eigentlich nicht mehr viel zu sagen, der Schlaf war kurz und unbequem, und bekennender Fan des Flughafens war ich ohnehin nie. Jedenfalls hat soweit alles ganz gut funktioniert, ich kann mich da noch dunkel an ganz, ganz andere Erlebnisse erinnern (höhöhö).

Irgendwie spannender war es in Berlin, obwohl ich mich dort nur sehr kurz aufgehalten habe…Tegel wirkt auf charmante Art und Weise heruntergekommen, und hat für mich noch einen kleinen Rest eines verblassenden Glorienscheins an Atmosphäre und Zeitgeschichte bewahrt. Vor dem Mauerfall war es sicher ein ganz spannendes Ding nach Berlin zu fliegen – zu jedem Zeitpunkt war ich darauf gefasst, den Zipfel eines beigen Trenchcoats hinter einer braun verfliesten Ecke verschwinden zu sehen und verstohlene Übergaben von geheimen Dokumenten zu beobachten – nur im Park mit gleichzeitiger Entenfütterung wäre es authentischer. Das hat  schon was…ich frage mich nur, wo die Heerscharen an jungen (und mit „jung“ meine ich „wirklich jung“) Müttern alle hergekommen sind – da muss sich Deutschland offensichtlich wenig Sorgen um das Pensionssystem machen, für Nachwuchs scheint gesorgt zu sein…

Ich habe nur wieder einmal (wie eigentlich jedes Mal) festgestellt, dass ich einfach zu groß für die Economy-Klasse bin, das macht wirklich keinen Spaß – gut, dass die Flüge alle nur sehr kurz sind, da wird’s nicht so extrem unbequem. Stockholm bzw. der Flughafen vermitteln einen sehr einladenden Eindruck – die erste olfaktorische Überprüfung des Freiluftgeruchs ergab ein leicht blumigen Bouquet, abgerundet durch einen Hauch von Frische – sehr angenehm…Arlanda dürfte ohnehin der iPod unter den Flughäfen sein, alles ist gut beschildert, das Personal („Hejhej!“) ist sehr freundlich und an jedem Schalter gibt es – Feinkostmärkten in Oberitalien, oder dem AMS in Österreich gleich – ein kleines Terminal, an dem man sich seine Nummer zieht, und brav wartet, bis man an der Reihe ist – sehr lustig und ruhig läuft das Ganze ab. Und vor dem Terminal wird man von freundlich-gelben Bussen begrüßt, die einem den Transfer zwischen den verschiedenen Gebäuden erleichtern…ich habe hier in 20 Minuten mehr Busse gesehen, die mit Ethanol oder Rapsöl betrieben werden, als in 20 Jahren in Österreich. Sehr beeindruckend, diese Wikinger….

Kaffee wird zu fairen Preisen in riesigen Bechern serviert und schmeckt fast so wie zuhause, und überall am Flughafen blitzen Farben und Design hervor. Beim Einchecken am SB-Terminal blitzte dann auch noch etwas, und zwar die Nachricht, dass für mich kein Gepäck (außer dem Handgepäck natürlich) vorgesehen ist – ähhhm, und die 27kg Koffer auf meinem Gepäcktrolley??? Egal, mit ein bisschen Umpacken und bedürftigen Blicken in Richtung der Gepäcksoffizierin kam ich mit 100 SEK davon, trotzdem Notiz an mich selbst: das nächste Mal die Buchungsbestätigungen lesen! Meine Maestro-Karte funktioniert interessanterweise nicht bei jedem Bankomaten, was mir anfangs auch ein paar Gedanken bescherte – das Problem hat sich aber von selbst gelöst…in 30 Minuten geht es mit leichter Verspätung weiter nach Umea, ich bin schon sehr gespannt – auch darauf ob sich meine Schlüsselkurierin von der gestrigen Midsommarfeier schon erholt hat

Postskriptum: Stella scheint sich in Schweden offensichtlich wohlzufühlen, ihr Fell entspricht wohl den allgemeinen Designrichtlinien für Gastkatzen…


Samstag, früher Abend, Umea…

Huiuiui, jetzt bin ich wirklich schon müde…nach einer fast vierundzwanzigstündigen Anreise darf das aber auch der Fall sein, denke ich – und die Tatsache, dass ich alleine eine ca. 150 Quadratmeter große Wohnung – inklusive Balkon mit Glitzerwasserblick –  zur Verfügung  habe, entschädigt mich doch ganz vortrefflich für die Müdigkeit. Den Vorfall mit dem Tippfehler im Zugangspasswort für das WLAN-Netz erwähne ich jetzt einfach mal nicht, hrrrmmmm. Das Allerwichtigste war ohnehin die Dusche, und die hat blendend funktioniert.

Meine unsterbliche Zuneigung hat sich bereits die Kaffemühle im Großmutter-Stil gesichert, nicht das der Kaffee besser schmecken würde, aber die Optik…die Optik! Zusätzlich lässt sich die Zubereitung  hervorragend ritualisieren, auch wenn sie länger dauert als üblich. Die  Abholung vom Flughafen hat perfekt funktioniert, ich wurde praktischerweise sofort über die schwedische Selbstmordrate im Winter aufgeklärt, und auch über die vollständige Abwesenheit von Dunkelheit während der Nachtstunden – man darf gespannt sein, ich habe nämlich keine Jalousien in meinem Zimmer, das hört sich nach „Spaß“ an. Die Praktikumsstelle selbst liegt praktisch in Steinwurfweite, ebenso der Nahrungsbeschaffungsgroßmarkt, und als Zuckerl ist die Wohnung in Spuckweite des Flusses der durch Umea fließt (und dessen Namen ich erst demnächst lernen werde). Nach einer Mütze Schlaf werde ich ein bisschen mit Stella durch Umea streunen, manches muss, und manches will ich mir ansehen – aber für heute ist es erstmal genug.

Postskriptum: Es spielt kaum eine praktische Rolle ob man zur Begrüßung „Hej“ oder „Hejhej“ sagt…



Fin…