Schon gewusst? „Schizophrenie“ bedeutet wörtlich „Riss im Zwerchfell“ – und: die Schizophrenie hat dieses Jahr Geburtstag, sie wird 100 Jahre alt, d.h. sie wurde 1911 von Eugen Bleuler in der Schrift „Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien“ erstmals ausführlich – und aufbauend auf den Vorarbeiten von Emil Kraepelin – beschrieben. Was, dass wusstet ihr schon alle? Ich leider nicht, aber die Anwesenheit bei der Fortbildung, die ich am 11. und12. November 2011 besucht habe, hätte sich alleine schon wegen der vielen interessanten Randinformationen mehr als gelohnt…

Einleitung

Bild des Wappens der deutschen Alexianer BrüdergemeinschaftZwei Tage á acht Stunden können ja ganz schön lange werden, aber wenn die Veranstaltung bereits mit einer spannenden Erklärung der Bedeutung der heraldischen Symbole des Wappens des Alexianer-Krankenhauses in Köln beginnt, bin ich schon ganz bei der Sache – die Anwendung der sensorischen Integration in der Psychiatrie wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Dr. phil. Wolfgang Hesse aus ebendiesem Haus nähergebracht. Ich will nicht zu viel verraten, aber Raben, Schaufeln und Pelikane können prinzipiell recht interessante Bedeutungen haben. Abseits davon sind wir während der zweitägigen Veranstaltung natürlich auch im Kernthema der sensorischen Integration um vieles schlauer geworden. Zusammenfassung gefällig? Aber bitte doch… („Wappen-Alexianer“ von Unbekannt – www.araldicavaticana.it. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons)

Tag eins – Grundlagen und Fallbeispiele mit dem Schwerpunkt Schizophrenie

Die vierzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fortbildung setzten sich aus Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, sowie aus Diplomiertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal beider Geschlechter zusammen – dies machte einen Ausflug in die Grundlagen der sensorischen Integration notwendig, eine Tatsache, die ich als sehr positiv erlebt habe, da dieses Thema während meiner Ausbildung nicht eben zu meinen Favoriten zählte. Von Jean Ayres über frühe terminologische Feinheiten („minimale cerebrale Dysfunktion„) bis hin zu Tierexperimenten mit Schimpansenbabys spannte sich der illustrierende Bogen, der die Einleitung in das Thema darstellte.

Die Grundannahmen der sensorischen Integration, sowie das Vulnerabilitäts-Stress-Modell in der Fassung von Luc Ciompi als Erklärungsmodell bei der Krankheitsentstehung der Schizophrenie bildeten große Themenblöcke die – Exkurse in die Zwillingsforschung, Links- und Beidhändigkeit, Sprachentwicklung, Migrationshintergrund und Psychotraumatologie inklusive – langsam zum Thema der Neurological Soft Signs (NSS) und zur Befunderhebung überleiteten.

Die Methodik bzw. die einzelnen Tests der Heidelberger NSS-Skala wurden theoretisch und praktisch gehört und geübt, Zungenbrecher kommen interessanterweise bei der Austestung der Artikulation ebenfalls zum Einsatz (probiert mal!):

  • „Schuppige, schleimige Schellfischflossen“
  • „Ein Kaplan klebt Pappplakate“

Besondere Bedeutung ist m.E. nach der Tatsache zu schenken, dass 20 % der Kinder, von denen ein Elternteil an Schizophrenie leidet, im Alter von zehn Jahren im Bereich der NSS deutliche Auffälligkeiten aufweisen, und dass von diesen Kindern bis zum ca. 40. Lebensjahr 50 % selbst an Schizophrenie erkranken – auch vor dem Hintergrund der möglichen präventiven Anwendung der sensorischen Integrationstherapie zur Krankheitsvorbeugung. Bewiesen ist die Effektivität therapeutischer Maßnahmen in diesem Bereich meines Wissens zwar noch nicht, aber kommt Zeit, kommt Rat…

Den Abschluss des ersten Fortbildungstages bildeten Informationen über den Aufbau und die Gestaltung therapeutischer Abläufe mit speziellem Fokus auf die spezifischen Probleme von Klientinnen und Klienten mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie.

Tag zwei: Selbsterfahrung, Fallvorstellungen und die Borderline-Persönlichkeitsstörung

Ergotherapeut Markus Kraxner beschwert mit zahlreichen SandsäckenDinge am eigenen Körper zu erfahren, kann sehr veranschaulichend wirken, und am Vormittag des zweiten Fortbildungstages hatten wir im SI-Raum unserer Klinik ausreichend Zeit und Gelegenheit, uns mit den verschiedenen Möglichkeiten der sensorischen Integrationstherapie und deren Anwendung vertraut zu machen und diese am eigenen Wahrnehmungssystem zu erproben. Es kann seeehr entspannend sein, für 30 Minuten auf einer Gymnastikmatte zu liegen, während 120 kg Gewicht an Sandsäcken auf einem ruhen – diese Erfahrung habe zumindest ich gemacht. Die Angebote zielen jeweils auf Stimulation der Wahrnehmungsbereiche Taktilität, Propriozeption und Gleichgewicht ab, fühlen sich – mit einer großen Bandbreite individueller Unterschiede – sehr verschieden an und werden auch ganz unterschiedlich gut vertragen, ich konnte zum Beispiel mit einem Schaukelstuhl an diesem Tag eher wenig anfangen…

Zusätzlich stellten zwei Kolleginnen, die in unserer Klinik die SI-Gruppen betreuen, im Tagesverlauf zwei Fallbeispiele vor, anhand derer wir mögliche Vorgehensweisen diskutieren und auf theoretischer Ebene erproben konnten.

Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen der speziellen Krankheitscharakteristika von Klientinnen und Klienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen, die grundsätzlichen Unterschiede in Behandlungsaufbau und Behandlungsdurchführung im Vergleich zur Schizophrenie und die Prinzipien eines dialektisch-behavioralen Therapieansatzes wurden umfassend dargestellt – Spannungskurven, Gefühlsbarometer und Ampelkärtchen inklusive. Möglichkeiten der sensorischen Integrationstherapie bei verschieden hohen Spannungszuständen von Klientinnen und Klienten, die Bedeutung „therapeutischer Hausaufgaben“ sowie ein Schwerpunkt auf der Bildung der „inneren Achtsamkeit“ bei Klientinnen und Klienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen rundeten das theoretische Angebot des zweiten Fortbildungstages ab.

Fazit & Ausblick

Hängematte an einer Sprossenwand befestigtEine der kurzweiligsten und interessantesten Fortbildungen, die ich in meiner bisherigen Berufslaufbahn (nicht nur als Ergotherapeut) besucht habe, liegt hinter mir. Für mich als eigentlichen „SI-Skeptiker“ haben sich die Fronten etwas aufgeweicht, ich stehe der Thematik nun deutlich aufgeschlossener gegenüber, und freue mich schon sehr, Teile des gelernten im täglichen Arbeitsalltag auszuprobieren und – wenn möglich – zu integrieren.

Ich möchte den Stil des Vortragenden an dieser Stelle nochmals explizit und in aller Deutlichkeit heftig loben: mir war in diesen zwei Tagen wirklich keine Sekunde langweilig, und bei insgesamt 16 Stunden Fortbildungsdauer will das wirklich etwas heißen, ich bin nämlich diesbezüglich nicht ganz anspruchslos und kann bei entsprechender Vortragsweise schon nach 30 Minuten sehr gelangweilt sein. Die ständige Lebendigkeit, die durch Fallbeispiele erzeugt wurde, war für mich eines der wertvollsten Elemente der Fortbildung, und der Humor kam ebenfalls nicht zu kurz. Einzelmeinung ist dies übrigens keine, die gesamte Teilnehmergruppe war sich in diesem Punkt völlig einig, obwohl wir am Ende der Tage auch ziemlich geschlaucht waren. Das Vorhandensein eines bereits bestehenden SI-Raums ist natürlich ebenfalls als Vorteil zu werten, in einem Vortragssaal stelle ich es mir zumindest ein bisschen schwieriger vor, Selbsterfahrungserlebnisse in der Qualität und in dem Umfang zu ermöglichen, den wir genießen durften – für alle im psychiatrischen Fachbereich Tätigen handelt es sich meiner Meinung nach um eine Pflichtfortbildung…

Wer Lust auf mehr bekommen hat: im Vorfeld der Fortbildung habe ich mich mit Dr. Hesse in Klagenfurt getroffen und ein sehr ausführliches Interview aufgenommen, das Anfang nächsten Jahres als handlungs:plan-Podcast erscheint und ein bisschen mehr Detailtiefe bietet, mein Hochdeutsch ist zwar nicht sehr gut, aber interessant ist’s allemal – und der Einblick ist deutlich umfangreicher als in diesem Beitrag, das könnte für manche eine gute Einstimmung für eine Fortbildung sein…

Fortbildungen

Die ganze Thematik ist naturgemäß viel zu komplex, um in einem Blogbeitrag eine ausreichende Detailtiefe zu erreichen, auch ein Podcast kann den Umfang nicht wirklich abbilden, es gibt allerdings auch eine gute Nachricht für alle Wissenshungrigen und Neugierigen unter euch: drei Fortbildungen in Österreich befassen sich nächstes Jahr mit den angesprochenen Themen, und zwar

Das Fortbildungsprogramm des österreichischen Berufsverbandes der ErgotherapeutInnen lässt sich übrigens als PDF-Datei auf der Website von Ergotherapie Austria kostenlos herunterladen