Im funktionellen Bereich der Ergotherapie stellt die Narbe einen wichtigen Aspekt in der Behandlung dar – doch was ist eine Narbe und warum kann sie ein Problem bei der alltäglichen Bewegung darstellen? (Artikelbild von Bettina Tscheliesnig)

Physiologie der Wundheilung

Sekunden nach jeder Verletzung setzt die Wundheilung ein. Die Wundheilung wird in 3 Phasen eingeteilt (in der Literatur zur Wundheilung findet man fallweise auch 5 Phasen).

Wir als Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sollten wissen, was wir dem neu gebildetem Gewebe in jeder Phase zumuten dürfen und sollen.

Der Kollagengehalt in der Wunde steigt in den ersten drei Wochen schnell an und bleibt dann in etwa konstant. Nach drei Wochen weist eine genähte Hautwunde 15 % ihrer endgültigen Reißfestigkeit auf, nach sechs Wochen ca. 50 %. Therapie…alles klar! Aber was tu‘ ich mit dieser Wunde?

Die Narbe: Regeneration, Adhäsion und Assessments

In der Regenerationsphase kommt es zum Wundverschluss. Dieser entsteht durch Neubildung von Oberflächenzellen (Epithelisierung) und zu 1/3 durch Schrumpfung der Narbe. Das bedeutet das für die Bewegung „weniger“ Weichteil zur Verfügung steht.

Palmares Narbengeflecht an der linken HandDas Narbengewebe besteht aus ungeordneten kollagenen Fasern. Unsere Aufgabe ist es diese in der Orientierung zu unterstützen, das heisst: Die Fasern sollen sich nach der Zugrichtung des Gewebes ausrichten um die größtmögliche Elastizität zu erhalten. Je höher die Elastizität der Narbe desto mehr Bewegung wird zugelassen. Narben an Stellen mit geringer Belastung werden im Alltag, bei Bewegung nicht stören, beziehungsweise wird deren Schrumpfung keine funktionelle Beeinträchtigung mit sich bringen, im Unterschied zu Narben in spannungsstärkeren Bereichen oder Gebieten die eine große Bewegungsspanne zulassen müssen, zum Beispiel der Hand.

Eine Narbe kann auf viele verschiedene Weisen im Alltag stören:

  • durch ihr Aussehen
  • durch eine Verklebung (Adhäsion) mit dem Untergewebe
  • durch ihre Funktionsbeeinträchtigung und daraus resultierender Bewegungseinschränkung im Alltag
  • durch Hypo- und Hypersensibilität
  • durch die Erinnerung an das Trauma bei der Verletzung das zu angstbesetztem „Nicht-Gebrauch“ der Hand im Alltag führen kann

Als Assessment gut geeignet ist die Patient and Observer Scar Assessment Scale (POSAS), mit der die Entwicklung der Narbe gut evaluiert werden kann. Die POSAS ist kostenlos verfügbar, allerdings bisher nur in Englisch. Sie ist als Instrument valide und reliabel und kommt bei Studien zum Thema „Narbe“ als Evaluationsinstrument zum Einsatz.

Ergotherapeutische Narbenbehandlung

Die Behandlung der Narbe beginnt in der Regel sehr früh, eine gute Wundheilung und das damit verbundene Wundmanagement stellt eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Narbe dar – dass heißt, das eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit vonnöten ist.

Bevor die Nähte entfernt werden, zu diesem Zeitpunkt wird noch von einer Wunde gesprochen, kann man bereits mit entfernten Gewebsbehandlungen anfangen. Zusätzlich kommt es durch das Bewegen der Hand zu Verschiebungen der Hautpartien, Kontrakturen und Verklebungen werden verringert beziehungsweise verhindert, das Repräsentationsfeld der Hand im Gehirn bleibt erhalten. Die Behandlung auf der Narbe selbst hängt immer von der Beschaffenheit des Narbengewebes und der Reaktion auf die Manipulation ab.

Zu Beginn verschiebt man das Gewebe zur Narbe hin, bei steigender Reißfestigkeit und gutem Hautzustand kann bereits mit höherem Druck gearbeitet und auch Querverschiebungen durchgeführt werden.

Hilfsmittel zur ergotherapeutischen Narbenbehandlung

Zur Narbenbehandlung werden viele Hilfsmittel angeboten, unter anderem:

Unterstützend können Silikoneinlagen, Kompressionsauflagen aus individuell angepasstem Elastomer und Schienen zur Behandlung von Narben eingesetzt werden (siehe auch die Bildergalerie am Ende des Beitrags).

Wichtig bei der Narbenbehandlung ist die regelmäßige Beobachtung der Narbe, des umliegenden Gewebes und eine nachvollziehbare Dokumentation & Evaluation des Therapieverlaufs mit Klientinnen und Klienten.

Wir Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten behandeln nicht nur die Narbe auf verschiedenste Art & Weise sondern unterstützen Klientinnen und Klienten auch darin, die Hand im Alltag wieder zu integrieren, zum Beispiel Maßnahmen wie mit De- und Sensibilitätstraining, Feinmotoriktraining, Einüben von Bewegungen, Bewegungsabläufen und Handlungen aus dem individuell bedeutsamen Alltag.

Aber das ist doch alles klar, oder?

Literatur

Bettina Tscheliesnig ist seit 2004 Ergotherapeutin in Klagenfurt und nach jahrelanger Tätigkeit in der Psychiatrie seit mehreren Jahren spezialisiert auf den Bereich Handchirurgie, sowohl in ihrem klinischen als auch in ihrem freiberuflichen Arbeitsleben—Website

Bildergalerie


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