Vielleicht kennt ihr das ja aus eurer freiberuflichen Praxistätigkeit: Hausbesuche sind oft Teil des täglichen Broterwerbs und wenn ihr im ländlichen Raum tätig seid ist der Besitz eines eigenen Kraftfahrzeugs meist ohnehin obligat—wer allerdings im (mehr oder weniger) urbanen Raum unterwegs ist verzichtet vielleicht aufgrund des gut ausgebauten Verkehrsnetzes des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) auf den Besitz eines solchen. In der Theorie lassen sich Hausbesuche nämlich auch ganz gut mit dem Fahrrad oder mit Bus, Straßen- oder U–Bahn erledigen. Trotzdem gibt es da diese Tage…ihr wisst schon, die an denen ein schwerer Rucksack mit Therapiematerial am Rücken hängt, die an denen es Hunde und Katzen regnet, die an denen es Minusgrade hat, die an denen man Klientinnen und Klienten aufsuchen muss, die weit weg von Haltestellen oder dem persönlichen Fahrradabstellplatz wohnen… (Artikelbild von Didier Baertschiger via Flickr)

Schön, dass wir in modernen Zeiten leben und mittlerweile Möglichkeiten haben auch ohne eigenes KFZ mit einem solchen in der ergotherapeutischen Freiberuflichkeit mobil zu sein—und zwar über kommerzielles oder privates Car-Sharing.

Einleitung

Ich beziehe mich in diesem Artikel ausschließlich auf meine eigenen Erfahrungen mit einem kommerziellen Anbieter, sehr viel Auswahlmöglichkeit besteht in Österreich nämlich noch nicht, eine schöne Übersicht über die hiesigen Angebote lässt sich auf der Website des Österreichischen Automobil- und Touring-Clubs (ÖAMTC) finden. In Deutschland existieren laut der Website des Bundesverbandes CarSharing im gesamten Bundesgebiet mehr als 110 Anbieter von Car-Sharing-Diensten, in der Schweiz ist das Angebot ähnlich eingeschränkt wie in Österreich, aber auch dort gibt es Möglichkeiten. Weitere Informationen rund um Car-Sharing lassen sich im Abschnitt „Weblinks“ dieses Beitrags finden.

Meine Beweggründe für Car-Sharing

Ich besitze seit ca. zwei Jahren kein eigenes (vierrädriges) KFZ mehr, die Gründe für diesen Umstand sind vielfältig und sollen hier nicht ausführlicher thematisiert werden, in der Regel habe ich jedenfalls nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Mein Mobilitätsbedarf wird an sich durch Fahrräder und den ÖPNV gut abgedeckt. Trotzdem stehe ich—vor allem im Winter und bei niederschlagsreichem Wetter—oft vor der Herausforderung mich selbst und das notwendige Therapiematerial an den Ort des Geschehens zu transportieren. Ich habe mich also auf die Suche nach Möglichkeiten gemacht und bin, auch aus Ermangelung an anderen praktikablen Alternativen, bei Zipcar Österreich hängengeblieben, die die Car-Sharing-Sparte im Jahr 2012 von der Firma Denzel gekauft haben. Ich verwende den Service mittlerweile seit mehreren Monaten und bin zufrieden genug um eine Empfehlung auszusprechen, falls ihr vor ähnlichen Herausforderungen steht wie ich.

Registrierung und Kosten

Die Online-Registrierung gestaltete sich unkompliziert, im Rahmen der viermonatigen Testaktion ist im Gesamtpreis von 50,00 € ein Fahrguthaben von 30,00 € inkludiert. Als „regulärer“ Nutzer wird ein Jahresbeitrag fällig, der zwischen 60,00–180,00 € liegt (je nach gewünschter Absicherung, zum Beispiel einer Vollkaskoversicherung mit geringem Selbstbehalt). Für Mitglieder diverser Organisationen (ÖBB-Vorteilscard, ÖAMTC, Studenten, Friends of Merkur) gibt es Ermäßigungen, die eine Jahresmitgliedschaft in jedem Fall unter 40,00 € möglich machen. Weitere Informationen zu diesen Tarifen finden sich auf der Website von Zipcar.

Zu diesen Grundkosten kommen in weiterer Folge noch jene für die Stundentarife (Halbstundentaktung) der tatsächlichen Nutzung des verwendeten Fahrzeugs hinzu, die Bandbreite reicht hier von acht (Kleinwagen) bis zwölf (Minivan) Euro pro Stunde. Sowohl die Kosten für die Mitgliedschaft als auch jene für die tatsächliche Nutzung des Fahrzeugs lassen sich selbstverständlich vollständig steuerlich absetzen, die Rechnungen können sowohl postalisch als auch per E-Mail zugesandt werden und lassen sich auch über das Web abrufen.

Ein kleiner Wermutstropfen, der mir eine kalte Fahrt mit dem Rad einbrachte, ist die Tatsache, dass die notwendigen Unterlagen—die die Kundennummer, die Kundenkarte und, in weiterer Folge, auch die PIN enthalten— auf dem Postweg zugesandt werden, und zwar aufgeteilt in zwei separate Sendungen. Ich war also mit der Tatsache konfrontiert zwar schon meine schöne grüne Kundenkarte zu besitzen, konnte mich aber weder auf der Website anmelden noch ein Auto reservieren, da die PIN noch in der Post war—ein kurzes Telefonat mit der Hotline konnte dieses Problem allerdings rasch lösen.

Reservierung von Fahrzeugen

Reservierungen für alle verfügbaren Standorte können über mehrere Wege getätigt werden: entweder über das Kunden-Webinterface von Zipcar, telefonisch über eine 24/7-Hotline, über eine spezielle Mobilversion der Website oder über eine dedizierte App, die für iOS und Android kostenlos geladen werden kann. Egal welchen Weg man hierfür wählt, das funktioniert alles ganz unkompliziert und ist in der Regel in wenigen Minuten erledigt—Bestätigungs-E-Mail und fertiger Eintrag im persönlichen Kalender inklusive.

Fahrzeugstandorte

Zipcar hat 126 Fahrzeuge in Österreich (Stand 16.02.2014) verfügbar, eine wirklich flächendeckende Versorgung sollte man allerdings nicht erwarten, denn alleine 80 Fahrzeuge stehen im Großraum Wien. In allen größeren Städten kann man zumindest mit einem verfügbaren Fahrzeug rechnen—in Kärnten gibt es zwei Fahrzeuge, jeweils in Klagenfurt und Villach und jeweils in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Die Fahrzeuge sind auf dedizierten Parkplätzen abgestellt, das heisst man muss sich nicht mit der Parkplatzsuche beschäftigen. Obwohl…ein Free-Float-Car-Sharing-System wie in deutschen Großstädten, bei dem man sein Fahrzeug nach Gebrauch nicht an den Ausgangsort zurückbringen muss, hätte schon auch etwas für sich…

Praktische Erfahrungen

Bisher funktioniert für mich alles ganz wunderbar, das ist sicherlich zum Teil auch der Tatsache geschuldet, dass in einer Stadt mit ca. 95.000 Einwohnern im südlichsten Bundesland Österreichs, in der der Besitz eines Autos fast obligat ist, kein großer Andrang besteht—das heisst ich hatte bisher kaum Probleme Reservierungen zu den gewünschten Zeitpunkten zu tätigen, vor allem dann nicht, wenn ich ein bis zwei Wochen vorher weiss, wann ich das Fahrzeug brauche.

Anfangs habe ich meine Reservierungen zeitlich eher großzügig kalkuliert, schließlich müssen auch eventuelle Tankstopps mit einkalkuliert werden, aber auch das pendelt sich ein—und 4,50 € für 30 Minuten zusätzlicher Zeit sind finanziell auch nicht wirklich das große Problem. Für mein Zeitmanagement am Klienten hat sich der enge Zeitrahmen durchaus als positiv herausgestellt, ich kann (und muss) die Einheiten besser planen, weil ich pünktlich weg muss und die Arbeit fühlt sich für mich schlussendlich auch deutlich fokussierter an.

Und falls sich der Chipkartenleser mal von der Windschutzscheibe ablösen sollte—das Fahrzeug wird mit der Kundenkarte entsperrt, die an die Scheibe gehalten wird—dann lässt sich eine Fernaufsperrung durch einen Anruf bei der Hotline veranlassen, sehr beeindruckend, irgendwo drückt jemand auf einen Knopf und 15 Sekunden später geht die Türe auf.

Damit, dass der Aufenthaltsort des Fahrzeugs ständig aufgezeichnet wird muss man als Nutzer leben, datenschutzrechtlich relevante Aspekte bezogen auf Klientinnen und Klienten ergeben sich dadurch aus meiner Sicht nicht, man fährt ja mit dem Auto schließlich nicht durch die Wohnungstür.

Vor- und Nachteile gegenüber einem eigenen Fahrzeug

Ich bin ganz froh, dass ich mich nicht mehr um Treibstoff- und Versicherungskosten und Reparaturen kümmern muss, Einsteigen und Losfahren lautet die Devise. Natürlich braucht man etwas Zeit, um sich an ein „fremdes“ Fahrzeug zu gewöhnen und seine Abläufe im Rahmen der verfügbaren (bezahlten) Zeit effizient zu organisieren—aber ich finde das auch aus ergotherapeutischer Perspektive recht spannend und sehe das als Einladung eigene Handlungsweisen zu reflektieren und zu adaptieren, auch wenn man Kleinigkeiten wie das Nachfüllen der Scheibenwaschanlage im Bedarfsfall natürlich immer noch selbst erledigen muss. Für mich wiegen die Vorteile eindeutig die Nachteile auf, aber ich bin mittlerweile auch sehr ÖPNV-geprägt und verbringe viel Zeit in den „Öffis“, ich habe also nicht das Gefühl meine Zeit zu verschwenden. Einziger Nachteil bisher: ich musste meine Podcast-Abonnements deutlich erweitern beziehungsweise neue Hörbücher anschaffen, damit ich nicht zu viel Radio hören muss, das schafft aber auch wieder interessante Perspektiven zur Wissenserweiterung…

Fazit

Praktikabel, kosteneffizient (zumindest bis zu einer Jahreskilometerleistung von 10.000–20.000 Kilometern) und modern fühlt sich das Experiment bisher an—ich kann aus meiner Perspektive zumindest allen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die eine ähnliche Bedürfnislage wie ich haben, eine Probefahrt ans Herz legen, über Rückmeldungen im Kommentarbereich würde ich mich freuen. Weitere Informationen rund um den Themenkomplex findet ihr im nachfolgenden Linkblock, wer sich gerne tiefergehend in die Materie einarbeiten möchte kann sich auch noch durch die Literaturempfehlungen am Beitragsende klicken.

Weblinks

Weiterführende Literatur


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