Eva Maria Rucker absolvierte im Herbst 2010 die Ausbildung zur Ergotherapeutin. Mit ihren Wurzeln tief im Süden Österreichs verankert, wurde sie von ihren Flügeln über den Atlantik getragen und fand sich im Osten der Vereinigten Staaten wieder. Dort widmet sie sich seit Januar 2011 den Pflichten eines Au-pairs mit therapeutischem Know-How. Zu ihren Schützlingen zählt unter anderem ein 10-jähriger Autist (frühkindlicher Autismus) mit der Vorliebe für Kinderlieder und Straßenkreide. Das Therapieprogramm welches die speziellen Bedürfnisse und den individuellen Entwicklungsverlauf des Jungen berücksichtigt, nennt sich Son-Rise-Programm. In regelmäßigen Beiträgen wird versucht die einzigartige Geschichte dieses Verfahrens interessierten Leserinnen und Lesern näher zu bringen, alltägliche Erlebnisse sowie singuläre oder wiederkehrende Erfahrungen mit dem therapeutischen System und dem „Klienten“ schriftlich festzuhalten und spezifische Aspekte aus einem ergotherapeutischen Blickwinkel zu analysieren.


Einleitung

Manchmal ist das Leben schon komisch. Würde man mich auf der Straße ganz ungezwungen nach Williams Fortschritt fragen, würde ich zu aller Erst einmal grinsen. Anschließend verließen solch banale Phrasen wie:“ Ach ja, eigentlich eh ganz positiv. Ist jetzt viel umgänglicher, kann sich besser mitteilen und so….“ meinen Mund. Doch nun, durch das Verfassen dieser Artikelserie ist es mir möglich nochmals all die, manchmal sehr nichtig scheinenden, jedoch enorm wirkenden, Veränderungen vor meinem geistigen Auge durchzugehen, sie in ihre Details und Einzelschritte zu zerkauen um sie schließlich verständlich und zusammenfassend durch die Tastatur „zu Papier“ zu bringen. Einfach herrlich. Vor allem deswegen, weil viel, viel mehr als vorerst angenommen mit William geschah und mich erst dieses Resümee die Dinge in ihrer Gesamtheit erkennen lässt.

Die Themen die ich in diesem Beitrag ansprechen möchte, sind folgende:

  • Dauer der sozialen Interaktion
  • Essverhalten/Verhalten in der Nähe von Nahrungsmittel
  • Zeichen-, Malfähigkeiten
  • Verbale Kommunikation
  • Gewicht

Dauer der sozialen Interaktion

Dank der schriftlichen Dokumentation nach jeder erfolgten Einheit ist eine deutliche Verlängerung der sozialen Interaktion feststell- und nachlesbar. Natürlich gibt es nun wieder Tage, an denen sich William zurückzieht und sein Interesse an Gesellschaft oder gemeinsamen Spiel eher bescheiden ist.  Nichtsdestotrotz ist die durchschnittliche Interaktionsdauer von ca. drei bis vier auf ca. sechs bis sieben Minuten gestiegen.

Essverhalten/Verhalten in der Nähe von Nahrungsmittel

Zeichnung von William

Abbildung 1

Während den ersten Monaten meines Aufenthaltes bewies ein Familienmitglied viel Wagemut (oder geistige Nachlässigkeit) indem es, freiwillig oder unfreiwillig sei dahingestellt, Essen sichtbar im Haus platzierte. Seien es die noch rohen Kartoffeln für das Abendessen, die man am Küchentresen positionierte  um anschließend in der Vorratskammer die Zwiebeln zu suchen, eine Müslipackung am Esstisch, während man im Kühlschrank die Milch findet, oder frisches Gebäck zum Auskühlen ans Fenster stellt (ja, wie naiv man doch sein kann), wenn William etwas Essbares sah, stürzte er sich drauf wie ein unglücklich verliebtes Menschlein (offensichtlich ein unglücklich verliebtes Menschlein mit dem Hormonspiegel eines 16-jährigen Teenagers) auf die neueste Josh Groban-CD. Durch viel Geduld, Konsequenz und Arbeit konnte dieses Verhalten in den Griff gebracht werden. Meiner Meinung nach war es ein reines Kontrollverhalten von Williams Seite aus, dem man am besten so gleichgültig wie möglich gegenübertrat. Es war wichtig ihm zu zeigen, dass der hastig, gierige Verzehr von diversen Lebensmitteln ihm nicht das gibt, was er eigentlich haben möchte. Wir ziehen trotzdem die Jacke an, wenn wir rausgehen, räumen trotzdem die Bücher vom Boden auf, bevor wir das Puzzle bauen,…

Mit einfachen verbalen Aussagen wie „Close the fridge please, it’s not dinner time yet“ oder „You had your snack, if you want to you can have some ice-water“ ließen sich die Situationen ohne großen Aufwand entschärfen.

Zeichen- und Malfähigkeiten

Zeichnung von William

Abbildung 2

In diesem Aspekt fand meiner Meinung nach die intensivste Entwicklung statt. Es ist faszinierend zu beobachten, wie leicht sich William für Papier und Stift begeistern kann. Seien es nun Buchstaben, Zahlen oder simple Ausmalbücher. Beschäftigt man sich nun mit einem seiner Kunstwerke etwas genauer und vergleicht sie eventuell mit älteren Bildern, kann man feststellen, dass sich die Art zu malen verändert hat. Handelt es sich zum Bespiel nun um ein Ausmalbild ist deutlich zu erkennen, dass William seine „Anmaltechnik“ auf das vorgegebene Bild  fokussiert. Vor ein paar Monaten wurden Ausmalbilder und leeres weißes Papier auf die selbe Art und Weise bearbeitet, doch nun ist eine deutliche Konzentration der Farbe auf das Motiv bzw. dessen unmittelbare Nähe erkennbar. Auch die ersten Anfänge einfacher Muster (M’s und W’s bzw. Zick-Zack-Strichführung und Kreise sowie Spiralen) lassen sich auf seinen Bildern wiederfinden.

William liebt es, wenn er seine Hand auf meine legen kann und wir so zusammen ein Bild malen bzw. einen Namen schreiben. Lege ich jedoch meine Hand über seine, zieht er die Hand zurück und marschiert davon. Ob es daran liegt, dass ich ihm die Kontrolle nehme, oder er einfach die Berührung nicht mag (wobei er es hingegen genießt, wenn seine Hände gepresst und abgeklopft werden), weiss ich nicht, aber es ist momentan nun mal Teil unserer Mal-Zeremonie.

Ebenfalls verändert hat sich seine Bereitschaft beziehungsweise Fertigkeit einfachste Anweisungen während des Malvorgangs zu befolgen. Wenn ich beispielsweise vorschlage, er könnte doch die Sonne gelb oder den Schmetterling blau anmalen, konzentriert er seine Malaktivität in den gewünschten Bereich. William bleibt natürlich nicht innerhalb der Linien, aber die Sonne und deren näherer Umkreis werden gelb. Vor ein paar Monaten liess sich ein gerichtetes Ausmalen weder verbal noch nonverbal einleiten. Anbei zwei unserer Bilder als Anschauungsmaterial.

  • Zu Abbildung 1: Wald, Berge und Sonne. Ich bat ihn, zuerst die Sonne und dann den Wald auszumalen
  • Abbildung 2: Sonne und Schmetterling. Auch hier folgte er der verbalen Anweisung und malte die Sonne aus.

Verbale Kommunikation

William „spricht und redet“ (verbale Lautbildung, teilweise schrilles Kreischen, repetitive Lautgebung wie „bababababa“,  „uiuiuiuiuiui“) viel, wenn er für sich allein ist – meistens wenn er nachts im Bett liegt und noch  nicht eingeschlafen ist, oder wenn wir spazieren gehen. Fordert man ihn aktiv auf, etwas zu sagen, bleibt die Antwort jedoch aus. Durch die SonRise®-Mentalität, welche in der ganzen Familie gelebt wird, besteht für William primär auch kein Grund Wörter oder spezifische Laute konkret zu lernen, denn alles wird gepriesen und wertgeschätzt was aus seinem Mund kommt. Und William ist vorhersehbar, weil er sich nun mal an eine Routine gewöhnt hat. Fängt er an am späten Nachmittag Richtung Kühlschrank zu marschieren um davor stehen zu bleiben und fragt man ihn anschließend was er denn wolle, wird man „ehhh“ als Antwort bekommen. Und diese Antwort wird dann als das interpretiert, was man weiss, dass es bedeutet (wie in diesem Fall den heißbegehrten Fruchtsaft mit den Vitaminpillen, denn er jeden Tag um diese Uhrzeit erhält), oder was man glaubt dass es bedeutet (wenn er vor dem Spielzeugschrank steht und zu den Puzzles hochzeigt).

Gewicht

Obwohl dieser Punkt auf den ersten Blick ergotherapeutisch minder relevant erscheint, hat er jedoch meiner Meinung nach viel mit Lebensqualität (deren Verbesserung und Erhaltung sich die Ergotherapie verschrieben hat) zu tun. Über die Sommermonate hat William ca. 15kg abgenommen. Der Hauptgrund dafür waren wohl die Nachmittagsstunden, die er glucksend-schwimmend im Meer verbrachte. Er gewöhnte sich an die Bewegung und auch nachdem wir dem Meer den Rücken kehrten und somit mehr oder weniger erneut dem Alltagstrott verfallen sind, ist es viel einfacher William für eine Radtour in der Nachbarschaft, einen Spaziergang durch das nahegelegene Wäldchen oder für Trampolinspringen im Garten zu motivieren. Er ist aktiver und in seiner grobmotorische Geschicklichkeit sind definitiv Fortschritte zu erkennen. Es ist ihm nun möglich ohne Starthilfe mit dem Rad loszufahren, selbständig aufs und vom Trampolin zu klettern (durch ein Sicherheitsnetz hindurch) und es war mir möglich ihm beizubringen, dass sich das Fahrrad einfacher schieben lässt (z.B. In die Garage die Einfahrt hoch) wenn man sich mit beiden Füssen auf einer Seite des Rades befindet und nicht wie im Watschelgang (einer Ente gleich) das Rad manövriert.