Vielleicht haben einige von euch Ähnliches während der Ausbildung erlebt: Man sitzt in einem Raum mit einem Haufen Papier (Tonpapier, Zeitungsausschnitte, Kataloge), soll sich ein Thema überlegen…und zu diesem mit dem vorhandenen Material ein Mosaik, ein Plakat oder eine Skulptur gestalten. Eins gleich vorweg: in der Akutpsychiatrie ist eine so weit gefasste Aufgabenstellung aufgrund der, in der Regel heterogenen Klientel, nicht unbedingt praktikabel. Dass Gruppen und Gruppenangebote in diesem Bereich stärkere Struktur benötigen wissen alle, die bereits persönliche Erfahrung mit der „bunten Mischung“ Akutpsychiatrie sammeln konnten.

Ich biete im Rahmen meiner klinischen Tätigkeit mehrmals pro Jahr die Anfertigung eines themenzentrierten Mosaiks aus Tonpapier als niederschwellige Gruppenbetätigung an, ein Angebot das bisher von meinen Klientinnen gut angenommen wurde. Das Angebot gliedert sich in mehrere Teilschritte, die nachfolgend genauer erläutert werden. Bei allen Schritten steht die Interaktion untereinander und mit dem therapeutischen Personal sowie der möglichst große Eigenaktivitätsanteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Mittelpunkt. Die Zeitangaben für die einzelnen Teilschritte sind als grobe Richtwerte zu verstehen und können je nach Gruppenzusammensetzung stark variieren.

Akutpsychiatrische Vorteile

Die Gestaltung dieser Gruppenaktivität bietet den wesentlichen Vorteil, dass für Klientinnen und Klienten keine Verletzungsgefahr besteht und sie somit, die entsprechende räumliche Infrastruktur vorausgesetzt, auch am Wochenende oder am Spätnachmittag vom interdisziplinären Behandlungsteam die Möglichkeit erhalten können, das Angebot auch in diesen Zeiten zu nützen. Zusätzlich stehen während der ergotherapeutischen Gruppe durch die repetitive Handlung des Aufklebens der Mosaiksteine meist genügend kognitive Ressourcen zur Verfügung um individuell verschiedene aktuelle Entwicklungen anzusprechen und Motivations- beziehungsweise Reflexionsgespräche zu führen.

Notwendiges Material

  • Pack- oder Plakatpapier, Format A0 oder A00
  • Weisses Papier, Format A4 und/oder A3
  • Zeichenblockpapier
  • Tonpapierbögen in verschiedenen Farben
  • Klebestifte (zum Beispiel UHU-Stic)
  • mehrere Schüsseln, Körbe oder andere Behältnisse zur Aufbewahrung von bereits abgerissenen Mosaiksteinen
  • verschiedene Blei- und Buntstifte
  • Spitzer

Aufbau der Gruppe

1. Themenfindung

Dauer: eine Einheit (60 Minuten)

Eine thematische Eingrenzung kann zielführend sein, in einer kurzen Phase frei fluktuierenden Gesprächs am Anfang der Einheit lässt sich meist gut abschätzen, wie viel Struktur und Vorgabe die Gruppe bei diesem Schritt benötigen wird. Bei stark eingeschränktem Interaktionsniveau in der Gruppe kann eine enge Eingrenzung (wie zum Beispiel auf eine Jahreszeit: „Frühling“) sinnvoll sein und einen Ankerpunkt in der Konversation darstellen. Das Ziel dieser Phase ist die Einigung auf das zu darstellende Motiv und die Festlegung der wesentlichen Details.

Prinzipiell sind bei der Themenfindung keine Grenzen gesetzt, die Grenzen des verwendeten Materials (Tonpapier) sind allerdings bei der Auswahl zu berücksichtigen:

  • Schlechte Darstellbarkeit von kleinen Details aufgrund der Größe der „Mosaiksteine“
  • Geringes Ausmaß von Dreidimensionalität, kleine Details sind auch im Raum möglich
  • Die Notwendigkeit der Schaffung von Farbkontrasten der Flächen zueinander
  • Eingeschränkte Farbpalette, prinzipiell schlechte Mischbarkeit der Farben

2. Visualisierung des Themas—teilweise mit externen Hilfsmitteln

Dauer: eine halbe bis eine Einheit (30-60 Minuten)

In diesem Teilschritt soll ein grafischer Rohentwurf des Motivs entstehen, als Anschauungsmaterial kann ein Tablet oder ein Smartphone hilfreich sein, mit dem entsprechendes Bildmaterial rasch bereitgestellt werden kann. Das Zeichnen der Rohentwürfe erfolgt zuerst auf weisses Papier in kleinerem Format, alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen versuchen einen eigenen Entwurf zu gestalten. Hierbei kann und sollte ein individuell angepasstes Maß an Unterstützung und Feedback zur Anwendung kommen, die Scheu vor einem Blatt Papier kann recht gravierend sein. Es kann aus therapeutischer Sicht vorteilhaft sein einen eigenen Entwurf zu zeichnen, dies kann als Anregung und Projektionsfläche für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dienen.

Anschließend wählt die Gruppe einen Entwurf (oder einzelne Teile von mehreren Entwürfen) als zu gestaltendes Motiv aus. In letzterem Fall kann notwendig sein noch einen finalen Entwurf anzufertigen, bevor mit Bleistift die Übertragung auf die raue Seite des Packpapiers erfolgt. Nach dem Übertragen des Entwurfs (im Idealfall durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer) ist dieser Schritt beendet und kann mit einer Feedbackrunde abgeschlossen werden.

3. Auswahl der geeigneten Farben und Anfertigung eines kolorierten Entwurfs

Dauer: eine halbe Einheit (30 Minuten)

Die Farbauswahl richtet sich nach dem vorhandenen Tonpapier, ein bis zwei Bögen pro Farbe sind meist mehr als ausreichend, weisses Papier in ähnlicher Stärke kann je nach Motivauswahl ebenfalls notwendig sein. Bei der Farbauswahl ist es sinnvoll bereits Gestaltungs- und Kombinationsmöglichkeiten zu bedenken, so können zum Beispiel bei der Gestaltung von Landschaftsmotiven Wasserflächen als Kombination von mehreren Blautönen plastischer und ansprechender dargestellt werden, das gleiche gilt auch für Grünflächen.

Nach der Farbauswahl erfolgt die (dezente) Kolorierung des Entwurfs am Packpapier mittels Buntstiften in Schraffurtechnik, zusätzlich hat sich eine Beschriftung der kolorierten Flächen mit den Bezeichnungen der zu verwendenden Farben bewährt.

4. Vorbereitung des notwendigen Materials

Dauer: eine halbe Einheit (30 Minuten)

Die Mosaiksteine werden anschließend von den Tonpapierbögen abgerissen und farbsortiert in geeigneten Behältnissen aufbewahrt, als Richtgröße gilt das Endglied eines (eher kleinen) Langfingers. Das Anforderungsniveau dieses Schritts ist auch für Klientinnen und Klienten mit sehr niedrigem Leistungsniveau geeignet und kann einen ersten Schritt der Kontaktaufnahme darstellen.

5. Anfertigung des eigentlichen Mosaiks

Dauer: variabel, in der Regel mehrere Stunden

Das Aufkleben der Mosaiksteine erfolgt anschließend mit Klebestiften über mehrere Einheiten hinweg, wie weiter oben bereits angesprochen kann dies auch in der therapiefreien Zeit oder am Wochenende erfolgen. Hier kann therapeutische Unterstützung vor allem bei der Gestaltung von aufwändigeren Flächen notwendig werden (zum Beispiel der kleine Fluss in den Fotobeispielen). Dieser Schritt bietet in der Regel viel Zeit für Gespräche und eignet sich sehr gut, um Themen wie Selbstorganisation und Ablaufgestaltung auf individueller Ebene zu reflektieren und allfällige (Betätigung-)Anliegen zu besprechen.

Fazit

Einfach vorzubereiten, (meist) unkompliziert in der Durchführung und fast immer mit einem Endergebnis, mit dem sich Klientinnen und Klienten identifizieren und auf das sie stolz sein können—in meinem ergotherapeutischen Angebot hat sich die Technik Tonpapiermosaik mittlerweile einen Fixplatz erarbeitet. Natürlich ist dieser Stellenwert auch der Art & Weise geschuldet in der ich meine klinischen Leistungen erbringen muss, nichtsdestotrotz stellt die Fertigstellung eines Mosaiks dieser Art im überwiegenden Fall deutlich mehr als eine „Beschäftigung“ dar und bietet an der Akutpsychiatrie für Klientinnen und Klienten einen guten Einstieg in das ergotherapeutische Angebot.

Wie sieht’s bei euch aus, habt ihr dieses Gruppenangebot schon praktisch angewendet? Werdet ihr das tun und welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht? Rückmeldungen werden im Kommentarbereich gerne entgegengenommen—und für Scheue geben vielleicht die nachfolgenden Literaturtipps einen Anstoß…

Weiterführende Literatur

Bildergalerie

 


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