Einleitung

Irgendwie haben wir es hier am handlungs:plan ein bisschen mit den Rollstühlen – zuerst mit der Wheelmap, dann mit einer großflächigen Erfassung der Gegebenheiten für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer in Klagenfurt im Rahmen des Projekts „ergo-goes-wheelmap“ und jetzt ist völlig unverhofft das nächste interessante Rollstuhl-Ding bei der Tür hereingeschneit (und das ist jetzt schon fast wörtlich zu nehmen): Per E-Mail wurde ich auf die Idee eines „Exildeutschen“ in der Schweiz namens Patrick Mayer aufmerksam gemacht, der selbst Rollstuhlfahrer ist und viel Sport betreibt – in Kombination mit dem Schneereichtum seines aktuellen Wohnortes und einer pfiffigen Idee entstand ein nützliches Zubehörteil, das auf vielen Rollstühlen eingesetzt werden kann und aus ergotherapeutischer Sicht wesentlich dazu beiträgt, die Teilhabe von Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern zu erhöhen und ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen: Vorhang auf für die Wheelblades!

Mir persönlich war bisher nicht so richtig bewusst, dass das Hindernis, das Schnee für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer darstellen kann ein so Großes ist, und dass sich die Fortbewegung mit Skiern deutlich einfacher gestalten lassen würde – denn das sind die Wheelblades im Wesentlichen: Mini-Skier für die Vorderräder von Rollstühlen. Patrick Mayer hat mir in einem – per E-Mail geführten – Interview interessante Einblicke über die Schneeproblematik im Allgemeinen und die Entwicklung der Wheelblades vom ersten Prototypenstadium bis hin zur Serienfertigung gegeben, lest selbst…

Das Interview

Hallo Patrick, wer bist du, wo kommst du her und wo lebst du zurzeit?

Hallo Markus, ich heiße Patrick Mayer und bin 33 Jahre alt. Ich bin 1979 in Tübingen, in Süddeutschland, geboren und verbrachte dort bis zum 17. Lebensjahr auch meine Jugend. Nun lebe ich seit Januar im wunderschönen Arosa, einem süßen Schweizer Bergdorf auf 1800 Metern Seehöhe mit viel Schnee.

Wusstest du, dass ein österreichischer Zuckerwarenfabrikant bis vor nicht allzu langer Zeit scharfe Pfefferminzbonbons unter dem Markennamen „Arosa“ vertrieb?

Ne, das wusste ich nicht aber man sollte sich auf keinen Fall mit den Schweizern anlegen. Vor allem nicht wenn es um Bonbons geht, denn „Wer hat’s erfunden“? Richtig, die Schweizer!

Seit wann benutzt du einen Rollstuhl, und mit welchen Arten von Rollstühlen hast du bisher Erfahrungen gesammelt?

Ich bin nun schon seit zwölf Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Ich hatte am 1. April 2000 einen schweren Snowboardunfall der zu einer Prellung des Rückenmarks mit einer inkompletten Querschnittslähmung geführt hat. Zu dieser Zeit bin ich auf ein Sportinternat in der Schweiz gegangen um meinen großen Traum vom Freestyle-Snowboardprofi zu verwirklichen. Ich hab es immerhin bis auf Platz fünf in der deutschen Rangliste geschafft. Zum Glück bin ich im Oberkörper sehr fit und kann einen sportlichen, manuellen Rollstuhl fahren, das Schicksal eines Elektrorollstuhls ist mir erspart geblieben.

Welche Art von Rollstuhl verwendest du im Moment?

Jetzt fahre ich den besten Rollstuhl der Welt. Es ist ein sportlicher (manueller) Rollstuhl von der Firma Otto Bock und er heißt Voyager. Ich liebe es mit ihm durch die Straßen zu flitzen…

Aus welchen Einschränkungen die du erlebt hast, ist die ursprüngliche Idee der Wheelblades entstanden, und wie sehr hat sich das Endprodukt im Vergleich zu den ersten Entwürfen verändert?

Wheelblade-Ski am Rollstuhlvorderrad montiertNeun Monate nach meinem Unfall habe ich mit dem Monoskifahren angefangen. Da kommt man natürlich auch sehr oft mit Schnee in Berührung. Außerdem liebe ich den Winter und bewege mich gerne im Schnee. Als Rollstuhlfahrer merkt man dann sehr schnell, wo das Problem liegt. Die kleinen Vorderräder sinken im weichen Untergrund ein und dann bleibt der Rollstuhl hängen. Nicht mal hilfsbereite Personen können das ändern, und somit bleiben viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer bei Schneefall zu Hause. Für mich gehört Winter und Schnee zu meinem Leben, und ich hasse es eingeschränkt zu sein. Die Idee mit Kufen unter den Vorderrädern ist an sich nichts Spektakuläres, ich bin diesen Weg einfach bis zum Ende gegangen und siehe da, aus einer Idee wurde ein ganz tolles Hilfsmittel, dass vielen benachteiligten Menschen einen kleinen Vorteil verschafft. Das ist wohl auch mein Charakter (ganz oder gar nicht). Wenn ich etwas will und von etwas überzeugt bin, dann geh ich mit voller Konsequenz an die Sache bis das Ziel erreicht ist. Wenn Du Snowboardprofi werden willst, dann musst halt deine Heimat verlassen und auf ein Sportinternat gehen wo du die optimalen Trainingsbedingungen vorfindest.

Die Wheelblades sind natürlich zuerst auf Papier entstanden. Ich bin auch kein technischer Zeichner aber ich hatte sehr klare Vorstellungen, wie das Ganze aussehen soll. Mit der Zeit kommen immer neue Ideen aber auch neue Probleme dazu. Wenn man alle Probleme gelöst hat, kann es mit dem Konstruieren losgehen. Die ersten Modelle hab ich selber angefertigt und einen Schönheitspreis hätten sie nie gewonnen. Mir ging es aber auch einfach nur darum zu schauen, ob meine Überlegungen und das Prinzip funktioniert. Es ist ein bisschen so wie vom Embryo zum jungen Erwachsenen…

Ich hatte super Unterstützung von einer Schweizer Firma die sich auf die Entwicklung von Produkten spezialisiert hat. Nach zwei Jahren des Ausprobierens und Testens hab ich dann zusammen mit ihnen die Konstruktion gestartet.

Wo siehst du die hauptsächlichen Anwendungsgebiete der Wheelblades?

Die Wheelblades eigenen sich für jeden, der gerne mit Rollstuhl oder Kinderwagen in den Schnee gehen möchte. Für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer bedeutet das, dass sie endlich mal ganz normal über verschneite Spazierwege fahren können und somit auch den Winter genießen können. Auch in großen Städten wie Berlin wird nicht immer gut geräumt und viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer werden dadurch deutlich in ihrem Bewegungsfreiraum eingeschränkt. Mit den Wheelblades kann man auch wunderbar über vereiste Gehwege hinweggleiten. Alter und Grad der Behinderung spielen dabei keine Rolle. Alte Leute können von Angehörigen endlich auch mal durch verschneite Parks geschoben werden. Das fühlt sich auf jeden Fall besser an, als zu Hause zu warten bis die Wege wieder frei sind. Meine Erfindung ist auch interessant für alle Familien mit Kindern im Rollstuhl. Schneemann bauen und im Schnee spielen sind dann auch für behinderte Kinder möglich. Darauf hat doch jeder Mensch ein Recht.

Durch die verstellbare Bindung werden alle gängigen Radbreiten abgedeckt. Die Bindung kann in ihrer Breite von einem bis sechs Zentimeter eingestellt werden. Diese Einstellung muss nur ein einziges Mal gemacht werden, das Gleiche gilt natürlich auch für Familien mit Kinderwägen.

In welchen Situationen tragen die Wheelblades für die selbst dazu bei, Aktivitäten auszuführen die dir wichtig sind?

Wheelblade-Ski mit Abnützungen an der Lauffläche am rechten Vorderrad eines AktivrollstuhlsIch möchte auf meine Wheelblades nicht mehr verzichten. Ich kann bei Schneefall nicht einfach meinen Rollstuhl stehen lassen um kurz zu Fuß zur Post zu gehen. Ich bin wirklich sehr froh, dass es nun endlich ein technisches Hilfsmittel gibt, das mir zu mehr Freiheit verhilft. Als leidenschaftlicher Landschaftsfotograf gehe ich auch gerne im Winter fotografieren. Dank den Wheelblades kann ich das nun ohne größeres Gewürge machen. Als ebenso leidenschaftlicher Skifahrer kommt man natürlich auch sehr häufig mit Schnee oder Eis in Kontakt. Durch die Wheelblades wird der Weg vom Auto zum Monoskigerät zum Vergnügen.

Ist abseits der Wheelblades selbst zusätzliche Ausrüstung notwendig, um mit einem Rollstuhl im Schnee mobil zu sein?

Winterreifen (d.h. Mountainbike-Reifen) für den Rollstuhl, gute Kleider, Schuhe und Handschuhe wären von Vorteil. Je besser die Bereifung, um so weniger ist man auf fremde Hilfe angewiesen, der Inbusschlüssel für die Wheelblades wird mitgeliefert – ansonsten ist keine spezielle Ausrüstung notwendig.

Aus welchem Material oder welchen Materialien werden die Wheelblades gefertigt und wo werden sie produziert?

Die Wheelblades werden aus hochwertigem Kunststoff und Aluminium hergestellt. Ich wollte ein stabiles und robustes Hilfsmittel herstellen, das auch bei hohen Minustemperaturen nicht kaputt geht. Der Klemmbügel wird extra aus Aluminium angefertigt, damit der Benutzer von einer maximalen Klemmkraft profitieren kann. Natürlich geht es dabei auch um die Ästhetik. Die Einzelteile werden von zwei verschiedenen Schweizer Firmen hergestellt und von mir persönlich zusammengeschraubt und versendet.

Wie schätzt du zum jetzigen Zeitpunkt die Haltbarkeit der Wheelblades ein?

Die Wheelblades bestehen aus zwei Teilen, einer Bindung und einer Lauffläche. Die Bindung sollte sehr lange halten, die Lauffläche wird aufgrund von Rollsplit mit der Zeit leiden. Darum habe ich den Ski so konstruieren lassen, dass die Lauffläche regelmäßig erneuert werden kann. Mit 37 € pro Lauffläche habe ich versucht, preislich sehr niedrig zu bleiben damit sich jeder diese Mobilität leisten kann. Außerdem geht es hier auch um einen sozialen Zweck, da wären Gier und Skrupellosigkeit fehl am Platz.

Welche Unterstützung hattest du bei Entwicklung, Produktdesign und Prototypenfertigung?

In erster Linie habe ich super Unterstützung von den Leuten des Instituts für Produktdesign, Entwicklung und Konstruktion (IPEK), einem Institut der Hochschule für Technik in Rapperswil erhalten, das hat wirklich wunderbar funktioniert!

Welche Rückmeldungen hast du bisher zu deinem Produkt bekommen?

Ich habe sehr viele schöne E-Mails mit Gratulationen bekommen. Sehr viele Menschen finden es toll, dass ich mich für behinderte Menschen einsetze. Viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer und deren Angehörige haben sich bei mir für meine Erfindung bedankt. Alle schreiben mir: „Endlich hat da mal jemand was erfunden, es wurde höchste Zeit“. Ich frage mich ja auch immer wieder, warum ich 2012 der Erste bin, der so etwas Einfaches entwickelt hat. Das Feedback dieser Menschen berührt mich sehr und gibt mir immer wieder viel neue Kraft. Auch vom Design her gefällt den Leuten mein Hilfsmittel. Ich habe elf Jahre lang Freestyle-Snowboard gelebt und da geht es hauptsächlich um Style.

All diese Erfahrungen habe ich in das Produkt einfließen lassen. Das IPEK hat mir bei der Umsetzung enorm geholfen und ohne sie würden die Wheelblades heute nicht so gut aussehen, wie sie es jetzt tun. Danke nochmals herzlich an alle dort!

Ab wann und zu welchem Preis werden die Wheelblades voraussichtlich erhältlich sein?

Die Wheelblades werden ab Ende Oktober 2012 erhältlich sein, ein Paar kostet im Webshop 207,00 €.

Schlusswort

Patrick Mayer mit einer Wheelblade in der rechten HandIch bin noch immer sehr fasziniert von dieser einfachen (und trotzdem genialen) Idee und der Tatsache, dass darauf noch niemand früher gekommen ist. Patrick befindet sich momentan noch beim Sammeln von Spenden im Sinne eines Crowdfunding-Ansatzes für die Serienproduktion und hat bisher ca. ein Fünftel der benötigten Mittel aufgebracht. Wer von euch also einen Beitrag zur finalen Produktion der Wheelblades leisten will, ist hiermit herzlich eingeladen dies zu tun – als Gegenleistung für eingegangene Spenden bietet Patrick zwar keine Wheelblades an (das wäre ja auch zu schön gewesen), aber er stellt dafür hochaufgelöstes Bildmaterial aus seinem Landschaftsfotografie-Portfolio zur Verfügung. Eines davon verwende ich selbst mittlerweile als Hintergrundbild für meinen Computer, sehr beruhigend…

Es besteht also für alle Leserinnen und Leser die Möglichkeit ein bisschen mitzuwirken, die Höhe des gespendeten Betrags kann übrigens selbst bestimmt werden…macht mit!

P.S.: Spendet Geld, das Ding ist wirklich unterstützenswert…

P.P.S.: Spendet Geld, denn mit dem Zahlschein kommt noch eine nette Überraschung mit…

P.P.P.S.: Nein, wir werden für diesen Beitrag nicht bezahlt, das würde sonst ganz deutlich am Artikelanfang stehen…

P.P.P.P.S.: Spendet Geld!

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