Dass Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten unter anderem kreative Techniken im Fachbereich der Psychiatrie einsetzen, dürfte den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein, manche von uns legen im Lauf der Zeit den Hauptfokus ihrer Arbeit auf diesen Bereich, andere versuchen sich zusätzliche Fähigkeiten anzueignen und absolvieren Zusatzausbildungen, zum Beispiel im Bereich der Kunsttherapie, um diese in die ergotherapeutische Behandlung der ihnen anvertrauten Klientel mit einfliessen zu lassen.

Beide Aspekte sind eigentlich nicht der Primärfokus meiner täglichen Arbeit, aber im Verlauf der letzten Monate habe ich mit Klientinnen an meiner Arbeitsstätte ein Projekt konzipiert und durchgeführt, das, meiner Einschätzung nach, wenn nicht exakt dem künstlerischen, doch zumindest dem ausdruckszentrierten Ansatz zuzurechnen sein dürfte – und dieses Projekt, das den Namen „akutstation er:leben“ trägt, möchte ich heute vorstellen, viele Bilder inklusive.

Inspiration

Wochenpläne für Klientinnen in alt & neu

Man(n) ist ja modern heutzutage – und der alte Stationswochenplan, der aus einer Holzplatte mit angenagelten Leisten bestand und in einem der dunkelsten Gänge der Station positioniert war, war mir faktisch schon unmittelbar nach meinem Arbeitsbeginn vor über einem Jahr ein rechter Balken im Auge. Die Gestaltung eines neuen, modularen und übersichtlichen Wochenplanes in angenehmen Farben und mit Kärtchen in gut lesbarer Schrift ausgestattet, gehörte zu meinen ersten Projekten abseits des „Standardangebots“. Das alte Holzraster (ca. 2,5×1,2m) blieb allerdings dann verwaist an der Wand hängen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt

Dass Zeit- und Ablaufplanung eine wichtige Rolle beim Erzielen eines angestrebten Endresultats spielen (und zwar eine sehr wichtige) durfte ich bald danach lernen, als ich mit Klientinnen im Rahmen von mehreren Gruppenstunden aus dem alten Holzding einen Adventkalender mit selbstgestalteten Bildern für die Klientinnen selbst UND für das Personal gestaltete – so ein Zufall aber auch, dass wirklich ganz genau 48 Felder zu finden waren. Die diesbezüglichen Details spare ich mir an dieser Stelle, pünktlich am ersten Dezember wurden die ersten Fenster geöffnet und die Schleif- und Lackierarbeiten im Novembernebel lassen wir mal außen vor, daran will ja auch wirklich niemand mehr denken…aber der nächste Sommer kommt bestimmt.

Weihnachten im Juni?

Nach den Weihnachtsfeiertagen begann eine ernsthafte Nachdenkphase bezüglich der weiteren Verwendung des Adventkalenders, so ungefähr im Februar wurde mit den Arbeiten am Kunstprojekt begonnen und fertiggestellt wurde dieses am 05.07.2012 – die zeitverzögerte Umsetzung ist der Tatsache zu verdanken, dass ich in der Zwischezeit mit Klientinnen einen Therapiegarten für die Station installiert habe, was sich ebenfalls als sehr zeitaufwändig herausgestellt hat. Auch das Pflegepersonal der Station hält sich seit der Fertigstellung mit bissigen Kommentaren á la „Du…was passiert denn jetzt mit dem Adventkalender…es wird bald Juli!“ zurück.

tl;dr

Mit dem alten Stationswochenplan musste dringend etwas geschehen, nach der Verwendung als Adventkalender in der Vorweihnachtszeit 2011 entschied ich mich dafür, ein Kunstprojekt, das das Erleben des Aufenthalts auf einer geschützten psychiatrischen Station zum Inhalt haben sollte, zusammen mit Klientinnen über einen Zeitraum von ca. fünf Monaten umzusetzen.

Projektkonzeption und Ablauf

Der Aufenthalt an einer psychiatrischen Akutstation geht meines Erachtens mit einer Vielzahl an Belastungsfaktoren einher, die oft schon vor und während der Aufnahmesituation extreme Ausmaße annehmen können (Belastungen im sozialen Umfeld, Exekutive, Akutsedierungen und Fixierungen, Erleben körperlicher Gewaltanwendung, …). Im Laufe des Aufenthalts treten zumeist (aber nicht immer) die positiven Aspekte der Behandlungsrahmenbedingungen in den Vordergrund, in den meisten Fällen berichten Klientinnen aber zumindest über starke Emotionen im positiven und negativen Spektrum.

Zielsetzung des Projekts

Neben dem Interaktionsaspekt, der in meiner täglichen Arbeit immer eine hohe Priorität genießt, standen vor allem der Umgang mit belastenden Situationen und die Entwicklung eines positiven Blickwinkels auf negative Aspekte des Aufenthalts, sowie die Verarbeitung dieser Situationen auf künstlerischem Weg mit dem Ziel der Erreichung einer gewissen Versöhnlichkeit während der Projektdurchführung im Vordergrund.

Themenfindung in der Gruppe

Die Kernthemen vorzugeben schien mir aus therapeutischer Sicht nicht sehr sinnvoll, diese wurden in zwei Gruppen zu je einer Stunde Dauer mit den teilnehmenden Klientinnen erarbeitet – und zwar im Stil eines weitgehend unstrukturierten Brainstormings. Während dieser Gruppen wurden meinerseits nur zwei Vorgaben gemacht:

  1. Die gefundenen Themen sollen sich nicht auf konkrete Personen oder Situationen beziehen oder zu detailliert gefasst sein, sondern einen Überbegriff der Thematik darstellen (zum Beispiel „Gewalt“ statt „Fixierungsmaßnahmen“ oder „Struktur“ statt „reglementierter Tagesablauf“).
  2. Wer ein (für sich selbst) positives Thema nennt, muss auch ein (für sich selbst) negatives Thema benennen und umgekehrt – damit sollte ebenso ein Mindetsmaß an „emotionaler Ausgeglichenheit“ erreicht werden, sowie eine Konzentration auf negative Themen vermieden werden.

Diese Vorgaben stellten für die Teilnehmerinnen der Gruppen gut akzeptierbare Rahmenbedingungen dar, in den zwei Gruppensitzungen entstanden teilweise sehr lebendige Diskussionen, die Unterstützung von meiner Seite beschränkte sich in dieser Phase praktisch ausschließlich auf das Stellen von Fragen an die Gruppe wenn es Schwierigkeiten mit der Umsetzung von konkreten Situationen auf die abstraktere Ebene des passenden übergeordneten Konzepts gab. Schlussendlich wurden in den Gruppen jeweils elf Themen im positiven und negativen Spektrum identifiziert (siehe auch die beiden Wortwolkenbilder in diesem Absatz).

Umsetzung der gefundenen Themen mit kreativ-gestalterischen Mitteln

Aus den Abmessungen der Felder des Wochenplans ergaben sich Abmessungen für die Einzelbilder von 21×13 cm, also ein eigentlich eher kleines Format, das in etwa dem Papierformat A5 entspricht. Das „in etwa“ ist deshalb von Bedeutung, weil der Zuschnitt der Papierbögen als zusätzlicher Zeitaufwand mit einkalkuliert werden musste, verwendet habe ich übrigens zu 90 % Dreistern-Papier, hauptsächlich deshalb weil es robuster und damit knick- und knitterfester als normales Zeichenblockpapier ist. Prinzipiell wäre es natürlich auch möglich gewesen, das Papier von Klientinnen zuschneiden zu lassen, aber ich leide meist unter recht knappen Zeitressourcen…

Aus ebendiesem Grund habe ich keine besonders breite Materialauswahl zur Umsetzung bereitgestellt, das Hauptaugenmerk lag tatsächlich auf geringer Vor- und Nachbereitungszeit der Gruppen, die insgesamt nicht länger als maximal fünfzehn Minuten dauern sollte. Folgende Materialien standen den Klientinnen im Großteil der kreativen Gruppen zur Verfügung:

Die Gruppendauer betrug – wie bei der Themenfindung – jeweils eine Stunde, gemalt wurde nach einer kurzen Ablauferläuterung meinerseits mit musikalischer „Unter-Malung“. Ähnlich wie beim Finden der Themen existierte auch hier die Vorgabe der Dualität, d.h. wer sich entschloss ein „Negativthema“ zu bearbeiten, sollte anschließend ein „Positivthema“ bearbeiten – eine Vorgehensweise, die sich großteils gut umsetzen ließ und die sich meiner Einschätzung nach als sehr praktikabel erwiesen hat. Zusätzlich wurden die Klientinnen darauf hingewiesen, das Thema eher abstrakt als zu detailliert darzustellen – dies war hauptsächlich durch das Papierformat bedingt, der Betrachtungsabstand der gefertigten Bilder würde schlussendlich bei circa einem Meter bei eher gedämpfter Beleuchtung bestehen.

Pausen konnten während der Betätigung jederzeit gemacht werden (wie praktisch, dass der Ergotherapieraum gleich neben dem Raucherraum gelegen ist), mir schien, dass eine Auseinandersetzung mit emotional potentiell aufwühlenden Themen sehr anstrengend sein kann – trotzdem kann ich mich an keine einzige Gruppe erinnern, in der eine Klientin mehr Zeit beim Rauchen als in der Gruppe verbracht hat. Zusätzlich war mir eine nicht wertende Annahme aller entstandenen Werke sehr wichtig, die Klientinnen wurden konstant darauf hingewiesen, dass es nicht um die Erschaffung von „realistischen“ oder „technisch perfekten“ Werken ging, sondern um die Visualisierung dessen, was sie individuell mit dem gewählten Thema in Verbindung bringen – „Alles ist richtig“ sozusagen. Für Reflexionsgespräche stand ich während und kurz nach der Gruppenzeit immer zur Verfügung.

Notwendige Anpassungen der Abläufe

Interessanterweise lag der Fokus der ausgewählten Materialien auf Seite der Klientinnen großteils auf auf den Buntstiften und den Pastellkreiden, was zur Folge hatte, dass doch viele, eher detailreiche Werke entstanden. Gegen Ende der Projektphase habe ich in den Gruppen teilweise nur mehr Wasserfarben angeboten, um den Grad der Abstraktheit zu erhöhen und den Fokus von den Details hin zu einem eher verschwommenen Gesamteindruck zu verschieben.

Dass gegen Ende der Kreativphase nicht mehr ausreichend Themen zur Verfügung standen, um die Dualität zwischen positiven und negativen Aspekten eines stationären Aufenthalts konstant aufrechtzuerhalten liegt wohl in der Natur der Sache, in dieser Zeit legte ich noch mehr Wert darauf, meine jederzeitige Gesprächsbereitschaft auszudrücken. Insgesamt betrachtet kam es während der gestalterischen Tätigkeit zu keiner einzigen Situation, die eine Intervention einer anderen Berufsgruppe im interdisziplinären Team (Ärzte, Psychologen, …) notwendig gemacht hätte.

Präsentation und Auswahl der auszustellenden Werke

Nach dem Abschluss der produktiven Projektphase wurden den Klientinnen alle Bilder im Rahmen einer Multimediapräsentation vorgeführt – an dieser Stelle gab es bei manchen (mir inklusive) feuchte Augen – und im Rahmen einer weiteren Gruppe wurde eine Auswahl der Werke getroffen, die schlussendlich einen Platz auf der Ausstellungwand erhalten sollten. Die Auswahl erfolgte durch eine themenbezogene, demokratische Abstimmung (zwei Bilder pro Thema), die einen doch recht beachtlichen Moderationsaufwand beinhaltete.

Bei der Bilderauswahl bestand der für mich schwierigste Teil darin, meine eigene Meinung bezüglich der persönlichen Favoriten im Moderationsgespräch außen vor zu lassen, um wirklich den Klientinnen die Entscheidungsfreiheit und somit auch die Kontrolle zu überlassen – meiner Einschätzung nach ein wichtiger Punkt in einem Setting, in dem struktur- und organisationsbedingt, nicht viele Möglichkeiten zur Selbstbestimmung bestehen. Als Ausgleich habe ich für die Bebilderung dieses Artikels meine Favoriten ausgewählt…

In zwei weiteren Gruppen wurden die ausgewählten Bilder in Plastikfolie laminiert, ausgeschnitten, mit starkem doppelseitigen Klebeband für die Ausstellungswand vorbereitet und schließlich an der Ausstellungswand angebracht – die Entscheidung, welches Bild wo auf der Wand hängen sollte, wurde wiederum den Klientinnen überlassen, die zwei Karten mit den Themenwortwolken waren vorab bereits von mir angebracht.

Ergebnisse und Reflexion

Insgesamt entstanden 100 verschiedene Werke zu den 22 gefundenen Themen, mindestens vier und maximal sechs zu jedem Thema. In der umfangreichen Bildergalerie am Artikelende könnt ihr euch selbst einen Eindruck von der Ausdruckskraft verschaffen. In unserem projektgewidmeten Fotoalbum bei flickr findet ihr dieselben Bilder in Full-HD-Auflösung zum Download, zusätzlich lassen sich im Downloadbereich unserer Website drei Fotocollagen – die jeweils alle Bilder beinhalten – in verschiedenen Auflösungen herunterladen, die größte Variante wiegt fast 70 MB und erlaubt detaillierten Zoom bis zum Pinselstrich der Einzelbilder.

Die beteiligten Klientinnen gaben fast ausschließlich positive Rückmeldungen zum Projekt ab, nicht nur die, die über die gesamte Projektlaufzeit beteiligt waren, sondern auch jene, die erst später miteinbezogen wurden. Einige Punkte, die sich verbessern lassen würden, sind mir allerdings dann doch aufgefallen…

Projektlaufzeit

Die Laufzeit des Projekt war retrospektiv betrachtet eindeutig zu lange, zwischen Beginn und Abschluss lagen fast fünf Monate – wie bereits erwähnt, ist mir da der Aufbau des Therapiegartens dazwischengekommen. Dadurch war aus meiner Sicht kein ausreichenden Maß an Kontinuität möglich, irgendwie entstand ein etwas „zerrissener“ Eindruck. Eine Klientin mit langer Ausfenthaltsdauer hat diesen Umstand auch mehrmals angesprochen, organisatorisch war die Ablaufplanung diesmal leider nicht anders möglich. „Kürzer & Konsequenter“ dürfte bei der Abwicklung solcher Großprojekte definitiv besser sein.

Das Problem der Aufenthaltsdauer

Einen weiterer Faktor, der den Projektablauf wesentlich beeinflusste, stellte die Aufenthaltsdauer auf der Akustation dar, diese ist nämlich in der Regel schwer vorhersehbar bzw. planbar und auch von der gestellten Diagnose abhängig. Zwischen zwei bis drei Tagen und sechs bis acht Wochen (fallweise auch länger) ist die Spanne ziemlich groß. Eine sogenanntes „geschlossenes“ Gruppensetting – d.h. eines, in dem sich immer die gleichen Teilnehmerinnen einfinden, was ein höheres Niveau an Involviertheit ermöglicht – aufrecht zu erhalten war nahezu unmöglich. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass sich auch „neu hinzu gekommene“ Klientinnen gut in das Gruppengeschehen einbinden lassen, aber die gefühlte Qualität würde sich i.R. eines längeren Aufenthalts zum Beispiel im Rahmen eines rehabilitativen Settings mit längerer Aufenthaltdauer sicher erhöhen lassen.

Desorganisiertes Verhalten und akut psychotische Wahrnehmung

Nach der Fertigstellung des Projekt – konkret nach dem Aufhängen der Werke – präsentierte sich unmittelbar ein weiteres, settingsprezifisches Problem: ca. ein Viertel der Bilder war zwei Tage später von der Präsentationsfläche verschwunden und auch nicht mehr auffindbar. Dies war der Tatsache geschuldet, dass Klientinnen in akut psychotischen Zustandsbildern oder solche, die im akuten Krankheitsgeschehen unter desorganisiertem Verhalten zu kämpfen hatten, diese einfach abgenommen und an andere Orte auf der Station (Zimmer, Nachtkästchen, Mistkübel u. Ä.) verbracht hatten. Hierfür ist mir keine praktikable Lösung eingefallen, die nicht mit potentiellen Möglichkeiten für selbstverletzendes Verhalten einherging – meine Lösung bestand schlicht und einfach darin, aus dem Pool nicht ausgewählter Bilder neue auszuwählen und diese aufzuhängen. Meiner Meinung nach muss man im akuspsychiatrischen Setting einfach mit diesem Umstand „leben“ – aber es ist definitiv gut eine Reserve zu haben.

Für das nächste Mal

Fotografie der Ausstellungswand des Projekts mit ausgewählten WerkenRückblickend hat sich das Projekt – gespeist aus dem Feedback meiner Klientinnen – als erfolgreich verwiesen, v.a. wenn Klientinnen Themen die wir im Projekt bearbeitet haben (z.B. die sanitären Anlagen) in anderem Rahmen ansprechen, ist es mir leichter möglich einen empathischen Zugang zu finden und diese, wenn schon bauliche Änderungen nur in kleinem Ausmaß möglich sind, auf die künstlerische Auseinandersetzung damit aufmerksam zu machen.

Beim nächsten Mal (das es aller Wahrscheinlichkeit nach dem nächsten Advent geben wird, wobei aber sicher andere Themen zur Sprache kommen werden) wird mein Hauptaugenmerk in jedem Fall auf einer rascheren Projektdurchführung liegen, um für alle betiligten Klientinnen ein homogeneres Gefühl zu erzeugen und sicherzustellen, dass auch der Großteil Teilnehmerinnen das Ausstellen „ihrer“ Werke noch aktiv mitgestalten können. Über einen Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen, die ähnliche Projekte bereits durchgeführt haben (oder aktuell planen) würde ich mich im Kommentarbereich oder per E-Mail sehr freuen!

Weblinks


Die entstandenen Werke

Anlässlich dieses Projekts haben wir auch die Art & Weise, wie Bilder auf unserer Website dargestellt werden angepasst – mit dem Erscheinen diese Beitrags werden Bildergalerien in neuer Art und Weise präsentiert, probiert das doch einfach mal mit der nachfolgenden Galerie aller entstandenen Werke aus! Die Bilder im Artikeltext werden weiterhin in gewohnter Weise angezeigt, ebenso bleiben die Bildergalerien in vergangenen Beiträgen von den Änderungen unberührt. Bleibt noch, euch viel Spaß beim Betrachten zu wünschen!