Ich schaue mir meinen aus Peddigrohr gefertigten Korb an. Natürlich ist der Boden nicht aus Holz. Die Bodenkreuze sind akkurat mit dem Flechtmaterial verarbeitet. Ich bin natürlich ein kreativer Mensch. Die besten Voraussetzungen also um in der Ergotherapie zu arbeiten. Peddigrohr lag mir schon immer. Nur mein Lehrer fand das nicht. Der war Korbmacher und stellte nur die höchsten Anforderungen an seine Schüler. (Artikelbild von Scott Robinson via Flickr: CC BY 2.0)

Aber ich will ja weg von dem Basteltanten- beziehungsweise Bastelonkel-Image. Das ist gerade zu grotesk in den heutigen akademischen Zeiten und auch überhaupt nicht männlich. Denn da leg ich dann schon Wert drauf.

Leidenschaftlich bin ich in meinem Beruf tätig, da lass ich mir nichts vormachen. Leidenschaftslos bin ich allerdings manchmal mit den Materialien in meinem Ergopraxislager. Neben den vielen Büchern und Spielen und Alltagsgegenständen winken mir immer mal wieder ganz frech die Handwerksmaterialien zu. Sie warten auf ihren Einsatz. Schließlich gehört in der deutschen Ergoausbildung das Handwerk mit 500 von insgesamt 2.700 Stunden zu den Highlights, während die mittlerweile immer wichtigeren Kenntnisse um die Rechte und Gebote der deutschen Rezeptkultur mit insgesamt 40 Stunden (inklusive des Staatsrechtes) abgespeist werden.

Wichtig ist eben, dass die Prioritäten klar verfolgt werden. Und um eine Praxis in Deutschland überhaupt zu eröffnen, muss das Material eben vorhanden sein. Sonst ist man ja auch nicht richtig Ergo. Logisch!

Aber was mach ich denn nun mit dem ganzen Peddigrohr in den verschiedenen Stärken? Da ich die Patienten klientenzentriert frage, was denn deren Ziele und Vorstellungen sind, bin ich immer wieder entsetzt, warum den heute keiner mehr seine Obstschalen selber flechten möchte? Warum will keiner einen Papierkorb selbst im Dreierzuschlag schön herrichten. Da fliegt der Abfall doch gleich viel eleganter rein! Ich kann zumindest meiner Uromas den alten Einkaufskorb wieder reparieren. Handwerk hatte immer schon goldenen Boden.

Na gut, ich will Klientenzentrierung, dann muss ich damit leben, was die da eben wollen. Aber vielleicht habe ich dieses nur noch nicht aus der richtigen Perspektive getan? Ich zentriere mich mal um mich selbst. Ich habe schließlich auch Bedürfnisse. Ich will meinem Peddigrohr etwas Gutes tun, meine Ausbildung nutzen, den Patienten etwas Tolles bieten, deren Fähigkeiten fördern und fordern und nebenbei, dass gehört ja auch irgendwie dazu, etwas Kohle machen.

Ich erarbeite mir ein Konzept und eine Werbekampagne.

Ich plakatiere mit allen Vorzügen des Flechtens: Kontrakturprophylaxe, feinmotorisches Beüben, Kräftigung der Handmuskulatur, Steigerung der Ausdauer und Konzentration.

Um die Effekte des motorischen Lernens einzubauen erarbeite ich mir ein Konzept im Setting der Gruppe. Voneinander zu Lernen ist ja schließlich das A und teilweise auch das O. Das alles hat mir viel Zeit und erhebliche Mühe gekostet. Aber ich bin nun fast glücklich. Nur eines fehlt mir und meinem Peddigrohr noch zum Glück. Ein Name! Ich recherchiere, ich brainstorme, ich frage Marketingexperten! Und letztendlich habe ich es. Mein Peddigrohr und ich sind glücklich. Wir stoßen mit Yogi-Tee an und haben leidenschaftliche Gefühle. Die ersten Klienten haben sich schon gemeldet und bar bezahlt. Ich musste sie kaum überreden. Nächste Woche startet das Leuchtturmprojekt der Region: und ich werde alle herzlich begrüßen zum ersten Termin des:

„Therapeutischen Korbflechtkurses.“

Ich kann mein zentriertes Glück kaum fassen. Und die Anderen…die Anderen werden es schon noch lernen.

Michael Schiewack wurde 1980 geboren, ist seit 2003 Ergotherapeut und seit 2007 in eigener Praxis tätig. Zurzeit studiert er Health Care Education in Berlin. Er hat 2005/2006 als Ergotherapeut in Ghana gearbeitet und organisiert seit 2011 einen jährlichen Workshop in einem Heim für Kinder mit Mehrfachbehinderungen in Minsk—Website