Musik kann heilen. Davon ist Simone Willig, Musiktherapeutin, überzeugt. In diesem Beitrag erläutert sie, wie Musik im Allgemeinen und Musiktherapie im Speziellen das schafft. Sie arbeitet als ambulante Musiktherapeutin in dem Franchise-Unternehmen „Musik auf Rädern“ und besucht Alten- und Pflegeheime. Besonders die Arbeit mit Demenz-Patienten hat es ihr angetan. Wenn sie mit ihrem alten Grammofon und den Schellack-Platten unterm Arm auftaucht, können erstaunliche Zusammenhänge aufgedeckt werden. Denn wenn so starke emotionale Anker geworfen werden, verhakt sich schon mal der ein oder andere dicke Fisch aus Kindheitstagen daran, und das kann zu erstaunlichen Aha-Erlebnissen führen.

Simone Willig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit ein großes Anliegen. Kein Wunder, denn sie ist tagtäglich darauf angewiesen sich mit anderen auszutauschen. Allzu oft zeigt sich die Wirkung der Musiktherapie weit über die Therapiestunde hinaus. Zur Arbeit der Ergotherapeuten gibt es mitunter starke Berührungspunkte, nicht nur weil auch hier Gesang und altes Liedgut eingesetzt wird, sondern auch, weil die Arbeit an Rhythmik und Tempo ganz konkrete Auswirkungen auf funktionelle Therapiemethoden in der Ergotherapie hat. So lassen sich z. B. ADL-Trainings durch Musiktherapie unterstützen.

Ich danke ihr deshalb herzlich, dass sie sich bereit erklärt hat, für ergo im netz ein wenig den Vorhang zu lüften und den Blick zu öffnen für das musiktherapeutische Ensemble!

Musiktherapie

Musiktherapie hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Bestandteil der psychosozialen Hilfe entwickelt. Musik – als eine andere Art von Sprache – hilft, sowohl in Kontakt zu anderen Menschen als auch in Kontakt mit der eigenen Gefühlswelt und dem eigenen Körper zu kommen. Musik vermag es, die eigene Vergangenheit und kulturelle Herkunft in Erinnerung zu rufen und ein Gefühl der Verwurzelung und bleibenden Geborgenheit zu stärken. Insbesondere bei demenziell Erkrankten lassen sich durch Musik oftmals erstaunliche Ressourcen entdecken und fördern. So sind beispielsweise. Liedtexte meist bis auf die letzte Strophe problemlos reproduzierbar, was zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins führen kann. Die mit den Liedern verknüpften Erinnerungen werden wach und können ausgetauscht werden, es entsteht eine neue Art von Kommunikation – verbal und nonverbal, mit Instrumenten gestaltet. Musik ist der Spiegel der persönlichen Identität, die im musikalischen Ausdruck ihr Gegenüber findet und stellt somit eine der stärksten identitätserhaltenden Methoden im Umgang mit Demenzkranken dar.

Musik wirkt

Musiktherapeuten benutzen Musik als ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel, das unmittelbar die Emotionen eines Menschen anspricht. Im Unterschied zu anderen Fachdisziplinen ermöglicht die Musiktherapie einen Raum für Empfindungen, Resonanz und Begegnung, der auch Patienten zugänglich ist, die noch nicht, nicht mehr oder nur teilweise über verbale Kommunikationswege zu erreichen sind.

Musik…

•    löst und drückt Emotionen aus

•    weckt Erinnerungen

•    ermöglicht Kontakt und Kommunikation

•    hat eine Halt gebende Struktur und geschieht in der Zeit, sie schafft Zusammenhänge in einem zusammenhangslosen Erleben

Musik als multisensorische Erfahrung ermöglicht einen Kontakt- und Dialogaufbau ohne Sprache. Über den Hörsinn werden die Patienten durch Klänge, Töne und Stimme angesprochen. Dabei kommt den verschiedenen Parametern der Musik besondere Bedeutung zu. Hier die wichtigsten im Überblick:

Rhythmus

Rhythmus ordnet die Musik und zieht so unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich. Die Verinnerlichung des Rhythmus ist ein äußerst wichtiger Baustein zur Behandlung von sensorischen Beeinträchtigungen, da er Konzentration und Koordination positiv beeinflusst. Ein stabiler, verinnerlichter Rhythmus ist somit maßgeblich an der Strukturierung und Organisation des Körpers beteiligt, wie auch Funktionen des Körpers einem gewissen „Rhythmus“ unterliegen (Atemrhythmus, der individuelle Rhythmus des Herzschlags, Schlaf-Wach-Rhythmus, etc.)

Tempo

Das Tempo einer Musik unterstützt sensomotorische Reaktionen, beeinflusst kognitive Verarbeitungsstrategien, ist verantwortlich für Impulskontrolle, Muskeltonus und Entspannung

Melodie

Während der Rhythmus instinktive Bewegungsreaktionen hervorruft, stellt die Melodie das Emotionen weckende und unterstützende Element der Musik dar. Die Melodie zieht die Aufmerksamkeit des Gehirns auf sich, indem es den Ton „vorausahnt“. Die Melodie kann als Vorläuferin für Sprache angesehen werden und ist nonverbaler Überbringer von Gefühlen.

Musiktherapie wirkt gezielt

Musik allein ist noch keine Musiktherapie. Betrachtet man die oben angedeuteten Wirkungen, so wird schnell deutlich, welchen Einfluss Musik auf unterschiedliche körperliche wie seelische Prozesse nimmt. Dies gebietet einen verantwortungsvollen Umgang mit diesem Medium. Musik kann durch ihren hohen Aufforderungscharakter in manchen Situationen angenehm, entspannungsfördernd, ausgleichend, stimmungsaufhellend sein, in anderen Situationen jedoch völlig fehl am Platze, störend und hinderlich für die Erhaltung der Lebensqualität der Patienten. Gerade, wenn sie nicht in der Lage sind, selbstständig zu kommunizieren, dass die Musik abgeschaltet werden möge.

Musiktherapie meint vielmehr den gezielten Einsatz von Musik im Rahmen einer therapeutischen Beziehung zur Erhaltung und Förderung von körperlicher, seelischer und geistiger Gesundheit (vgl. Definition Musiktherapie der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft www.musiktherapie.de). Die Musiktherapie macht sich die verschiedenen Wirkprinzipien der Musik zunutze, sie entwickelt Kontakt und Beziehung zwischen dem Patienten und dem professionell ausgebildeten Musiktherapeuten, den Angehörigen sowie der Pflege und sie lebt von der Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team.

Das interdisziplinäre Orchester

Fotografie von Heike BallerDiese Zusammenarbeit von Musiktherapie, Logopädie, Ergo- und Physiotherapie trägt besonders im Bereich der Neurologie Früchte und wird dem Ziel einer umfassenden Rehabilitation für den Patienten gerecht. Musik als Medium verfügt über die Eigenschaft, auch schwerst hirngeschädigte Menschen zu erreichen. Dies gelingt ihr zum einen dadurch, dass das Gehör der Sinn ist, der am längsten funktionsfähig und damit aufnahmebereit bleibt. Zum anderen erfolgt die Wahrnehmung akustischer Reize auf basalen Stufen der neurophysiologischen Informationsverarbeitung (die Verarbeitung findet im intakten Hirnstamm statt), bedarf also nicht notwendigerweise komplexer Fähigkeiten des Gehirns.

Tanz der Neuronen

Verschiedene Parameter der Musik (Rhythmus, Metrum, Tonhöhe, etc.) stimulieren und vernetzen unterschiedliche Hirnareale. Das Hören von Musik aktiviert und nutzt verschiedene Hirnregionen zur gleichen Zeit – ebenso wie aktives Musizieren.

Musik aktiviert nachweislich emotionale Zentren im Gehirn und ist Auslöser für neuronale Reorganisationsprozesse.

Dies bestätigen auch die Forschungsarbeiten von Michael Thaut, eines amerikanischen Neurowissenschaftlers. Er leitet das Center for Biomedical Research in Music an der Colorado State University. Thaut fand heraus, dass Musik bestimmte Funktionen des höheren Denkens steuern und verbessern kann. Auf dieser Basis entstanden musiktherapeutische Techniken sowohl für Sprech- und Sprachtraining als auch für kognitives und sensomotorisches Training, die sich nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin beschreiben und anwenden lassen. Das bedeutet, dass Musik komplexe, kognitive, affektive und sensomotorische Prozesse im Gehirn stimulieren kann, deren Funktion wiederum auf nicht musikalische Therapieansätze übertragen werden kann. So verbessern beispielsweise unscheinbare akustische Signale die Bewegungsbereitschaft des motorischen Nervensystems.

Im Spannungsfeld von Funktionalität und Emotionalität liegt die Chance der Musiktherapie, sich flexibel und individuell an die aktuelle Bedürfnislage der Patienten anzupassen. Dies spiegelt sich auch in der Unternehmensstruktur von „Musik auf Rädern“ wieder.

Musik auf Rädern

Entstanden aus einer Diplomarbeit in Münster hat sich das Unternehmen dem Markt der ambulanten Musiktherapie und der Notwendigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit angepasst und wächst seit 2003 kontinuierlich weiter. „Musik auf Rädern“ arbeitet bundesweit. Derzeit sind 20 MusiktherapeutInnen in 14 Städten unterwegs. Das Angebot erstreckt sich von Musiktherapie mit alten Menschen bis zur Musiktherapie mit Kindern und bei speziellen Krankheitsbildern. Über 15 verschiedene Behandlungskonzepte sind entstanden.

„Wir bringen Musik ins Haus“ – unter diesem Motto bringt „Musik auf Rädern“ Musik zu alten, kranken und behinderten Menschen nach Hause und in Institutionen, um die Lebensqualität für sie und den Pflegealltag zu verbessern. Musik auf Rädern sieht seine Aufgabe darin, sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für pflegende Angehörige und Pflegekräfte eine bereichernde und hilfebringende Ergänzung zu sein. In der musiktherapeutischen Arbeit orientieren wir uns an individuellen Bedürfnissen und Wünschen. Auf kreative Weise versuchen wir, mit Musik in tiefere Schichten der Persönlichkeit zu erreichen als es oft mit Worten möglich ist.

Text: Simone Willig, Dipl.-Musiktherapeutin (FH), NMT, Psychotherapie (HPG), zertifizierte Musiktherapeutin (DMtG), Bild: Heike Rössing, Fotografin

Weiterführende Literatur und Informationen

Silke Jäger ist Ergotherapeutin, Lektorin und Projektmanagerin und verdient ihre Brötchen als Freiberuflerin mit Texten über Rehabilitation, Therapie und Gesundheitsthemen—Website