Warum können kompetente Menschen außer Stande sein, Dinge zu erledigen, die sie können? Und wie kann ihnen geholfen wer­ den? Handlungsorientierte Therapie bei Erledigungsblockierung/ ADHS im Erwachsenenalter ist ein neues Angebot in der ET.

Vor einigen Jahren stiess ich auf ein Problembild, das noch weitgehend unbekannt ist—und für das die Ergotherapie prädestiniert ist: die Erledigungsblockade. Es ist mir ein Anliegen, Problematik und Therapieansätze im Bereich Ergotherapie bekannt zu machen, damit die handlungsorientierte Unterstützung bald weitherum angeboten wird. Da das Problem verbreitet ist und noch kaum Hilfsangebote bestehen, dürfte eine Angebotserweiterung um dieses Arbeitsfeld für viele Praxen interessant sein. (Artikelbild von Oran Viriyincy via Flickr)

Was ist eine Erledigungsblockade?

Menschen mit Erledigungsblockade (Aufschieberei, Prokrastination) sind über längere Zeit ausserstande, wichtige Alltagsverrichtungen zu erledigen, zu denen sie eigentlich fähig wären. Es gibt viele Abstufungen: milde Formen, die nicht zu wesentlichen Problemen führen bis hin zu extremen Formen, wie Messie-Syndrom oder Verwahrlosung.

Die Erledigungsblockade, für die Ergotherapie indiziert ist, bringt ein ausgeprägtes Leiden und äußerst negative Folgen mit sich: psychische (Depressionen, Angst- und Panik bis hin zur Suizidalität), somatische (Schlafstörungen, vegetative Symptome, Herz-Kreislaufprobleme, Magenulcera u.a.), soziale (Vertrauensverlust bei Bezugspersonen und Arbeitsumfeld, Scheidungen, sozialer Abstieg, Verbeistandung) berufliche (Auftrags- und Einnahmeverluste, Rückstufungen, Stellenverluste), finanzielle (bis hin zum Verlust des Vermögens und Fürsorgeabhängigkeit) und juristische (bei gröberen Pflichtverletzungen). Die Erledigungsblockade ist hier nicht die Folge einer Depression, sondern ihre Ursache. Sie ist weit verbreitet (je nach Quelle 20–25% der Bevölkerung) und kann sehr unterschiedliche Gründe haben.

Die spezielle Problematik einer Erledigungsblockade

Menschen mit Erledigungsblockade haben oftmals eine gute Ausbildung, stehen mitten im Berufsleben und sind darin auch erfolgreich. Doch zur Erledigung von bestimmten alltäglichen Verrichtungen können sie sich nicht überwinden. Da die typischen Schwierigkeiten so absurd scheinen und niemand sie verstehen kann, verbergen die Betroffenen sie so lange wie möglich. Leben sie nicht mit Menschen zusammen, die ihre „Unfähigkeit“ kompensieren, entgleist die Situation rasch, deshalb häufig nach einer Trennung. Dann werden Rechnungen nicht mehr bezahlt, Mahnungen auf dem wachsenden Pendenzenberg abgelegt. Das zunehmend schlechte Gewissen bewirkt, dass Briefe nicht mehr geöffnet werden, da sie ja Rechnungen oder Mahnungen enthalten könnten, oder Abholeinladungen ignoriert, da es sich beim Abzuholenden möglicherweise um Betreibungsandrohungen handelt.

Klingelt es überraschend an der Türe, kommt Panik auf, denn es könnten Vermieter oder Polizei sein, die Geld eintreiben oder bedrohliche Post bringen wollen.

Im Gedanken ans Erledigen vermeiden es die Betroffenen manchmal, nach Hause zu gehen, ihre Wohnungen sehen deshalb oft chaotisch aus. Wimmelt es in der Küche von Fruchtfliegen, wird sie nicht mehr betreten, sind alle Kleider schmutzig, werden neue gekauft. Obwohl die Betroffenen oft in verantwortungsvollen Positionen sind und gut verdienen, machen sie hohe Schulden. Haben sie Angst, den Geldgebern zu begegnen, weichen sie Situationen und Orten aus, an denen sie diese treffen könnten. Die Steuererklärung auszufüllen, dazu können sie sich trotz bester Vorsätze nicht überwinden und lassen sich Jahr für Jahr von den Steuerbehörden (zu hoch) einschätzen. Ein stark kompensatorisches Verhalten bis hin zu einer Sucht gehört meist zum Störungsbild: je nach Neigung weichen Menschen mit Erledigungsblockade dem Problem aus durch abendfüllende Stammtischsitzerei, fernsehen, gamen, surfen im Internet, Teletextlesen, exzessiven Sport oder unzählige Überstunden.

Danach fallen sie todmüde ins Bett, „verständlich“, jetzt nichts mehr erledigen zu können—morgen „werden sie es dann endlich tun“. Doch in den nächsten Tagen (die zu Jahren werden) hält nach Feierabend wieder etwas „Wichtiges“ von den Vorsätzen ab. Befinden sie sich doch einmal in einer Situation, die es erlauben würde zu handeln, sind sie richtiggehend gelähmt und können nicht mit dem Erledigen beginnen.

Dem unerträglichen Gefühl, das dabei entsteht, weichen sie dann wiederum durch irgendeine kompensatorische Aktivität aus.

Schwierig an dieser Unfähigkeit ist auch, dass sie so absurd wirkt. Die Betroffenen wissen natürlich, wie man einen Briefkasten öffnet, ein Kuvert aufreisst, Einzahlungen tätigt, telefoniert, einen Brief schreibt oder eine Steuererklärung ausfüllt. Sie sind im Beruf meist erfolgreich und können dort realistisch mit Geld umgehen. Sie schaffen es mit Leichtigkeit, für andere etwas zu organisieren, die Steuererklärungen ausfüllen oder sie finanziell kompetent zu beraten. Doch für sich selbst gelingt es ihnen nicht, das Notwendige zu tun. Verdienen sie gut, geben sie das Geld großzügig aus. Sportmaterial darf Tausende kosten, gegessen wird in guten Restaurants, in den Ferien wird „sicher nicht“ gespart, die teuren Schuhe haben sie „verdient“. Gleichzeitig wird der Schuldenberg immer höher, der Betreibungsregisterauszug immer länger. Wie hoch die Schulden sind, wissen sie nicht, sie verdrängen ihre Präsenz erfolgreich.

Mögliche Gründe für eine Erledigungsblockade

Viele der Betroffenen leiden an einem (eventuell nicht diagnostizierten) Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS, andere an einer verminderten Kraft aufgrund somatischer Krankheiten (zum Beispiel Morbus Crohn, Schmerzsyndrome, HWS-Distorsion, Burnout-Syndrom). Einige sind ausserordentlich kreativ und überdurchschnittlich engagiert, lassen sich von immer neuen Projekten davontragen und schliessen keine ab. Sie halsen sich eine Aufgabenquantität auf, die realistischerweise nicht zu bewältigen ist. Viele leiden unter einer ausgeprägten Entscheidungsschwäche; dem dadurch ausgelösten ständigen Unwohlsein können sie nur durch Ablenkung „entgehen“.

Illustration Erledigungsblockade Ruth Joss

Illustration mit freundlicher Genehmigung von Ruth Joss

Der schädliche Kreislauf fängt bei den Einen damit an, dass sie sich in einer Krise befinden, die sie lähmt. Bei Anderen beginnt er damit, dass sie sich nicht dazu überwinden können, etwas zu tun, das sie nicht interessiert oder das ihnen unangenehm ist. Dazu kommt oft ein gewisser Perfektionismus: „Wenn ich etwas mache, dann richtig!“ und ein ausgeprägtes „Vogel- Strauss-Verhalten“: wird es brenzlig, stecken sie den Kopf in den Sand und erstarren. Mit sich alleine zu sein und mit unangenehmen Gefühlen umzugehen, ist für sie äusserst schwierig.

Konsequenzen einer Erledigungsblockade

Die Betroffenen sind schlimmen Vorwürfen und Abwertung ausgesetzt („Chaot, unzuverlässig, unfähig, charakterlos“, usw.), die sie oft auch übernehmen. Oft geraten sie in ein Doppelleben, Isolation, Sucht, Scheidungen. Davon betroffen sind aber auch viele Andere, direkt oder indirekt: PartnerInnen, KollegInnen, FreundInnen—all jene, die unter der „Unzuverlässigkeit“ leiden müssen, all jene, die auf etwas Versprochenes warten, jene deren Rechnungen nicht bezahlt werden, die sich hintergangen, ausgenützt, betrogen usw. fühlen. Zusätzlich entstehen durch Schulden, ausgelaufene Versicherungen, Fahren in alkoholisiertem Zustand, gesundheitliche Beschwerden usw. hohe Kosten für die Allgemeinheit.

Zwei Fallbeispiele für die Problematik einer Erledigungsblockade

X., 35 J., Abteilungsleiter…

…betrat seine Wohnung immer seltener, da er es nicht ertrug, am mahnend vollen Briefkasten vorbeizugehen, und übernachtete monatelang auswärts. Zum Zahlen der Straßenverkehrsabgaben musste er per Polizeifahndung und Entzug der Kontrollschilder gezwungen werden. Erst die Panik, wegen einer nicht bezahlten Verkehrsbuße polizeilich gesucht zu werden und ins Gefängnis zu kommen, liess ihn dermassen verzweifeln, dass er um Hilfe bat. Bereits seit Jahren litt er unter Herzbeschwerden, blutigem Erbrechen, einer Erschöpfungsdepression mit Angstzuständen und Suizidalität. In der Psychotherapie interpretierte der Therapeut das Problem als ein zu hoher Anspruch an sich selbst. Sein Ansatz war, das Selbstwertgefühl des Patienten zu verbessern, indem er seine beruflichen Erfolge lobte. Auf die Beschreibung der Erledigungsblockade ging er nicht ein. Dass der Fachmann das Problem nicht erfassen konnte, nachdem er endlich Hilfe gesucht hatte, verstärkte seine Verzweiflung massiv.

Y, 37 J., Architekt…

…wurde depressiv und auch im Beruf zunehmend handlungsunfähig, bis sein Arzt ihn wegen Depressionen mit beginnendem Burnout-Syndrom krank schrieb. In der monatelangen Psychotherapie wurde kognitive Verhaltenstherapie mit Zielerarbeitung und Verbesserung des Selbstwertgefühls an- gewandt. Er machte Fortschritte in der Bewusstwerdung, seineHandlungsfähigkeit in den blockierten Bereichen und sein Leidensdruck änderten sich aber nicht. Durch die konkrete Unterstützung bei der Erledigung der angestauten Verrichtungen verschwand seine Depression innerhalb von Tagen, die Papierberge innerhalb von Wochen. Auf Anraten seines Vorgesetzten liess er sich auf ADHS testen. Die Diagnose wurde gestellt, was eine Erleichterung für ihn bedeutete. Endlich wusste er, warum er diese absurden Schwierigkeiten hatte.

Weiterführende Literatur

[Originalquelle: EVS-Zeitschrift Ergotherapie 6-09, 6-9, mit freundlicher Genehmigung]

Ruth Joss—Seit 1987 Ergotherapeutin, ab 2007 selbstständig in eigener Praxis in Bern. Berufserfahrung vor allem in den Bereichen Paraplegiologie, Handtherapie, Psychosomatik. Unterrichtstätigkeit und Vorträge an verschiedenen Ergotherapieschulen und Fachkongressen im In- und Ausland. Fachpublikationen | E-Mail | Website

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