Schuhe und Jacke ausziehen, so beginnt die Therapiestunde. Der nächste Satz ist dann meist

„Und zieh bitte deine Hose aus, damit du dich auch gut bewegen kannst.“

Falls das Herumturnen in der Unterhose oder Strumpfhose dem Kind nicht sofort anerzogen beziehungsweise erlernt peinlich ist, kommt die Erkenntnis teilweise auch von der Mutter oder dem Kind selbst. Denn nicht selten besteht die Beinbekleidung auch schon bei sehr jungen Klientinnen und Klienten (ca. 3-jährig) aus oftmals engen Jeans. Diese festen Jeans ermöglichen meines Erachtens keine freie Hüftgelenksbewegung. Meist wird es bereits im Schneidersitz oder in der Grätsche ersichtlich, oder wie kann dadurch ein Yogasitz funktionieren? Der Zwischenfersensitz funktioniert, weil die Innenrotation und Adduktion der Beine durch die eng sitzende Hose nicht eingeschränkt ist. Auf Dauer sollte die auch W-Sitz genannte Positionierung aber in dynamischere Ausgangslagen gewandelt werden.

Ich hab mein Unverständnis über diesen Kleidungsstil im Kindergartenalter den anwesenden Eltern kund getan und viele sind zumindest für die Therapieeinheit auf Jogginghosen gewechselt. Mir wurde aber auch mitgeteilt, dass man wenig gute Hosen in einem etwas lockeren Stoff für Kinder in diesem Alter bekommt. Für Mädchen wäre es anscheinend leichter, weil das Tragen von Leggings zumindest gesellschaftlich gerade trendig ist. Und ja, ich bestätige, mehrheitlich sind es Jungs, die ich auch im Alltag mit engen Jeans und Hüften herumlaufen sehe. Denn nicht nur in der Therapie geht es um lockeres freies Bewegen in der Körpermitte und im Hüftbereich. Auch im alltäglichen Spiel, beim Laufen, beim Klettern und beim Überwinden von diversen Hindernissen sollte ein freies Bewegen von Seiten der Hose ermöglicht werden. Das ist die hauptsächliche Aufgabe auch im Kindergarten oder am Spielplatz, dass die Kinder die Umwelt erforschen. So manchen Baum zu erklimmen stell’ ich mir einfach schwierig vor in Denim, vor allem wenn ich an mein persönliches Empfinden und meinen Bewegungsspielraum beim Tragen einer frisch gewaschenen Jeans denke. Dabei will ich natürlich nicht der Coolness im Wege stehen, aber ist das heute überhaupt noch so, oder ist der Markt an Kinderhosen wirklich beschränkt?

Mit Jeans im Therapieraum

Auch im Rollstuhl sitzende Kinder, häufig aufgrund einer Spastik, sind immer wieder auch in Jeans anzutreffen. Nun ist schon von körperlicher Seite ein hoher Tonus in den Hüften beobachtbar, die Beine sind meist eng aneinander, die Füße teilweise überkreuzt. Die Jeans unterstützt meines Erachtens in manchen Fällen diese angespannte Situation. Zudem ist beobachtbar, dass ein freies, koordiniertes Krabbeln bei kleinen Kindern mit Jeans eingeschränkt erscheint. Bevorzugt wird dann häufig ein beidbeiniges Vorrutschen. Die Überlegungen zur Koordination gehen weiter, wenn man ans Stiegen steigen denkt. Die Jeans ermöglicht das Erklimmen einer Stufe oft in nur kleinen Abständen und zudem mit Zuhilfenahme einer starken Innenrotation, die eventuell die Stabilität auf der Treppe gefährdet.

Dies soll kein Plädoyer für Leggings oder Jogginghosen sein, auch keine Anfeindung der populären Jeans, es sind reine Beobachtungen aus dem Praxisalltag und meine Gedanken dazu. Danke fürs Lesen und Weiterdenken.

P.S.: Der Internationale Jogginghosen-Tag ist übrigens jedes Jahr am 21. Jänner.

Bettina Hutterer ist seit 2002 Ergotherapeutin und nach ihrer klinischen Tätigkeit in den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie seit 2009 freiberuflich in freier Praxis, vorwiegend im Fachbereich Pädiatrie tätig—Website