Die aufbauenden Spiele im Holzformat wirken wie aus einer anderen Zeit. Doch die meisten Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten kennen die Nikitin-Spiele und haben sie in ihrem Sammelsurium an Angeboten für die Kinder in den Einrichtungen, in denen sie tätig sind. Kaum ist aber etwas über die Spieleerfinder bekannt, vor allem, dass dahinter eine Pädagogik steht. (Artikelbild von Raúl Hernández González via Flickr: CC BY 2.0)

Boris und Lena Nikitin haben in den 60ern und 70ern des 20. Jahrhunderts sieben Kinder in der damaligen Sowjetunion nach ganz eigenen Vorstellungen erzogen und gefördert. Bemerkenswert, da der damalige historische Kontext nicht unbedingt die Freiheit dazu bot. Ein Ansatz, den es lohnt für Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten wieder hervorzuholen und in die aktuelle Sicht der pädiatrischen Ergotherapie einzubetten.

Kindererziehung und Förderung in der Familie Nikitin

Der Alltag und das Leben der Familie Nikitin spielte sich auf dem Land im Ort Boleschwo in der Sowjetunion, in einer Zeit die vor allem als „kulturelle Stagnation“ galt, ab. Schule und Pädagik galten als vorrangigste Aufgabe des Staates und Konformität wurde zum Prinzip der Gesellschaft.

Boris der Vater war Ingenieur und bezeichnete sich selbst später als „Berufstätiger Vater“. Seine Frau Lena war im Ort in der Bibliothek beschäftigt. Beide sahen die Erziehung ihrer Kinder als wissenschaftliches Experiment an. Das Handeln & Fördern beinhaltete viele Facetten, die zwar in Büchern publiziert, aber nie so geordnet wurden, dass man von einem Konzept sprechen könnte. Augenscheinlichen war vor allem die Bekleidung. Besser noch genau die Sachen, die sie nicht trugen. Meist waren sie lediglich in Unterhosen im Haus und draußen unterwegs, auch das Abhärten bei Minusgraden war schon seit Babyalter Usus. Recht gaben ihnen die geringen Krankheitsvorfälle aller Kinder.

Klettern und Sport überall

Zusätzlich diente das Haus als kompletter Kletterplatz. Ringe, Seile und die Sprossenwand waren ständig beliebte Spielplätze der Kinder. Vater Boris notierte dabei fleißig und verglich die Fortschritte untereinander oder lud das Dorf regelmäßig zu Sportwettkämpfen ein. Natürlich gewannen die Nikitin-Kinder. Vater Boris ging vor allem davon aus, dass Sport zum einen gesund hält, aber dadurch auch die grundlegenden mathematischen und physikalischen Kenntnisse, wie Entfernungen und Gewichte, verankert werden.

Die Werkstatt als Förderumgebung

Neben den Sportutensilien wurde ebenso eine Werkstatt für die Kinder eingerichtet, in der sie all die Dinge machen konnten, wie es die Erwachsenen tun. Sägen, Hobeln, Nägel einschlagen. Verletzungen wurden einkalkuliert und waren Teil der Methode. Denn darin waren sich die Eltern einig, erst dadurch lernen die Kinder Gefahren abzuschätzen und ihre Motorik zu entwickeln. Buchstaben waren schon mit Beginn des Einsatzes von Sprache alltäglicher Umgang für die Kinder. Denn die paar Buchstaben waren nach der Logik der Eltern keine nennenswerte Belastung für die kognitiven Fähigkeiten der Kinder. Kaum verwunderlich dass alle Kinder schon lange vor dem Schuleintritt lesen und schreiben konnten.

Selbständigkeit als Leitprinzip

Gleichzeitig mussten alle Kinder gemäß ihrer Fähigkeiten diese auch einbringen. Einem Kind, welches gelernt hatte sich anzuziehen, wurde nicht mehr die Möglichkeit eingeräumt dies von den Eltern oder Großeltern machen zu lassen. Denn auf diese Weise, so die Idee der Eltern, sollten die Kinder nicht ihrer bereits vorhandenen Fähigkeiten wieder beraubt werden.

Die aufbauenden Spiele waren zu dieser Zeit auch in der Familie in Gebrauch. Allerdings nahmen diese nur eine sehr geringe Zeit des Tages in Anspruch. Sie sollten die Kinder befähigen, sich schon mit logischen Problemen zu beschäftigen.

Die Hypothese von der Entstehung und Entwicklung der schöpferischen Fähigkeiten

Die Theorie, die den Gedanken von Boris und Lena Nikitin zu Grunde liegt nennt sich: Hypothese von der Entstehung und Entwicklung der schöpferischen Fähigkeiten.

Zusammengefasst bedeutet dieses dass es grundlegend zwei Arten von Fähigkeiten des Lernens gibt. Zum einen die ausführenden Fähigkeiten, die bis zum damaligen Zeitpunkt das traditionelle Lernen an Schulen repräsentierte. Vor allem durch Zwang von Wiederholungen und Einüben war dieser pädagogische Akt gekennzeichnet. Zum anderen besagt die schöpferische Fähigkeit, dass durch experimentieren, selber machen und erforschen größere Lernerfolge erzielt werden können, da diese durch Interesse und Leidenschaft positiv begünstigt werden.

Revolutionär war damals schon Nikitins Annahme, dass die Fähigkeit kein alleiniges Produkt der Vererbung ist sondern ein Resultat optimaler früher Förderung. Und der optimale Zeitpunkt dieser Reife liegt deutlich vor den Annahmen der damaligen Zeit. Und je eher die frühe Förderung einsetzt, desto größer die Entwicklungskurve der Fähigkeiten. Verpasst man diesen Zeitpunkt, so nimmt die Kurve des Möglichen proportional zum Zeitpunkt der Förderung ab. Letzterem würden wohl so einige Neuroforscher vehement wiedersprechen wollen…

Nach dieser Vorstellung erzogen die Nikitins ihre Kinder. Alle sieben zeigten Spitzenleistungen in diversen Intelligenztests. Alle Kinder wurden vorzeitig eingeschult oder übersprangen mehrere Klassen. Besonders glücklich waren sie in der Schule aber nie.

Wie sehen die Nikitin-Kinder diese Erziehungsmethode?

„…auf diesem niedrigen Niveau wirkten wir natürlich wie kleine Genies.“

oder

„Im Prinzip besteht zwischen Schule und Bildung wirklich keine Verbindung.“

Das sind Aussagen von Julia Nikitin, die sie 1990 in einem Interview gegeben hat. Die Mutter tolerierte aus diesen und anderen Gründen das Schwänzen der Kinder, die zu Hause geistig auftankten. Auch fehlten den praktisch veranlagten Nikitins eben jener Bezug in der Welt der Bildung. Wanja Nikitin beschieb dies wie folgt:

„Alle Kenntnisse, die ich in der Schule […] erworben habe […] fordern nicht den Verstand sondern belasten eher das Gedächtnis, und das auch nur minimal.“

Auch wenn die Öffentlichkeit enttäuscht war keine Nobelpreisträger unter den Nikitins zu finden so ist aus ihnen trotzdem etwas geworden, nämlich: Juristin, Chemiker, Krankenschwester, Zweimal Bibliothekarin, technischer Zeichner und Lehrer…

Nachfolgend eine schöne Dokumentation aus dem Jahr 1965, die sich auf YouTube finden lässt (Englische Untertitel müssen in den Player-Einstellungen gesondert aktiviert werden):

Weblinks

Weiterführende Literatur

Nikitin-Therapiematerial gefällig?


Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website

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