Ergotherapeutische Gruppenaktivitäten sind für mich gelegentlich ein zweischneidiges Schwert…wobei es eigentlich irrelevant ist, ob ich an die Gruppen zurückdenke an denen ich während des Studiums als Praktikant teilgenommen habe (z.B. Rückenschule im Fachbereich Orthopädie oder Handfunktionsgruppen in der Rehabilitation von neurologischen Klientinnen und Klienten), oder er sich um Gruppen handelt, die ich selbst in meiner aktuellen Tätigkeit anbiete. Abhängig von der Teilnehmerzahl kann das Problem auftreten, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewisse Unterschiede im Leistungsniveau aufweisen – sei es auf der physisch-funktionellen oder auf der kognitiven Ebene – und eine Berücksichtigung individueller Stärken und Schwächen im therapeutischen Kontext nicht immer wunschgemäß möglich ist. Die Verwendung von „klassischen“ Gesellschaftsspielen, ist meiner Einschätzung nach in der Fremdwahrnehmung des ergotherapeutischen Berufsbildes durch andere Berufsgruppen zusätzlich noch mit dem Nimbus der „Spiel- und Basteltante“ verknüpft, was ja nun ebenfalls einen nicht gerade erstrebenswerten Zustand darstellt.

Eine Reise um die Welt…

Verpackung Memoryspiel Weltkulturerbe RavensburgerMit einem „klassischen“ Spiel habe ich in Gruppen, mit einer Größe von bis zu zwölf Personen und teilweise stark unterschiedlichem Leistungsniveau, allerdings sehr gute Erfahrungen gemacht, es handelt sich hierbei um eine Version von Memory aus dem Hause Ravensburger, welches als Kartenmotive der insgesamt 50 Kartenpaare auf aussagekräftige Fotografien von ausgewählten Stätten der Weltkulturerbeliste der UNESCO zurückgreift. Die Bilder sind großteils farbenfroh gestaltet und ansprechend fotografiert, die angebotene Palette reicht von Stätten mit sehr hohem Wiedererkennungswert (Lady Liberty in New York, Stonehenge in England, …) bis hin zu weniger bekannten Orten (Albaicín in Alhambra, Aletschgletscher in der Schweiz, …).

Aufbau und Ablauf der Gruppe

Abhängig von den Rahmenbedingungen und vom Fachbereich kann eine persönliche Einladung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer notwendig, beziehungsweise vorteilhaft sein, ich habe in meinem Arbeitsbereich gute Erfahrungen damit gemacht, mir vor der Gruppe fünf bis zehn Minuten Zeit zu nehmen, und allen zur Gruppe zugewiesenen Klientinnen kurz zu erklären, worum es gehen soll, wie lange die Gruppe dauern wird und wo die Gruppe stattfindet – es hat sich für mich bewährt zu einer „kleine Reise um die Welt“ einzuladen, diese Ankündigung hat bisher immer für Motivation gesorgt und Interesse geweckt.

Die Gruppe findet rund um einen Tisch in ausreichender Größe statt, die eigene Sitzposition sollte so gewählt werden, dass sie nahe an Teilnehmerinnen und Teilnehmer liegt, die möglicherweise ein höheres Ausmaß an Hilfestellung benötigen werden. Ich persönlich nehme immer am Spielablauf teil, das sorgt für eine gewisse „Augenhöhe“ und liefert oft zusätzliche Ansatzpunkte für Interaktion.

Die Spielregeln des klassischen Memorys wurden angepasst und finden sich im nachfolgenden Absatz, wichtig ist vorab die Information an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass es bei der Gruppe nicht um das Gewinnen geht, und dass es höchstwahrscheinlich nicht möglich sein wird alle Paare zu finden, damit während der Gruppe keine unnötigen Frustrationserlebnisse entstehen.

Spielregeln für eine Gruppe mit Interaktionsschwerpunkt

  • Das Aufdecken der Karten erfolgt im Uhrzeiger- beziehungsweise Gegenuhrzeigersinn (Gruppenentscheidung)
  • Jede Person deckt immer zwei Karten ihrer Wahl auf, wenn diese nicht zusammenpassen wir deine davon wieder mit dem Bild nach unten hingelegt, die andere bleibt offen liegen (Entscheidung der jeweiligen Person)
  • Werden während des Spiels zwei gleiche Karten aufgedeckt, versucht die ganze Gruppe herauszufinden, welche Örtlichkeit auf dem Kartenpaar abgebildet ist, gelingt dies, wird das Kartenpaar aus dem Spiel genommen, und die nächste Person in der Reihenfolge ist mit dem Aufdecken an der Reihe
  • Die Gruppe endet nach dem festgelegten Zeitpunkt oder wenn alle Karten aus dem Spiel genommen werden konnten

Der Interaktionsaspekt

Kartendetails Memoryspiel Weltkulturerbe RavensburgerNeben grundsätzlichen kognitiven Fähigkeiten (Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis), die beim Spielablauf gefordert sind, steht für mich der Aspekt im Vordergrund, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Regeln gefordert sind miteinander zu sprechen, dafür zu sorgen, dass sie einen Blick auf die – zu identifizierenden – Karten erhalten, und sich gemeinsam beraten sollen, um welche Örtlichkeit es sich auf der Karte handeln könnte. Die therapeutische Hilfestellung muss flexibel gehandhabt werden, und richtet sich nach der Gruppenzusammensetzung und der individuellen Fähigkeiten von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, so kann es notwendig sein, zuerst den Kontinent einzugrenzen, auf dem sich die gefragte Örtlichkeit befindet, und dann mit fein dosierten Hinweisen ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen. Dies funktioniert bereits mit wenig Übung sehr gut, und es entstehen teils sehr lebhafte Gespräche und Diskussionen ohne weiteres therapeutisches Eingreifen. Ein Anknüpfen an biographische Details der Teilnehmerinnen und Teilnehmer („da war ich schon…“) ermöglicht ebenfalls kurze Gruppengespräche, die allerdings nicht sehr ausufern sollten, um das Thema der Gruppe nicht zu verlassen.

Zeitdauer

Ich habe für diese Gruppe immer 60 Minuten eingeplant und damit gute Erfahrungen gemacht, anfangs können ein oder zwei Durchgänge notwendig sein, bis gleiche Kartenpaare aufgedeckt werden, wenn die Gruppe einmal „in Schwung gekommen ist“, ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Zeit „gefühlt“ dann oft zu kurz. Ein Vorgehen, das sich für mich ebenfalls bewährt hat, ist den Spielablauf ca. zehn Minuten vor dem Ablauf der Zeit zu unterbrechen, und in der verbleibenden Zeit zu versuchen, die noch offen am Tisch liegenden Karten zu identifizieren, das ergibt meiner Einschätzung nach eine schönen Abschluss.

Variationsmöglichkeiten

  • Verwendung eines sehr großen (oder mehrerer zusammengeschobener Tische) zur Einbringung eines motorische Aspekts – Spielen im Stehen, weites Vorbeugen, Gleichgewicht halten, Stehen auf einem Bein beim Umdrehen der Karten, …
  • Stellen weiterer Zusatzfragen zu den jeweiligen Kartenmotiven (z.B. „welche Staatsbürgerschaft hätte die Freiheitsstatute, wenn sie ein Mensch wäre?“, „Wo gibt es eine vergleichbare Bibliothek in Österreich?“, „Welches Gebäude in derselben Stadt kenne sie noch, das in einem ähnlichen Stil erbaut ist?“)
  • Nachschlagen der Örtlichkeit in der Spielanleitung – wenn keine Lösung gefunden werden kann – durch die Gruppenteilnehmer in einer bestimmten Reihenfolge (z.B. durch die Person links von der Person, die die Karten gerade umgedreht hat)

Weblinks


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