Ach hätte ich doch Fotos oder ein Video gemacht…denke ich mir heute. Mir ist kürzlich im Rahmen meiner freiberuflichen Tätigkeit als Ergotherapeut eine „Aha-Situation“ begegnet, die alle anderen Berufsgruppen die mit der betreffenden Klientin zu tun hatten konsequent für mehrere Monate übersehen hatten und in der ich für die „ergotherapeutische Denke“ zu der ich ausgebildet wurde sehr dankbar war—und einen schönen (und beeindruckenden) Erfolg erzielen konnte. Und da sage noch einer es komme nicht auf die kleinen Dinge an…(Artikelbild von Joachim Schlosser via Flickr)

Die Ausgangssituation der Klientin

Die Klientin, nennen wir sie hier einfach Frau K., erlitt vor wenigen Monaten einen linksseitigen Insult, der Notruf durch die—zu diesem Zeitpunkt selbständig lebende—Klientin erfolgt aufgrund ihrer Biografie erst mehrere Stunden nach dem Geschehen. Wegen der prolongierten Zeitdauer bis zur Erstversorgung weist Frau K. trotz mehrmonatiger Rehabilitation folgende persistierende neurologische Defizite auf:

  • armbetonte, rechtsseitige Hemiparese Grad I-II re. mit faktisch im Alltag funktionslosem Arm mit Subluxation im Schultergelenk von ca. 1,5 cm; ungezielte, synergistische Bewegungsmuster vor allem im Schultergürtel und der Rotatorenmanschette bei versuchter Willkürmotorik distal der Schulter
  • Mittelgradige Sensibilitätsstörungen in allen Qualitäten im der re. OE
  • abgeschwächtere Symptomatik im re. Bein unter laufender Physiotherapie

Frau K. ist rollstuhlmobil, der verwendete Rollstuhl ist an ihre Bedürfnisse angepasst (verlängerter Bremshebel auf der re. Seite), der re. Arm ist nachts mit einer Nachtlagerungsschiene versorgt, untertags verwendet sie einen (inadäquaten, aber das ist eine andere Geschichte) Lagerungspolster. Körperpflege, Nahrungsaufnahme, Toilettengang und Ähnliches erfolgen mit (zu extensiver) Unterstützung durch das Pflegepersonal vor Ort. Frau K. pflegt guten Kontakt zu ihren Angehörigen und erhält viel Besuch, der Umzug in eine kleine Stadtwohnung in absehbarer Zeit ist bereits geplant.

Die Lebenssituation im Zimmer der Klientin

Das Dreibettzimmer, das aktuell nur von der Klientin bewohnt wird, bietet ausreichend Platz für uneingeschränktes Rangieren mit dem Rollstuhl, das Badezimmer ist ebenfalls großzügig gestaltet und mit barrierefreier Dusche inklusive Sitzgelegenheiten und zahlreichen Handgriffen ausgestattet, die Klientin kommt in ihrer Umgebung prinzipiell gut zurecht, Transfers vom Querbettsitz in den Rollstuhl und vom Rollstuhl in Rückenlage können von Frau K. selbständig durchgeführt werden, mit Unterstützung kann sie mit einem Gehstock kürzere Strecken (ca. 50 m) zurücklegen.

Ungewollte Mobilitätseinschränkungen durch falsch aufgestelltes Mobiliar

Das elektrische Krankenbett der Klientin steht mit dem Kopfteil und der rechten Seite anliegend an zwei Wänden, Rufanlage und Fernbedienung können von Frau K. sowohl am Tag als auch in der Nacht selbständig bedient werden. Was sie allerdings nicht beherrscht, ist der selbständige Transfer von der Rückenlage in den Querbettsitz—eine Fähigkeit die ihr das nächtliche Aufsitzen (zum Beispiel um etwas zu trinken) ohne Unterstützung durch das Pflegepersonal ermöglichen würde, was Frau K. für sich als wichtig erachten würde. Schade eigentlich, denn der linke Arm funktioniert motorisch einwandfrei und sie kann sich ohne Hilfe im Bett auf die betroffene Seite drehen…aber so ist das halt nach einem Schlaganfall, oder?

Ein kleiner ergotherapeutischer Trick löst viele Probleme

Zugegeben, ich musste einen versuchten Transfer von Frau K. auch erst zuerst mit eigenen Augen sehen—aber dann fiel es mir tatsächlich wie Schuppen von denselbigen: Das Bett und seinen Position im Raum schränkt ihre Mobilität ein. Punkt.

Das Gute an der Sache: wir konnten das Problem lösen, die räumlichen Gegebenheiten im Zimmer von Frau K. erlaubten es, die Position des Bettes so zu verändern, dass danach das Fußteil und die linke Bettseite Wandkontakt hatten und sie sich völlig selbständig unter Zuhilfenahme ihres nichtbetroffenen Arms vom Rücken auf die betroffene Seite drehen und mithilfe ihres nichtbetroffenen Arms von der Seitenlage ins Querbett mobilisieren konnte—ich kann euch sagen: es war eine wahre Freude das mitanzusehen. Ein paar Kleinigkeiten sind bei solchen Maßnahmen allerdings zu beachten:

  • Die Funktionsfähigkeit des Bettes darf nicht beeinträchtigt werden, das heisst dass die Stromversorgung des Bettes gewährleistet bleiben muss (die Kabellänge muss für die nächstgelegene Wandsteckdose ausreichend sein, sonst muss ein Verlängerungskabel verwendet werden), ebenso darf die Funktion der Rufglocke nicht außer Kraft gesetzt werden.
  • Das Pflegeteam muss über die räumlichen Veränderungen informiert werden, eine praktische Demonstration des Unterschieds im Beisein des Personals ist sinnvoll, hat nachhaltig prägende Wirkung und sorgt im Rahmen der interdisziplinären Zusammenarbeit für gute Compliance des Pflegeteams.
  • Klientinnen und Klienten müssen mit der Maßnahme einverstanden sein, das Motto „Lassen sie uns das nur mal probieren und wenn sie nicht zufrieden sind ändern wir das wieder“ hat sich im konkreten Fall als gut geeigneter Zugang erwiesen.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen:

Augen auf im Krankenzimmer, das zahlt sich aus!