EBM – Evidenzbasierte Medizin – Evidence Based Medicine

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten therapeutisches Vorgehen zu klassifizieren und zu bewerten. Eine davon ist die Nutzung von Leitlinien und Therapiestandards. Doch wie werden diese Standards gebildet? Dazu gibt es Forschungsgruppen, die untersuchen, wie der aktuelle Stand der medizinischen Erkenntnisse auf einem bestimmten Gebiet ist. Sie nutzen dazu medizinische Datenbanken, durchsuchen sie nach vorher festgelegten Kriterien und verschaffen sich so einen Überblick zu aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten auf diesem Gebiet. Die Ergebnisse der Literaturarbeit fließen in die Erarbeitung von Leitlinien ein. Erstellt der Therapeut seine Behandlungspläne anhand von Leitlinien, kann er also sicher sein, den neuesten Stand der medizinischen Forschung mitzuberücksichtigen. Er arbeitet dann evidenzbasiert, das heißt er weiß, dass die von ihm angewendeten Maßnahmen wissenschaftlich untersucht und für wie wirksam sie befunden wurden. An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass evidenzbasierte Maßnahmen nicht zwingend besser oder wirksamer sind als solche, die nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersucht wurden. Wer jedoch evidenzbasierte Erkenntnisse bei der Therapieplanung und -durchführung zugrunde legt, richtet diese begründeter an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus. Damit objektiviert sich die angewendete Therapie und es lassen sich leichter objektive Ergebnisse festhalten. (Artikelbild von Thomas Claveirole via Flickr)

Bei der Beschäftigung mit Leitlinien fällt jedoch auf, dass es zum einen verschiedene Gesellschaften gibt, die Leitlinien herausbringen und zum anderen die Leitlinien selbst unterschiedlich bewertet werden. So gibt es unbewertete Leitlinien und solche, die von S1 bis S3 klassifiziert sind.

Die S-Klasse

Leitlinien entstehen durch unterschiedliche methodische Vorgehensweisen.

S1 – Handlungsempfehlungen von Expertengruppen

Die Methodik bei der Entstehung von S1-Leitlinien ist nicht standardisiert. Jede einzelne Forschungsgruppe findet die für sie passende Methode, den aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft zu durchsuchen und daraus Empfehlungen für die Therapie zu entwickeln. Es fließen zudem objektive Erfahrungen jedes Einzelnen der Expertengruppe, sowie Kompetenz, Intuition, Kostenbewusstsein, Ethik und Recht in die Leitlinie ein. Dazu kommen aber auch Erwartungshaltungen seitens der Patienten, deren Werteordnung und Bewältigungsstrategien sowie kulturelle Prägungen. Welche Komponenten in welchem Maße Einfluss nehmen, ist der fertigen Leitlinie nicht anzusehen und im Nachhinein schwer nachzuvollziehen. Deshalb werden S1-Leitlinien in ihrer methodische Qualität auf der niedrigsten Stufe angesiedelt.

S2 – Leitlinien, die entweder auf einem gemeinsamen Konsens basieren (S2k) oder evidenzbasiert (S2e) sind

Die Methode, die zur Entstehung von S2-Leitlinien angewendet wird, basiert entweder auf einem gemeinsamen Konsens ODER ist evidenzbasiert.

Die Konsensbildung innerhalb der Forschungsgruppe läuft strukturiert, d. h. nach vorher festgelegten Regeln, und interdisziplinär ab. Unterschiedliche Aspekte der medizinischen Versorgung sowie die Sichtweise der Patienten werden bei der Erarbeitung der Richtlinien berücksichtigt. Dabei werden auch Kosten-Nutzen-Abwägungen sowie Aufwands-Risiken-Abwägungen mitberücksichtigt. Außerdem spielt die Ergebnis-Orientierung der Maßnahmen eine Rolle, also inwiefern die gewählte Maßnahme überhaupt das gewünschte Ergebnis hervorbringt.

Die Evidenz der empfohlenen Maßnahmen und Vorgehensweisen macht sich an der systematischen Recherche in geeigneter Literatur und der Bewertung des gefundenen Wissens fest. Systematisch heißt, dass vor der Recherche die Suchbegriffe und die Suchstrategie festgelegt werden. So kann gewährleistet werden, dass eine Wiederholung der Untersuchung zu denselben Ergebnissen führt. Auch die Bewertung der gefundenen Literatur muss vorher definiert werden. Wann gilt eine Studie als relevant im Hinblick auf die Fragestellung, wann gilt sie als weniger relevant. Dies kann sich z. B. am Alter der Studie, an der Menge der Probanden, an der Signifikanz der Ergebnisse, etc. festmachen.

S3 – Leitlinien, die auf einem gemeinsamen Konsens basieren und gleichzeitig evidenzbasiert sind

Die Methode, die zur Entstehung von S3-Leitlinien angewendet wird, basiert auf einem gemeinsamen Konsens UND ist evidenzbasiert. Diese Leitlinien haben methodisch betrachtet die höchste Qualitätsstufe, d. h. sie geben die größte Sicherheit im Hinblick auf Objektivität, Aktualität und Reproduzierbarkeit.

Fazit

Mithilfe der S-Klassifizierung lässt sich also nichts über die inhaltliche Qualität der einzelnen Leitlinie aussagen, nur darüber, wie gut die Methode war, mit der sie entstanden ist. Eine unklassifizierte Leitlinie kann inhaltlich hochwertige Empfehlungen abgeben, nur lässt sich das nicht so einfach objektivieren und reproduzieren.

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website