Therapie und Hilfs­angebote bei Erledigungsblockade

Da das Problem noch nicht bekannt ist, sind kaum spezifische und wirksame Hilfsangebote zu finden und die Betroffenen stehen mit ihrem Unvermögen, dem Unverständnis der Umgebung und ihren Selbstvorwürfen alleine da. Dabei ist es recht einfach, wirksame Hilfe zu geben. Psychotherapie ist oft wichtig, doch ändert sich damit am Alltagspraktischen kaum etwas, und der Leidensdruck nimmt nicht ab. Psychologen, Sozialarbeiter und Schuldnerberatungsstellen arbeiten in ihrem Büro. Erledigen lernen können die Betroffenen aber oft nur, wenn jemand neben ihnen sitzt, während sie dem Drachen auf ihrem Schreibtisch die Stirn bieten. Als Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sind wir darin ausgebildet, verschiedenartige Einschränkungen der Handlungsfähigkeit zu erfassen und zu behandeln, weshalb unser Beruf für die Begleitung von Menschen mit Erledigungsblockade prädestiniert ist. Eine neue Methode oder einen neuen Behandlungsansatz zu lernen, um diese Begleitungen übernehmen zu können, ist für ErgotherapeutInnen nicht notwendig. Unabdingbar sind ausgeprägtes Einfühlungsvermögen, Feingefühl, Wertschätzung und Strukturiertheit, vorteilhaft sind Warmherzigkeit und Humor. (Artikelbild von The Wandering Angel via Flickr)

Lösungen und erste Erfolge bei Erledigungsblockade

In unserer Arbeit mit Menschen mit Erledigungsblockade hat sich folgendes gezeigt: Die Situation bessert sich sehr schnell, wenn die richtige Art der Unterstützung gegeben wird. Personifiziert eine Vertrauensperson stellvertretend Handlungsentschlossenheit, Selbstdisziplin, Übersicht und den Optimismus, dass die Situation gemeistert werden kann, wird schon nach der ersten Sitzung deutlicher Auftrieb spürbar. Bald zeichnen sich Lösungen und Erfolge ab. Nach drei bis vier Sitzungen ist die teils Jahre alte Post geöffnet, sortiert, eingeordnet, die Kreditkarten in Sicherheit, die Pendenzen erfasst und priorisiert—die Damoklesschwerter entfernt. Obwohl es den Betroffenen äusserst peinlich ist, bei diesen „einfachen Dingen“ begleitet werden zu müssen (im Beruf sind sie ja souverän und oft daran gewöhnt, das Sagen zu haben), sind sie nach den positiven Erfahrungen äusserst erleichtert.

Langsam gewöhnen sie sich daran, dass es auch ein Leben ohne Mahnungen und Androhungen gibt und dass Briefe nicht per se bedrohlich sind.

Bei der therapeutischen Arbeit achten wir neben dem konkreten Erledigen, Entscheiden, Prioritäten setzen und einhalten lernen, nebenher auf Verhaltensmuster, den Umgang mit Unruhegefühlen, Fluchttendenzen, Kompensations- und Selbstbetrugsneigungen, Denkblockaden, Fallstricke usw. Diese sollen bewusst wahrgenommen, ausgehalten und ein konstruktiver Umgang damit erarbeitet werden. Somit fliessen verhaltenstherapeutische Aspekte ein. Methoden aus der Arbeitstechnik sind ebenso wichtig, z.B. die Verwendung von Hängeregisterkästen („Papier darf niemals waagrecht liegen, da man in einem Stoss endlos suchen kann“), Listen, Mindmap, Zielerarbeitungsbuch, Kontroll- und Erinnerungssysteme. Wesentlich ist eine regelmässige, Rückfrage- oder auch Kontrollfunktion in den Sitzungen und zwischendurch per Telefon, SMS oder Mail; anfangs engmaschig, später in grösseren Abständen. Wichtig sind auch Techniken zur Verbesserung der Konzentration und zur Stressreduktion, wie zum Beispiel bewusste Planung ohne Überforderungen, das Einhalten von Pausen und Selbstbelohnung, progrediente Muskelrelaxation, Herzkohärenzübungen, Bio- oder Neurofeedback. Oft ist im Arbeits- oder sozialen Umfeld hilfreich oder notwendig, sich als Mensch mit Erledigungsblockade zu erkennen zu geben, was verarbeitet werden muss. Regelmässig schreiben wir auch Briefe an Ämter oder Gläubiger mit Erklärung der Erledigungsblockade und Bitte um Entgegenkommen.

Erfolgserlebnisse und Selbstständigkeit

Die Begleitung bringt eine grosse Erleichterung mit sich, Erfolgserlebnisse und das Gefühl, wieder Macht über das eigene Leben zu gewinnen. Die eigentlich vorhandene Fähigkeit zu erledigen wird zu einer realen Fähigkeit. Anfänglich motiviert der Wunsch, die TherapeutIn nicht zu enttäuschen dazu, sich zu überwinden. Später spornt die Erfahrung der zurückkehrenden Handlungsfähigkeit sie zu weiteren Erfolgserlebnissen an. Die Betroffenen können wieder zu Selbstständigkeit befähigt werden, doch eine äussere Strukturierungshilfe und Kontroll- beziehungsweise Nachfragefunktion ist in abnehmender Häufigkeit meist für einige Zeit nötig.

Einigen genügen wenige Sitzungen in der Praxis, bis sie ihre Angelegenheiten wieder im Griff haben, oft ist eine monate- bis jahrelange Begleitung zuhause notwendig.

Heute haben wir in dieser Arbeit drei Jahre Erfahrung mit rund 50 PatientInnen. Überweisungen erhalten wir von HausärztInnen, PsychiaterInnen und SozialarbeiterInnen. Zudem meldeten sich auf Artikel über unsere Arbeit viele Betroffene selbst. Wir erleben diese Arbeit als äusserst befriedigend, unter anderem, da so rasch eindrückliche Erfolge erfahrbar sind.

Bezüglich der Kostenübernahme durch die Krankenkasse bei Diagnosestellung Erledigungsblockade oder ADHS (ohne ICD-10-Definition) bestehen erst wenig Erfahrungen. Da in den meisten Fällen zusätzlich psychische oder somatische Leiden vorhanden sind, ist Ergotherapieindikation trotzdem meist anerkanntermaßen gegeben. Wenn nicht, sind die Kosten von den Betroffenen selbst zu tragen. Für Betroffene, denen dies nicht möglich ist, beantragen wir Stiftungsgelder—ebenso wenn der Therapieaufwand ein Maß überschreitet, welches sinnvollerweise den Krankenkassen aufgebürdet werden kann, zum Beispiel bei der Therapie von Menschen mit Messie-Zwangserkrankung, welche jahrelang in sehr großem Umfang Begleitung und Unterstützung benötigen.

Für die Arbeit mit „Messies“ zogen wir stellensuchende Ergotherapieschulabgängerinnen ein, welche auch ohne Berufserfahrung hierbei sehr kompetente Arbeit leisten und bereichernde Berufserfahrungen sammeln konnten. Wenn die Kosten von Stiftungen oder den Patientinnen und Patienten selbst übernommen werden, ziehen wir oft auch geeignete nichttherapeutische Unterstützungspersonen bei, welche viel kostengünstiger arbeiten können als wir und im Unterschied zu uns halbe oder ganze Tage aufräumen und ordnen helfen können. Sie werden jeweils von uns eingeführt, beraten und begleitet.

Das Thema Ergotherapie bei ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter ausführlich zu behandeln, wäre Material für einen eigenen Artikel.

Hier soll einzig Folgendes noch erwähnt werden: Im Bereich ADHS, Erledigungsblockade und Stresserkrankungen werden sinnvollerweise auch Bio- oder Neurofeedback-Therapie mit einbezogen. Mit diesen können auf sehr wirksame Weise Konzentrationsfähigkeit bei gleichzeitiger Entspannung trainiert oder auch die Hemisphärensynchronisation verbessert werden. Diese tragen dazu bei Selbstwahrnehmungs-, Entscheidungs- und Unterscheidungsfähigkeit zu steigern, welche wiederum wesentlich dafür sind, Prioritäten setzen und einhalten zu können. Gerne würden wir uns mit anderen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten über dieses Thema austauschen und ein Netzwerk bilden. Seit wir regelmässig aus anderen Regionen diesbezüglich angefragt werden, führen wir eine Liste von TherapeutInnen, welche Unterstützung bei Erledigungsblockade anbieten. Wer aufgeführt werden möchte, melde sich bitte. Auch geben wir gerne Informationsmaterial ab und führen bei genügend Anfragen einen Kurs durch.

Interview von Rosmarie Borle mit Ruth Joss—Wann ist eine Erledigungsstörung oder Blockade ein Fall für die Ergotherapie?

Wer es nicht schafft, einen bestimmten Brief zu beantworten, eine Schadensmeldung auszufüllen etc., Dinge, die einfach zu erledigen wären—hat der ein Problem, eine Blockade oder zuwenig Disziplin?

Wer Dinge nicht tun kann, die er oder sie kann, hat sicherlich ein Problem—und bekommt damit noch viel grössere. Disziplin haben die Betroffenen in anderen Bereichen genug. Das Wort Erledigungsblockade löst oft grosse Erleichterung aus, weil es am treffendsten scheint. Der Therapieansatz eine Blockade zu überwinden, bewährt sich, also gehen wir weiterhin davon aus—wenn auch Blockade etwas Abstraktes ist.

In welchen Arbeitsgebieten geben Sie Ihrer Arbeitsmethode grosse Chancen?

Patientinnen und Patienten mit Erledigungsblockade finden sich in allen ergotherapeutischen Arbeitsgebieten. In Neurologie und Psychiatrie kennen wir sie seit jeher, hier als Folge von CVI, Depressionen oder Süchten. In der Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS ist sie am Häufigsten zu finden, in der Pädiatrie bei ADHS-Kindern und ihren auch von ADHS betroffenen Eltern. Gute Chancen sehe ich für alle engagierten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten und Praxen, die ihr Engagement ausweiten möchten. Wir konnten dank der grossen Nachfrage drei neue Stellen schaffen.

Gibt es Fälle, in denen Ihre Arbeitsmethode scheitert?

Ja, wenn jemand kein Problembewusstsein hat und nur die Angehörigen die Therapie wünschen. Auch wenn jemand längere Zeit „abtaucht“ und weder Anrufe noch Briefe beantwortet, können wir nicht viel tun.

Warum nennen Sie es nicht Prokrastination?

Als mir das Phänomen zum ersten Mal begegnete, ließ sich nirgends eine Bezeichnung dafür finden. Um darüber zu sprechen, war ein Begriff notwendig. Heute liest man von Prokrastination („auf Morgen aufschieben“), doch dieses Wort ist nicht informativ, es muss sogar Lateinischkundigen erläutert werden. Das heute ebenfalls gebräuchliche „Aufschieberei“ ist viel zu harmlos. Die Bezeichnung Erledigungsblockade ist beschreibend, ihre Bedeutung wird von Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen unmittelbar erfasst. Das Wort löst bei Betroffenen einen Aha-Effekt aus—welcher oft zum ersten Schritt führt, das Problem anzugehen.

Haben wir nicht fast alle eine Erledigungsblockade, wenn vielleicht nur auf einem bestimmten Gebiet?

Die Meisten kennen wohl das Phänomen ansatzweise. Doch wenn man die Steuererklärung mit Verspätung einreicht, eine Arbeit im letzten Moment abgibt, die Wohnung nach zwei Wochen Unordnung wieder aufräumt usw., entsteht meist kein wesentliches Problem. Dann handelt es sich um eine Eigenart, die zwar mühsam sein kann, aber auch der Ausdruck von Gelassenheit oder von Begeisterungsfähigkeit und Engagement für (zu) viele Dinge. Erst wer viel Geld für Mahngebühren ausgibt, auch niemanden mehr in die Wohnung lässt oder bestimmten Menschen oder Situationen ausweicht, hat im Leben ernstzunehmende Schwierigkeiten. Erst wenn die psychische oder die physische Gesundheit durch die Erledigungsblockade gefährdet oder vermindert ist, fällt die Problematik in das Aufgabengebiet der Ergotherapie.

Besten Dank.

Weiterführende Literatur

[Originalquelle: EVS-Zeitschrift Ergotherapie 6-09, 6-9, mit freundlicher Genehmigung]

Ruth Joss—Seit 1987 Ergotherapeutin, ab 2007 selbstständig in eigener Praxis in Bern. Berufserfahrung vor allem in den Bereichen Paraplegiologie, Handtherapie, Psychosomatik. Unterrichtstätigkeit und Vorträge an verschiedenen Ergotherapieschulen und Fachkongressen im In- und Ausland. Fachpublikationen | E-Mail | Website

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