Eva Maria Rucker absolvierte im Herbst 2010 die Ausbildung zur Ergotherapeutin. Mit ihren Wurzeln tief im Süden Österreichs verankert, wurde sie von ihren Flügeln über den Atlantik getragen und fand sich im Osten der Vereinigten Staaten wieder. Dort widmet sie sich seit Januar 2011 den Pflichten eines Au-pairs mit therapeutischem Know-How. Zu ihren Schützlingen zählt unter anderem ein 10-jähriger Autist (frühkindlicher Autismus) mit der Vorliebe für Kinderlieder und Straßenkreide. Das Therapieprogramm welches die speziellen Bedürfnisse und den individuellen Entwicklungsverlauf des Jungen berücksichtigt, nennt sich Son-Rise-Programm. In regelmäßigen Beiträgen wird versucht die einzigartige Geschichte dieses Verfahrens interessierten Leserinnen und Lesern näher zu bringen, alltägliche Erlebnisse sowie singuläre oder wiederkehrende Erfahrungen mit dem therapeutischen System und dem „Klienten“ schriftlich festzuhalten und spezifische Aspekte aus einem ergotherapeutischen Blickwinkel zu analysieren.


Man möchte meinen, dass sich die Geburtsstätte eines Therapieprogramms in einer renommierten therapeutischen Institution, einer legendären Universitätsklinik oder im privaten Kreis von populären Professoren, mit Unmengen von Zertifikaten und Auszeichnungen als stille Augenzeugen des Momentes, neugierig von den Wänden glotzend, befindet. Diese Umstände mögen eventuell auf diverse Verfahren zutreffen, nicht jedoch auf das Son-Rise-Programm.

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde bei einem kleinen Jungen im Osten Amerikas die Diagnose „Autismus“ gestellt. Mit einem IQ unter 30 und nur einem Jahr alt, fiel dieser Junge durchs Raster der damals möglichen medizinischen und therapeutischen Interventionsmöglichkeiten. Viele Hospitäler und Kinderpraxen versprachen Hilfe, zwar nicht jetzt und heute, aber möglicherweise in zwei bis drei Jahren, je nach Verlauf der Krankheit und abhängig vom Entwicklungsprozess des Patienten. Für die Eltern, Barry und Samahria Kaufman, eine düstere Diagnose mit einer mehr als niederschmetternden Prognose. Nach unzähligen schlaflosen Nächten der Recherche und des Pläneschmiedens beschloss das Ehepaar das Schicksal, welches andere verfluchten, bei der Hand zu nehmen und kopfüber in eine neue Welt einzutauchen. In die Welt eines kleinen Kindes, welches das Tellerdrehen nahezu perfektionierte und das Körperschaukeln zur Eigenstimulation nutzte. Wenn es für Raun unmöglich war, seinen exklusiven Kosmos zu verlassen, dann wollten die Kaufmans beginnen, die Brücke von ihrer Uferseite aus, zu bauen.

Das Badezimmer wurde kurzer Hand als „Spielzimmer“ umfunktioniert und dort verbrachte die Mutter des Jungen unzählige Stunden des exakten Imitierens aller Bewegungen ihres Sohnes. Mit Liebe, Einfühlungsvermögen, grenzenloser Geduld und dem sokratischen Dialog als eine der wichtigsten Prinzipien des Therapieprogramms wurde aus dem Imitieren Interaktion, aus den stereotypen Wortfetzen verständliche Sätze. Drei Jahre später konnte kein Pädiatrieexperte oder Neuropsychologe Anzeichen von Autismus oder sonstigen Entwicklungsverzögerungen feststellen. Raun war geheilt.

Im Laufe der Zeit verbreitete sich die Geschichte der Kaufmans. Immer mehr Familien mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen (vorwiegend Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen) wandten sich hoffnungsvoll hilfesuchend an die Son-Rise-Eltern. Um dem großen Andrang gerecht zu werden, gründeten Barry und Samahria Kaufman schließlich das Option Institute in Massachusetts. Dort oder als Gastdozent an diversen Universitäten, Hospitälern oder Lehrzentren halten die beiden Vorträge und bieten unterschiedliche Arten von Fortbildungsseminaren an (sowohl für den Einzelnen zur persönlichen Weiterentwicklung, oder aber auch für betroffene Familien, welche sich für das Son-Rise-Programm interessieren). Raun Kaufman ist in der Zwischenzeit erwachsen geworden, studierte biomedizinische Ethik an einer amerikanischen Eliteuniversität und ist heute der Leiter des Option Institutes.

Quelle

  • Kaufman, Barry, Neil: Son Rise / The Miracle continues, Novato, California, 1993

Weblinks

Redaktionelle Anmerkung

Die aktuelle Forschungslage zur Effektivität des Son-Rise-Programms ist zurzeit nicht eindeutig, wissenschaftliche Arbeiten hierzu existieren kaum, in diversen Diskussionsforen wird der Ansatz nach Son-Rise durchaus kontrovers diskutiert. Die Erfahrungen einer Berufskollegin aus erster Hand können zumindest Einblicke ermöglichen und persönliche Erfahrungen darlegen, die in Zusammenhang mit diesem Ansatz über einen längeren Zeitraum beobachtbar sind. Wir freuen uns über zahlreiche Kommentare und Erfahrungsaustausch von Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die mit der Arbeit mit Klientinnen und Klienten im Bereich Autismus eigene Erfahrungen einbringen können.

Update 28.03.2011: Zusätzliche Informationen

Autismus bzw. den Umgang damit und das Erleben von Betroffenen mit den Einschränkungen, die mit der Diagnose einhergehen, kann man auch lesen, und zwar auf dem Weblog Realitätsfilter, das seit Anfang 2010 Einblicke in die tatsächliche Lebenswelt von Autistinnen und Autisten gewährt. An und für sich schon sehr interessant, sind die Aspekte, die sich auf die Bereiche Partizipation (am sozialen Leben) beziehen, für Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten die mit Menschen mit Autismus arbeiten praktisch Pflichtlektüre. Querdenkender, der diesen Beitrag auch ausführlich kommentiert hat, verfasst dort Gastbeiträge in der Rubrik Autismus quergedacht. [Markus]


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