Eva Maria Rucker absolvierte im Herbst 2010 die Ausbildung zur Ergotherapeutin. Mit ihren Wurzeln tief im Süden Österreichs verankert, wurde sie von ihren Flügeln über den Atlantik getragen und fand sich im Osten der Vereinigten Staaten wieder. Dort widmet sie sich seit Januar 2011 den Pflichten eines Au-pairs mit therapeutischem Know-How. Zu ihren Schützlingen zählt unter anderem ein 10-jähriger Autist (frühkindlicher Autismus) mit der Vorliebe für Kinderlieder und Straßenkreide. Das Therapieprogramm welches die speziellen Bedürfnisse und den individuellen Entwicklungsverlauf des Jungen berücksichtigt, nennt sich Son-Rise-Programm. In regelmäßigen Beiträgen wird versucht die einzigartige Geschichte dieses Verfahrens interessierten Leserinnen und Lesern näher zu bringen, alltägliche Erlebnisse sowie singuläre oder wiederkehrende Erfahrungen mit dem therapeutischen System und dem „Klienten“ schriftlich festzuhalten und spezifische Aspekte aus einem ergotherapeutischen Blickwinkel zu analysieren.


Seit ich meinem letzten Blogbeitrag Leben einhauchte und ihn somit der Öffentlichkeit preisgab, hat sich viel getan. Meine Gastfamilie beschloss, sich ein zweites Au-pair anzuschaffen – ich denke, dass dies aus mehreren Gründen geschah: Es verschafft dem „Spielteam“ eine längere Verschnaufpause zwischen den Spielraumeinheiten, ermöglicht Zeit zur Planung und Vorbereitung von unterschiedlichen Ideen und Materialien und bietet mehr Entlastung im Alltag bei der Hausarbeit und diversen Erledigungen (Einkäufe, Sport- und Schulaktivitäten von Williams Schwester).

Im vergrößerten Team…

Strand in Rhode Island bei SchönwetterDie Vorteile – sowohl für die Eltern als auch für William – lagen klar auf der Hand. Neben dem zweiten Au-pair, welches keine medizinisch-therapeutische Berufsausbildung aufweist (sich jedoch dem Son-Rise-Training unterzog), fanden auch drei bezahlte „Freiwillige“ den Weg in unser Team. Man möchte nun meinen, das wäre genug Veränderung im Leben des kleinen Menschen mit der Vorliebe für Straßenkreide und Wachsmalstifte, doch was soll ich sagen… falsch gedacht! Wir verbringen nun unseren Sommer (die Familie mit den zwei Au-pairs) im kleinsten Staat der Vereinigten Staaten. Rhode Island.

William war immer schon ein Liebhaber des Ozeans (je kälter das Wasser und je höher die Wellen, umso besser), die letzten Sommer verbrachte er jedes Wochenende am Strand in Rhode Island. Schnell war klar, auch dieses Jahr soll sich das nicht ändern. Um uns allen jedoch permanentes Be- und Entladen des Wagens, wahnwitzige Autofahrten und schier endlose Verkehrsstaus (vor allem rund um New York City) zu ersparen, hat sich die Familie über die Sommermonate ein Haus im Westen des Ministaates gemietet.

Eingewöhnung und Zeitplanung

Natürlich bestand die Herausforderung nun darin, Son-Rise und das Meer zu einer einzigartigen, erlebnisreichen und entwicklungsfördernden Mischung zusammenzuschmelzen. Zu Beginn des Aufenthaltes wurde der Zeitrahmen des primären Spielraum-Therapieprogrammes adaptiert. William verbringt nun drei Stunden täglich im Spielraum (von halb neun Uhr morgens bis halb 12 Uhr mittags). Im Vergleich dazu waren es bis zu acht Stunden am Tag in New Jersey. Dies lässt sich problemlos auf zwei Einheiten zu je 90 Minuten aufteilen. Die Eingewöhnungsphase für William bezüglich all dieser Umstellungen, vor allem aber hinsichtlich der ungewohnten Spielraumumgebung dauerte seine Zeit, doch ich wage zu behaupten, dass er nach ca. zwei Wochen routiniert den Tag durchlebte.

Die Nachmittage werden am Strand verbracht, an einem Privatstrand mit einer familieneigenen Cobana. Darunter versteht man einen kleinen Raum mit Umkleidekabine, Stauplatz für Strandspielzeug und Badetücher, Kühlschrank und Mikrowelle, inklusive einem Tisch im Außenbereich der Cobana sowie Zugang zu Toiletten und Duschen. (Jaja, hier lässt es sich durchaus aushalten…).

Vor ein paar Tagen besuchte uns ein „Child-Facilitator“ vom Son-Rise-Institut und verbrachte den Tag mit uns am Strand. Von ihr bekamen wir Tipps und Expertenvorschläge, wie man auch den Tag am Meer mit dem Spielraumkonzept vereinen kann. Für mich persönlich waren diese Stunden sehr lehrreich. Es war mir möglich gewisse Verhaltensweisen meinerseits zu entknoten und bestimmte Situationen durch einen Wechsel des Blinkwinkels in ein positiveres Licht zu tauchen. Hier nun ein paar, auf mich persönlich bezogene Beispiele.

Verbesserungsvorschläge vom Child Facilitator

  • Strandkleidung: Umziehen vermeiden. Ich suchte mir Kleidung aus (Shorts und Neopren-Shirt), mit dem ich sowohl schwimmend im kalten Wasser, sitzend und laufend am Strand, als auch malend oder lesend am Cobanatisch „spielen“ kann, ohne zwischendurch die Kleidung wechseln zu müssen.
  • Augenkontakt: Um den Augenkontakt zu verbessern, soll ich während unseren Spieleinheiten, gezielt Objekte in die Nähe meiner Augen bringen. Beispielsweise wenn wir eine Sandburg bauen, kann ich zwei Sandschaufeln in Augenhöhe platzieren und ihn fragen, welche der beiden er denn benutzen möchte. So ist es für ihn einfacher, wenn er einen Blick auf die Schaufeln riskiert, Blickkontakt mit mir aufzubauen.
  • Zurückrufen: Ich hatte mir angewöhnt, wenn William sich von einer Interaktion mit mir zurückzog (exklusiv wurde), oder wenn er einfach aufstand um sich anderweitig zu beschäftigen, ihn ziehen zu lassen und ihn zu „joinen“. Der Child Facilitator hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich ihn durchaus zwei oder drei Mal spielerisch zurückrufen kann, und wenn er dann immer noch nicht kommt, kann ich mich ihm anschließen. Unsere durchschnittliche Interaktionsdauer hat sich seitdem extrem verbessert.

Sand und Meeresalgen

Strand in Rhode Island bei SchlechtwetterWie alle Kinder ist William sehr neugierig und versteht es hervorragend, bei seinen Mitmenschen „gewisse Knöpfe“ zu drücken. Manchmal (und das sind hier nur meine persönlichen Vermutungen, denn wirklich fragen kann ich ihn ja [noch] nicht) wahrscheinlich aus Gewohnheit, Langeweile, ein anderes Mal aus Neugierde, Nervenkitzel oder einfach aus Spaß an der hervorgerufenen Reaktion  des Umfeldes. Ich weiss es nicht genau. Aber es gab eine Zeit in der William, vor allem in meiner Gegenwart vermehr Sand (und wenn im Wasser) Meeresalgen aß. Zuallererst dachte ich mir nichts Besonderes dabei. Vielleicht wollte er die kernige Struktur des Sandes oral erfahren oder war vom salzigen Geschmack der Algen angetan. Jedes Mal wies ich ihn verbal darauf hin, dass das nicht gut für seinen Magen sei, und wir ja, wenn er hungrig sei, gerne zur Cobana hochgehen könnten um dort einen Apfel oder eine Reiswaffel zu essen. Williams kulinarische „Essperimente“ mit Sand und Algen führten schließlich zu einem erheblichen Verdauungsproblem, die einen Strandbesuch am darauffolgendem Tag meist unmöglich machten. Beim nächsten wöchentlichen, familieninternen Teammeeting wurde schnell klar, dass ich eine der Personen war, bei denen William dieses besondere Verhalten an den Tag legte. Bei seinem Vater und Artur (dem zweiten Au-pair) blitzte diese Eigenart zwar kurz durch, wurde aber nach ein paar Tagen wieder eingestellt. Wir beschlossen also, jedes Mal, wenn wir Zeuge dieses Schauspiels wurden, mit William wieder zur Cobana zurückzukehren und uns ca. zehn Minuten mit Malen oder Lesen zu beschäftigen.

Als auch das nicht wirklich half versuchte ich, während der nächsten sandig-salzigen Situation mit dem kleinen Mann konzentriert in mich hineinzuhorchen. Irgendeinen Grund, irgendeine Reaktion meinerseits musste ihn jawohl dazu bewegen mit diesem Benehmen weiterzumachen. Nachdem er nun eines Nachmittages vor mir stand, mir bewusst in die Augen schaute, den Blickkontakt auch nicht abbrach als er sich bückte, eine Handvoll Sand schöpfte, sich wieder aufrichtete und anfing das körnige Gestein von seiner Hand zu lecken und zu kauen während er mich mit seinen Augen fixierte, wusste ich es war Zeit für einen Dialog.

Wie in einem meiner vorangegangenen Artikel bereits erwähnt, benutzt die Son-Rise-Philosophie zur Lösung von diversen Denkblockaden, als Methode zur Findung, Benennung und Umkehrung von unterschiedlichen Attitüden oder zur Identifikation – und gegebenenfalls Änderung – persönlicher Wert- oder Moralvorstellungen, eine Art von sokratischem Dialog. Das Endresultat dieses intensiven, halbstündigen Gesprächs war folgendes. Mir wurde klar, dass ich William um jeden Preis im Wasser sehen wollte. Ich wünschte mir, dass er Spaß hat und den Sommer genießen kann. Jedes Mal, wenn er also zu Sand und Algen griff, sträubte sich ein Teil von mir, ich wollte unbedingt die damit verbundene Konsequenz, nämlich den Cobanaaufenthalt, vermeiden. Als mir jedoch bewusst wurde, dass William nun sicherlich, dank unzähliger Prozedurwiederholungen, weiss was auf ihn zukommt, wenn er Algen oder Sand verspeist, und es somit ganz und gar seine eigene Entscheidung ist die nächsten Minuten malend oder lesend unter einem Sonnenschirm zu verbringen, dem kühlen Nass den Rücken zu kehren, fühlte ich mich um Welten besser. Das unwohle Gefühl löste sich auf, wenn William den Nachmittag eben malend verbringen möchte, sollte mir recht sein. Nachdem ich mich von meinem flauen Gefühl, das William aus mir herauskitzelte, lösen konnte wurden die berüchtigten „Essperimente“ nach einigen nüchternen, beinahe halbherzigen Repetitionen nicht mehr gesehen.